Stadtgrün: einfallslos und schnell weg

Das Stadtgrün wird immer kleiner, weniger, die Betonmassen immer größer, gewaltiger, drückender. Das ist nicht gut.
Barbara Lupp, Geschäftsführerin des BUND Neckar-Alb, durfte sich die Begründung anhören: „Es ist eben wirtschaftlicher, alles auf einen Schlag wegzumachen – dann hat man für zehn Jahre Ruhe“. So werden lästige Bäume, die ja „viel Laub verstreuen“ und womöglich „am Dach kratzen“, einfach ersatzlos gefällt. Wo bleibt die seit Jahren versprochene Grünflächen-Planung der Stadtverwaltung?

Und hier im Wortlaut.

UND dort, wo Nachhaltigkeit gelehrt werden soll, an den Kathedern der Botanik, der Geologie, der Ökologie, Biodiversität und der Geo-Ökologie zum Beispiel, auf dem Schnarrenberg in Tübingen, da versündigen sich die Architekten und Landschaftsplaner aufs Krasseste.
Philipp Unterweger beobachtet diese Fehlentwicklung seit einigen Jahren. Angelika Bachmann hat sich mit ihm unterhalten und folgenden Artikel im Schwäbischen Tagblatt veröffentlicht.

„Eingezwängtes Grün

In Workshops wird Nachhaltigkeit gelehrt – auf dem Campus ist davon wenig zu sehen

Nachhaltiges Bauen, die ökologische Gestaltung von neuen Quartieren ist Thema vieler Workshops, die auch der Biologe und Umwelt-Aktivist Philipp Unterweger besucht hat. In der Realität kommt davon leider wenig an, sagt Unterweger und nimmt die Neubauten auf der Morgenstelle und dem Schnarrenberg kritisch unter die Lupe.

Tübingen. Die meisten Deutschen, so hat es der Dokumentarfilmer Dieter Wieland vor mehr als 30 Jahren formuliert, empfinden die Natur als furchtbar unaufgeräumt und schlampig. Diese Grundhaltung präge heute noch die Grünplanung vieler Architekturentwürfe, findet Philipp Unterweger. Grün gilt es einzuhegen, Gelände einzuebnen. Organische Formen scheinen die Planungsprogramme in Architekturbüros nicht zu kennen.

Unterweger sitzt auf der Betonbank vor dem neuesten der drei Forschungsbauten auf dem Schnarrenberg, dem Zentrum für Demenzforschung. Sein Thema als Wissenschaftler ist die Biodiversität. Und weil er das, worüber er forscht, auch in seiner Umgebung umsetzen will, hat er die „Initiative Bunte Wiese“ mitgegründet.

Artenschutz, sagt Unterweger, beginne vor der eigenen Haustür. „Es muss nicht immer der Berggorilla im Urwald sein“. Auch wenn der natürlich öffentlichkeitswirksamer sei als Insekten. „Man kann in seiner Umgebung viele Schritte einleiten, die dem Artenschutz nützen. Mit einfachsten Mitteln geht ganz viel.“ So könne man, ist Unterweger überzeugt, allein dadurch, dass man in Städten viele Bäume pflanzt, den Klimawandel abmildern. Die Chancen, etwas zu erreichen, seien innerhalb der Städte sogar besser als auf dem Land: Dort sei angesichts industrialisierter Landwirtschaft eh kaum Boden gutzumachen.

Wie man Quartiere – auch Forschungsstätten – als nachhaltige Lebensräumen für Mensch und Tier gestalte, sei derzeit ein wichtiges Thema in der Biologie und der Stadtplanung. Doch was in der Wissenschaft gelehrt wird, wird kaum umgesetzt, wundert sich Unterweger. Auf reale Bauprojekte des Landes, etwa auf der Morgenstelle oder dem Schnarrenberg, gebe es kaum Einflussmöglichkeiten.

