Wohnungen: Auf historischem oder untergenutzten Gelände?

Ernst Gumrich forderte, auch für den Schlossberg eine Erhaltungssatzung aufzustellen.

Zugegeben: angesichts der aktuellen Immobilien-Preise sind zwei oder drei Millionen für eine prächtige alte Villa mit Park nicht übertrieben viel.  Die Oberin der Herrenberger evangelischen Schwestern will noch immer das Haus Wielandshöhe auf dem Österberg meistbietend verkaufen. Nun hat sie einen Investor gefunden. Also den alten Kasten abreißen, das Gelände ausmosten und gewinnträchtige Wohnungen bauen? Und wenn ja, für wen?

Das ist in Tübingen wahrlich die Frage. Denn die neu gebauten Wohnungen am Sidler-Areal zeigen deutlich, dass Wohnungsbau nicht notwendigerweise den Wohnungsmangel lindert. Wer kann sich eine Warmmiete von über 3.800 Euro leisten??? Siehe Anzeige aus „www.immobilienscout24.de“ vom 12. Januar 2018.

Die Stadtverwaltung muss sich etwas einfallen lassen, um

  1. Stadtbild prägende, locker bebaute und historisch gewachsene Viertel zu bewahren. In diesem Sinne war die Erhaltungssatzung für das Ensemble der Verbindungshäuser auf dem Österberg ein guter Schritt in die richtige Richtung. Allerdings muss dem ein zweiter folgen, nämlich ein aufwendiger Bebauungsplan, der die in Deutschland einmalige Darstellung von studentischer Herrlichkeit aus dem 19. Jahrhundert dauerhaft schützt. Die Kette der Verbindungshäuser setzt sich auf dem Schlossberg-Rücken fort und braucht ähnlichen Schutz.
  2. die Aufstockung und sinnvollere Nutzung untergenutzter Gewerbe- und Mischflächen mit Anreizen zu fördern
  3. die Sozialbindung im Wohnungsbau zu stärken.

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Aus dem Gemeinderat:

„Wir diskutierten am Donnerstag im Gemeinderat das Programm „Fairer Wohnen“. Inhalt dieses Programms: Wo wir neues Baurecht schaffen oder städtische Grundstücke veräußern, sollen – sehr verkürzt ausgedrückt- zu einem sehr hohen Anteil sozialer Wohnungsbau bzw. andere soziales Beiträge verlangt werden. Dafür werden die Grundstücke nicht zum höchsten, sondern zu einem fairen Wert verkauft. Sonst geht das nämlich nicht.

Was dem bisherigen Konzept „Fairer Wohnen“ noch fehlt, ist die Ausgestaltung dieser Grundsätze. Es nützt ja nicht viel, wenn wir z.B. Baugruppen ermöglichen, günstiger Grund und Boden zu kaufen und dann günstigere Wohnungen für sich bzw. ihre Mieter zu bauen, wenn sie nach ein paar Jahren frei sind, diese Wohnungen zum jeweiligen Höchstpreis weiter zu verkaufen. Das bewusst von der Stadt am Anfang ins System eingespeiste Geld bleibt dann nicht im System. Die Wirkung verpufft und Einzelne können sich die Hände reiben.

Wie verhindern wir das? Bisher ist das noch unbeantwortet.

Dieses Problem haben wir auch bei Sozialwohnungen. Nach einigen Jahren -davon erzählen die kommunalen Wohnungsbau-Unternehmen mit großer Frustration- bewohnen Sozialwohnungen zu einem großen Teil Menschen, die am Anfang einmal dem Kreis der Berechtigten angehörten, inzwischen aber längst keinen Anspruch mehr darauf haben. Unsere Gesetze erlauben es nicht, sie nach ihrem jetzigen Einkommen zu fragen. Sie können ein Leben lang dort wohnen, selbst wenn sie inzwischen zu den Gutverdienern gehören.

Und, wir müssen aufpassen, dass wir durch diese Konzepte nicht die Schaffung von neuem Wohnraum insgesamt drosseln. Denn der größte Faktor für die Mietpreise sind immer noch Angebot und Nachfrage.

