Seit 1958 gab es noch nie einen Ausfall der Bodensee-Wasserversorgung. Und trotzdem: Wir sind gegen die Aufgabe des Au-Brunnens. Da passiert schon nichts, versicherte OB Palmer.

Wenn das so ist, dann könnte man doch die Zäune öffnen. Immerhin könnte man auf dem bisher abgesperrten Gelände ein erholsames Grüngelände schaffen, das sowohl den Angestellten des anschließenden Gewerbegebiets als auch den Neubürgern im Güterbahnhof-Areal zur Verfügung steht.

Sabine Lohr vom Schwäbischen Tagblatt sah es richtig:

“OB Palmers Argumente zogen bei der Infoveranstaltung nicht

Die große Mehrheit der rund 250 Besucher, die am Dienstag zur Informationsveranstaltung über das Au-Brunnen-Gutachten ins Museum kamen, ist dagegen, dass der Brunnen aufgegeben und die Fläche für Gewerbeansiedlungen genutzt wird. Die Argumente von Oberbürgermeister Boris Palmer überzeugten sie nicht…”

Hier der komplette Artikel.

Und hier Sabine Lohrs Kommentar:

“Sachlichkeit heilt das Unbehagen nicht

Die Argumente von Oberbürgermeister Boris Palmer sind stichhaltig: Die Stadt Tübingen kann auf den Au-Brunnen als bisher nie genutzte Reserve verzichten, wenn sie in die bestehenden Pumpen der beiden anderen Brunnen investiert. Selbst bei einem längeren Totalausfall der Bodensee-Wasserversorgung könnte sich Tübingen dann mit eigenem Wasser versorgen, selbst an Spitzentagen.

Dass die Bodensee-Wasserversorgung ausfällt, hält Palmer für unwahrscheinlich. Der Bodensee sei ein unerschöpfliches Wasserreservoir, sagte er und belegte das mit Zahlen. Eine Austrocknung sei ausgeschlossen. Worum es gehen könnte, sei “höchstens ein terroristischer Anschlag”. Den schließt Palmer ebenfalls aus – wegen der “intensiven Sicherheitsvorkehrungen”. Ein schweres Erdbeben könnte die Wasserversorgung ebenfalls lahmlegen. Auch das hält Palmer für eine unrealistische Annahme: “Da müssten sich schon Kontinentalplatten verschieben.” Seit es die Bodensee-Wasserversorgung gibt, seit 1958, gab es noch nie einen Ausfall.

Gute Argumente hat Palmer auch für den Au-Brunnen als Gewerbestandort: Das Gebiet ist erschlossen und liegt – unattraktiv fürs Wohnen – zwischen Bundesstraße, Gleisen und Industriegebiet. Viele Alternativen gibt es nicht in der Stadt.

Was also spricht dagegen, den Reservebrunnen aufzugeben? Viele Besucher der Infoveranstaltung am Montag führten Argumente ins Feld, die sachlich nicht tragen. Weder wird das Grundwasser beeinträchtigt, noch gehen eine Luftschneise oder ein Erholungsgebiet flöten. Auch die Frage, ob eine Stadt unbedingt immer weiter wachsen muss und ob der Wettbewerb zwischen den Kommunen gut oder schlecht ist, hilft bei der Entscheidung über Erhalt oder Aufgabe des Brunnen nicht unbedingt weiter.

Da ist aber dieses ungute Bauchgefühl. Einen Trinkwasserbrunnen aufzugeben, macht ein schlechtes Gewissen. Zu wertvoll ist der Besitz einer derartigen Sicherheitsreserve, als dass sachliche Argumente das Bauchweh heilen könnten. “Trinkwasser ist ein emotionales Thema”, sagt Wilfried Kannenberg von den Stadtwerken. Auch er würde niemals ohne gute Gründe einen Brunnen aufgeben. “Wegen der Emotionen, nur deshalb.”

Erich Spannenberger drückte das ungute Gefühl am besten aus. Der Rentner, der 30 Jahre lang bei den Stadtwerken Tübingen für die Wasseranlagen verantwortlich war, fragte: “Kann man denn wissen, was passiert? Was schützt uns bei Katastrophen, von denen wir noch nichts ahnen?”

Das mag irrational sein und hat mit Wahrscheinlichkeitsrechnung nichts zu tun. Aber: Bis zum 26. April 1986 hielt man auch einen Reaktorunfall für äußerst unwahrscheinlich. Dann flog der Meiler in Tschernobyl in die Luft.”

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