Ein Beispiel sind für den Biologen die neuen Forschungsgebäude am Rande der Schnarrenbergkliniken an der Otfried-Müller-Straße. Ihr Erscheinungsbild stehe für „verklemmten Kubismus“, wie er in der Architektur der Forschungsgebäude vorherrsche. Dieser werde allenfalls kaschiert durch die Fassaden – mal bunte Lamellen, mal Glasfronten – die Kreativität vorspiegelten.

Im Sinne des Klimaschutzes soll der Betrieb dieser Gebäude möglichst wenig Energie (etwa für Klimatisierung) verbrauchen. Dabei würden aber immer mehr Verbundstoffe verbaut: bedampftes Glas, beschichtetes Metall. Was passiert, wenn diese Gebäude in 20 Jahren saniert werden müssen?, fragt Unterweger. Solche Baustoffe könnten selbst mit großem Aufwand nur downgecycelt werden.

Der Grünplanung braucht man an dieser Stelle auf dem Schnarrenberg nicht viel Beachtung zu schenken. Es gibt sie nur rudimentär. Ein Paar Bergahorne stehen eingezwängt in die ansonsten konsequent versiegelte Grundfläche. Sie sind weniger Begrünung als Mahnmal. „Die Bäume sind nicht dafür angelegt, 40 Jahre alt zu werden. Wenn man sie nicht innerhalb der nächsten Jahre befreit, werden sie verkümmern.“ Grünflächen gibt es hier ansonsten nicht. Höchstens ein paar Guerilla-Grashalme zwischen Kies mit Kippen.

Gegenüber jedoch, jenseits der Otfried-Müller-Straße, hat sich entlang der Fahrbahn unfreiwillig ein kleines Biotop entwickelt. Baufirmen hatten dort Material gelagert, so dass der Rasen nicht gemäht werden konnte. Pflanzen nutzten dieses Versäumnis schamlos aus. Während der Bauarbeiten sprossen Gräser, Ampfer und die Wilde Möhre. „Das liebt der Biologe“, sagt Unterweger. „Da sitzen Eidechsen und Heupferde drin.“ Zudem: Eine solche Wiese, entlang einer vielbefahrenen Straße (und während des Gesprächs donnern tatsächlich unzählige Autos in Richtung Parkhaus der Medizinischen Klinik), erfülle eine unglaubliche Dienstleistungsvielfalt. Durch die dichte Blattmasse (im Gegensatz zum kurzgeschnittenen Rasen) könne die Wiese viele mehr CO2 binden und Sauerstoff produzieren. Sie sei zudem ideal, um Feinstaub wie Reifenabrieb zu binden. „Wenn die Patienten entlassen werden, fahren sie zur Reha in den Luftkurort“ – da müsste die Luftreinhaltung auf dem Klinikumsgelände doch auch eine Rolle spielen.

Einige Höhenmeter weiter, auf der Morgenstelle, wird derzeit eines der größten Bauprojekte der Universität vorangetrieben: die Campus-Erweiterung der Naturwissenschaften. Auf dem südlichen Gelände entsteht das Geo- und Umweltzentrum. Dem schließt sich in Kürze das Zentrum für die Biochemiker an. Wo, wenn nicht hier, könnte man ein Modellprojekt für ökologisches, nachhaltiges Bauen verwirklichen? Dort wo auch über Ökologie geforscht wird? „Man könnte bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen“, sagt Unterweger.

Stattdessen machen sich im Zentrum der Morgenstelle zwei gigantische Rasendreiecke breit, eingehegt mit gewellter Plastikeinfassung und einem Beton-Verhau, ökologisches Ödland. Kein Baum spendet auf der südexponierten Wiese Schatten, weshalb sich im Sommer auch kaum Studenten dorthin verirren.

Unterweger würde gerne einen Arbeitskreis bilden, in dem Interessierte, die sich mit nachhaltigem Bauen auf dem Campus beschäftigen, sich einbringen – auch mit Kompetenzen aus ihren eigenen Fächern. Einige Wissenschaftler wie die Evolutionsbiologin Prof. Katja Tielbörger, die täglich an der grünen Wüste vorbeigehen, haben ihrerseits in einem Brief an das Bauamt formuliert, dass Grünplanung auch anders aussehen könnte -und ihre Mitwirkung angeboten.

