Kilchberg – voll der Geschichten und Geschichte

Ein Ortsrundgang durch die Jahrhunderte: Von mittelalterlichen Webhütten über Tessinsche Ländereien und Gräber, Schmitthennersche Bauten zum beschaulichen Bücherschrank am Brunnen

Faszinierend: Seit 1999 setzt sich Gundi Reichenmiller für die Interessen der Kilchberger ein, hat enorm viel bewegt, den Verein Pro Kilchberg mit gegründet, die Dorfscheune sanieren lassen. „Das Rathaus ist offen, wenn mein Fahrrad draußen steht,“ sagt die Unermüdliche. Und doch gilt sie noch immer nicht als „von dahanna.“ Allerdings wagt ihr Ehemann die Prognose, dass seine Enkel einst echte Kilchberger sein werden.

Als „Zugezogene“ kann sie sich gut in älter werdende Nachbarn einfühlen, die nicht an jeder Ecke einen Verwandten finden. Sie versteht, dass einigen das Reihenhaus zu groß, der Garten zu mühsam und die Räume zu still werden. Sie wollen ihren Lebensabend gemeinsam und gut aufgehoben in Kilchberg verbringen, möglichst mit einer Möglichkeit sich im Alter pflegen zu lassen. Mit Werner Häcker denkt die Ortsvorsteherin über Modelle von Senioren-Gemeinschaften nach. Ein Grundstück für eine solche Vision hat sie auch schon im Sinn. Es liegt an der Bahnhofstraße, die – hoffentlich – nach dem Bau der B28 jenseits der Bahn ruhiger werden wird. Ein altes Bauernhaus verkommt dort, es regnet durchs Dach. Dort könnte man sanieren oder neu bauen. Ob sich der Eigentümer GWG wohl  überzeugen lässt?

Justine Rehbronn, Diplom-Physikerin und Ortschaftsrätin (Mitte) würde in der Bahnhofstraße lieber sanieren als neu bauen. Die Sucht, alle Orte weiter zu verdichten, hält sie für gefährlich: „Dann wollen immer noch mehr Leute hierher ziehen. Wo soll das hinführen?“

Links Klaus Dieter Hanagarth von der Tübinger Liste, rechts Stadträtin Ute Mihr.

Die Regionalstadtbahn macht sich in Kilchberg wenig Freunde

Tübingen scheint weit entfernt vom alt ehrwürdigen Dorf Kilchberg, und doch braucht die von Bahn und TÜBus gemeinsam betriebene Buslinie 19 vom Rathaus Kilchberg nur kurze 20 Minuten bis auf den Schnarrenberg. Heute!

Aber nach Einführung der Regionalstadtbahn wird dieser praktische Bus nicht mehr fahren. Dann müssen die Bewohner vom südlichen Ortsrand zuerst einmal zwei Kilometer zum Bahnhof marschieren. „Da nimmt man doch lieber das Auto und ist unabhängig,“ sagen die Ortschaftsräte.

Alles im Griff

Abgesehen von diesem Projekt „Senioren-Wohnen Bahnhofstraße“ ist in Kilchberg bereits alles im Griff:

  1. Der Umzug der Außenstelle des Bürgeramts Tübingen vom zweiten Stock ins Erdgeschoss des Rathauses ist erfolgt. In frischem Grün grüßt der Linoleum-Boden alle Heiratswilligen, die Renten-Anwärter oder die Reisefreudigen bei der Pass-Verlängerung.
  2. Ein Bücherschrank am Röhrenbrunnen mit Romanen, Krimis und Sachbüchern steht allen Bewohnern zur Verfügung.
  3. Der einstige Jugendraum in der Grundschule soll zur Küche umgebaut werden. Die Jugendlichen ziehen abends lieber nach Tübingen, noch finden sie das Dorf nicht cool.
  4. Die Schülerzahlen sind konstant, unter anderem auch, weil die Familien vom Eckhof ihre Kinder nach Kilchberg bringen. Ganztagsbetreuung ist nur zweimal wöchentlich angesagt, und der Kindergarten befindet sich im Schlossgarten. Ein Entgegenkommen der Schlossherrin Tessin.
  5. Eine Veränderungssperre sichert ein künftiges Neubaugebiet Hinterwiese, wenngleich nicht alle Eigentümer ihre schmalen Grundstücke an die Stadt verkaufen wollen.
  6. Gespannt schauen die Kilchberger auf die „Häfele-Scheune“, wo der Architekt es wagte, auf der Rückseite mehr Glasflächen einzubauen als dem Denkmalamt genehm war. Immerhin sind die sechs Wohnungen barrierefrei und vornehmlich an Ortsansässige vermietet oder verkauft.
  7. Auf dem Friedhof mit den Ehrfurcht gebietenden Silberpappeln vor dem Tor ist ein Urnenfeld geplant, weil die Grabpfleger immer weniger Zeit haben.
  8. An der B 28 werden immer wieder uralte Objekte gefunden, Webgewichte, Knochenflöten, Scherben. Aber die neue Bundesstraße wird kommen, und der Lärmschutz auch.

Eine besondere Begegnung

Zufällig liefen die Mitglieder der Tübinger Liste, Claudia Braun, Reinhard von Brunn, Ernst Gumrich, Klaus Dieter Hanagarth, Ute Mihr und Christian Wittlinger der einstigen Lehrerin Hilleke Hüttenmeister in die Arme. Sie bewohnt noch immer das ehemalige Schulhaus, das heute gut und gerne ein Museum genannt werden darf. Im Erdgeschoss türmen sich Bücher und Gemälde, Kinderzeichnungen und Skulpturen. Gusseiserne Träger stützen die Decke. Dort lässt es sich ganz gut aushalten, weil die Hüttenmeisters selbst renoviert haben, doch im Obergeschoss pfeift der Wind durch die geschlossenen Fenster. Auch hier ist der Eigentümer die GWG. Alle Besucher freuten sich über den Blick in dieses Schatzkästchen.

 

 

 

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