Wir stimmten dem Programm „Fairer Wohnen“ zu mit dem Appell, diese zentralen Fragen schnell gemeinsam zu lösen. Die FDP enthielt sich der Stimme. Das ist eine andere Art zu sagen: Da liegt noch viel Arbeit und vielleicht sogar der schwerere Teil der Arbeit vor uns, und wir hätten uns schon ein paar konkretere Vorschläge über dieses Wie gewünscht.

Jetzt schon zu verkünden, dass Tübingen einen Weg gefunden hat, das soziale Wohnen in Tübingen zu erreichen, wäre deutlich verfrüht. Wir haben eine grobe Landkarte gemalt. Die Durchquerung der sumpfigen Streckenabschnitte müssen wir aber noch genauer planen. Sonst bleiben wir in unseren guten Absichten allein stecken. Oder erreichen nur das Gegenteil. Weniger Wohnungen und noch höhere Preise. Also: An die Arbeit!“

Ernst Gumrich, Fraktionsvorsitzender der Tübinger Liste

13.1.2018

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Verbindungshäuser auf dem Österberg vor Abriss geschützt

„Wielandshöhe: Der Tübinger Gemeinderat hat eine Erhaltungssatzung für den vorderen Österberg beschlossen.

Die Wielandshöhe und andere wertvolle historische Gebäude auf dem vorderen Österberg in Tübingen werden vor einem möglichen Abbruch bewahrt. Der Gemeinderat hat gestern Abend beschlossen, eine entsprechende Erhaltungssatzung aufzustellen. Was nicht unter Denkmalschutz steht, konnte bisher mit einem einfachen Gesuch im Technischen Rathaus plattgemacht werden. Die Stadtverwaltung musste nachweisen, dass ein Haus unbedingt stehen bleiben muss. Künftig ist es umgekehrt: Wer ein Haus abreißen oder stark verändern will, muss eine Genehmigung dafür beantragen.

Die Satzung wurde ohne Gegenstimme bei vier Enthaltungen aus CDU und Linken beschlossen. Geschützt werden die Wielandshöhe und 20 weitere Gebäude und Gärten. Stadtarchivar Udo Rauch sagte, die Kompaktheit der Verbindungshäuser sei in Deutschland einzigartig. Die Wielandshöhe „hat Potenzial, ein Kulturdenkmal zu werden“.

So klar das Ergebnis war, so turbulent die Debatte vor der Abstimmung. Ingrid Fischer (CDU) nannte die Satzung „einen unzulässigen Eingriff“ ins Eigentum. Gotthilf Lorch (Linke) fürchtete, dass Hauseigner durch Einschränkungen weniger für Barrierefreiheit tun könnten. Gerlinde Strasdeit (Linke) verteidigte die Eigentümerin der Wielandshöhe, die evangelische Schwesternschaft Herrenberg-Korntal. Ein Verkauf gegen Höchstpreis komme dem guten Zweck der Altenpflege zugute. Es gebe ganz andere Spekulanten in Tübingen.

Oberbürgermeister Boris Palmer regte sich über die Schwesternschaft auf. „Ich finde es skandalös, dass wir über eine solche Satzung auch nur nachdenken müssen.“ Die Schwesternschaft hätte mit einer Klausel klarmachen können, dass sie an niemanden verkauft, der das Haus abreißen will. Sie habe es zunächst gegen Höchstpreis verkaufen wollen und das irreführend mit ihrer Gemeinnützigkeit begründet. Ein Gutachten des Bundestags habe die Schwestern widerlegt. Zuletzt habe der Verein geleugnet, dass die Verbindung Luginsland das Haus 1937 unter Druck verkaufen musste. Palmer erregt: „Das finde ich empörend.“

Die meisten Stadträte dankten der Verwaltung, einige teilten Palmers Empörung. Ernst Gumrich (Tübinger Liste) forderte, auch für den Schlossberg eine Erhaltungssatzung aufzustellen…“

Schwäbisches Tagblatt vom 12. Januar 2018

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