Auch er habe schon bei den Baubehörden des Landes angefragt, sagt Unterweger. Man erhalte aber immer die Auskunft: „Die Planungsprozesse sind festgelegt, da kann man nichts mehr ändern.“ Schade eigentlich, findet Unterweger und schaut in Richtung der Dächer. Ein Schlagwort der modernen Städteplanung sei zum Beispiel das „Vertical farming“. „Man könnte zum Beispiel Salat für die Mensa auf den Dächern hier anpflanzen.“ Da gäbe es auch kein Problem mit Schnecken.“

Und vor der Aufgabe der wenigen Restflächen wie dem Steinenberg warnen Tübinger Umweltschützer schon seit langem:

„Naturschützer warnen eindringlich vor einer Bebauung des Steinenbergs

Der Steinenberg ist bedroht, wenn sich die Unikliniken am Berg weiter ausbreiten sollten, sagen Kritiker. Welche Folgen eine Bebauung des Gebiets hätte, erläuterten die Naturschützer Armin Straub und Martin Engelhardt am Sonntag bei einer naturkundlichen Führung.

Tübingen.Der Himmel ist leicht bewölkt, der Boden feucht vom Regen des Vormittags. Doch während des Spaziergangs bleiben die Wolken dicht. Die Naturschützer Armin Straub und Martin Engelhardt führten am Sonntag 25 Interessierte über den Steinenberg. Beide sind aktiv in der Interessengemeinschaft Steinenberg, die eine Bebauung des Gebiets verhindern will.

„Ich interessiere mich sowohl für Tübingen, als auch für Naturschutz“, sagt Monica Theurer, eine der Teilnehmerinnen. „Toll, hier von Leuten mit Sachverstand lernen zu können.“ Zum Beispiel, dass auf dem Steinenberg rund 35 Schmetterlingsarten und 85 Wildbienenarten beheimatet sind, darunter Dutzende, die auf der Roten Liste stehen. „Das findet man in Tübingen sonst kaum noch“, so der Landschaftsgärtner Straub. „Es ist ein Hotspot der Artenvielfalt.“ Auch seltene Vögel wie der Wendehals und viele Spechte leben hier. Die Besucher erfahren außerdem, dass Bäume 70 oder 80 Jahre alt werden müssen, bis sie eine Höhle ausbilden, die Fledermäusen oder Vögeln als Nistplatz dienen. Älter seien die Bäume hier ohnehin nicht, weshalb sie umso mehr geschützt werden müssten.

Alsbald wurde auch über Politik diskutiert. „Hier sehen Sie, wie das Gebiet in den vergangenen Jahrzehnten zugebaut wurde“, sagt Straub und zeigt auf zwei Tübinger Stadtpläne: einen von 1957 und einen aktuellen. Vor 60 Jahren waren der Steinenberg und der Schnarrenberg noch fast unbebaut. „Vor allem wegen seiner sonnigen Südhänge ist der Berg für uns Naturschützer sozusagen das Tafelsilber“, sagt Engelhardt, der als freiberuflicher Botaniker arbeitet und den Steinenberg seit Jahrzehnten kennt. Er zitiert den Tübinger Geologen Friedrich August Quenstedt, der 1864 geschrieben hatte, dass der obere und untere Schnarrenberg zu den „gesegnetsten“ Obstanbaugebieten gehörten.

