Der eher glatte Roll-Streifen durch die Neckargasse für Rollatoren, Rollstühle und Sehbehinderte hat keine Mehrheit im Gemeinderat gefunden. Die Betroffenen machen aus ihrem Unmut, unter anderem, in Leserbriefen keinen Hehl:

Schwäbisches Tagblatt 14. Mai 2016:

Wie beschämend!

Die Sanierung der Tübinger Neckargasse bleibt Diskussionsthema (Leserbriefe vom 12. Mai).

Dem Kommentar von Oliver Kiefer zur barrierefreien Sanierung der Neckargasse möchte ich mich mit Nachdruck anschließen. Nachdem ich über 30 Jahre mit querschnittgelähmten Patienten in der Tübinger Altstadt trainiert und das Fahren mit dem Rollstuhl geübt habe, Gelände und Bodenbeläge deshalb in- und auswendig kenne, bedauere ich den Beschluss des Gemeinderates zutiefst.

Die Entscheidung des Gemeinderates gegen einen glatten Pflasterstreifen ist falsch und wird zur Unsicherheit vieler behinderter Menschen beitragen. Der Hintergrund für diese Entscheidung scheint durch viel Unwissenheit, Unkenntnis und wenig Sachverstand hinsichtlich der Belange behinderter Menschen geprägt zu sein. Halbseitengelähmte Menschen, beinamputierte mit Beinprothese, Menschen mit Rollator, Rollstuhlfahrer mit mechanisch oder elektrisch angetriebenem Rollstuhl, Sehbehinderte und viele andere werden nun durch den Verzicht auf den glatten Pflasterstreifen ein zusätzliches und erschwerendes Hindernis in Kauf nehmen müssen.

Leider scheint vielen Gemeinderäten immer noch nicht bewusst zu sein, welche Verpflichtungen sie durch die Unterzeichnung des Barcelona-Abkommens eingegangen sind. Diese Entscheidung ist komplett entgegen des Abkommens. Es macht nicht barrierefreier, sondern die Barrieren größer. Wie blamabel und beschämend!

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Abgeschmettert

Lieber Herr Lederle,

mit dem Beschluss zur Neckargasse muss ich leben. Aber auf keinen Fall mit dem Vorwurf, ich wäre nicht kompromissbereit.
Schon in der Vorlage 82a/2016, zu finden in http://www.tuebingen.de/gemeinderat/suchen01.php , stellt Frau Martin im Sinne der Behindertenverbände eindeutig klar, dass die Gespräche zur Neckargasse zu keiner Zustimmung führten, sondern eben nur Kompromisslösungen waren. Dies gilt im Übrigen vor allem auch schon für das Gestaltungskonzept von 2010, dem wir damals nur zähneknirschend zugestimmt haben. Ich war dabei. Vorher wurden geradlinige Streifen gebaut (siehe Neustadtgasse oder Holzmarkt), die Marktgasse ließ gesägtes Granitkleinpflaster in Segmentbögen wegen der Steile auch nicht zu. Es wurde eine gerade Lösung gefunden. Kompromisse gingen nicht nur Mobilitätsbehinderte, sondern auch Blinde ein.
Herr Gumrich und ich wollten, dass die Unterbrechungen der Wasserrinne in der Neckargasse durch eine taktil spürbare Steinlösung und farbliche Veränderung den Blinden klar und deutlich bis zur Weiterführung der Rinne führen, die insgesamt als Orientierung gedacht ist. Die Unterbrechungen wiederum sind für vor allem Schieberollstühle zur Querung der Gasse unerlässlich.
Doch die Forderungen der Behindertenverbände, die Herr Gumrich und ich vertraten, wurden von OB Palmer und der Verwaltung für mein Gefühl abgeschmettert, weil sie etwas teurer sind, dem Gestaltungskonzept der Altstadt nicht entsprechen und der Stadt Tübingen Ästhetik halt doch bedeutsamer ist als Zweckmäßigkeit.

Für mich waren also die von Ihnen genannten “kompromissbereiten Fraktionen” und die Verwaltung alles andere als kompromissbereit.

Gotthilf Lorch, Stadtrat Tübingen, Die Linke

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