Früher wurde auf dem Steinenberg auch Wein angebaut, doch damit war es spätestens nach dem Ersten Weltkrieg vorbei. Seither wachsen hier nurmehr Obstbäume, darunter alte Sorten wie die Dattelzwetschge, die gelbe Frühzwetschge, die Feigenbirne und die Gässlesbirne. Auch Straub und Engelhardt bewirtschaften hier kleine Gärten, stellen Birnensaft und -brände her. „Schauen Sie sich um, und ich frage Sie nachher, welche Bäume Sie gesehen haben“, ruft Engelhardt die Leute zum Mitmachen auf. Ganz so einfach ist das nicht, die teilweise noch recht kahlen Bäume voneinander zu unterscheiden. Doch die Experten wissen Rat: „Die Knospen von Apfelbäumen sind behaart, die von Birnbäumen unbehaart und zudem spitzer“, erklärt Engelhardt. Ein weiteres Merkmal ist die Borke. Bei Apfelbäumen ist sie längsrissig, bei Birnbäumen längs- und querrissig.

Vorbei geht es am neuen Parkhaus bei der Augenklinik. „Ergibt es Sinn, ein Parkhaus am Rand zu bauen?“, so Straubs rhetorische Frage. „Ich vermute eher, dass das eine neue Mitte werden soll.“ Die beiden Umweltschützer befürchten, dass das Klinikum künftig weiter in die Natur ausgreifen werde. „Der Steinenberg gehört zu 99 Prozent dem Land“, sagt Engelhardt. Seit Jahrzehnten ist er als „Sondernutzungsgebiet Kliniken“ der Universität im Flächennutzungsplan ausgewiesen. Dieser wird Ende des Jahres fortgeschrieben.

„Wir haben nur noch wenige Restflächen wie diese“, betont Engelhardt. Sie dienten auch als Naherholungsgebiete. Die Naturschützer fordern deshalb, den Steinenberg aus dem Flächennutzungsplan herauszunehmen. Anschließend solle er als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden, um dauerhaft geschützt zu sein. „Streuobstwiesen sollten generell, wie in anderen Bundesländern auch, unter Naturschutz gestellt werden“, fordert Engelhardt. Viel zu oft fielen solche wertvollen Gebiete dem Flächenfraß zum Opfer. „Dabei sind die Zeiten vorbei, wo man einfach in die Fläche baute, koste es, was es wolle.“ Auch die Natur brauche schließlich Flächen.

Grundsätzlich handelten Boris Palmer und die Stadt richtig, indem sie Flächen sparen wollten, sagen beide. Aber momentan verhalte sich die Stadt defensiv. Eine Kommission aus Uniklinikum, Unibauamt und Gemeinderat bespricht derzeit die weitere Entwicklung am Steinenberg. „Völlig undemokratisch wird jetzt hinter verschlossenen Türen verhandelt“, kritisiert Engelhardt. Die Teilnehmer sind empört, von „Mauscheleien“ und „Geheimniskrämerei“ ist die Rede. Viele wollen wissen, was man gegen eine Bebauung tun könne. „Die Leute müssen jetzt Druck machen, nicht in ein paar Jahren“, rät Engelhardt.

Das Klinikum wolle ein schönes Ensemble haben, doch das stehe im Widerspruch zu der Absicht, Flächen einzusparen. „Es wäre ein Verbrechen, hier zu bauen“, betont Engelhardt. Als Alternativen schlagen die Naturschützer die Maderhalde (gegenüber der BG-Klinik) und die Sarchhalde (entlang der Schnarrenbergstraße) vor. „Nicht, dass eine Bebauung dort keine negativen Folgen hätte, aber der Schaden wäre zumindest nicht ganz so gravierend“, so Engelhardt. Die Grünen redeten immerhin von einer Politik des Gehörtwerdens. „Wir haben einen grünen OB – ich hoffe also, dass die Bevölkerung nicht erst gehört wird, wenn es entschieden ist.“

Zum Schluss gibt es für die Spaziergänger noch etwas Besonderes zu sehen: einige Wildtulpen. „Lange Zeit wusste man gar nicht, dass es die hier gibt“, sagt Engelhardt. Auch in den kommenden Wochen soll es Führungen über den Steinenberg geben.“

Philipp Koebnik im Schwäbischen Tagblatt

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