Der Unmut vieler einsichtiger Bürger und aller Menschen mit Behinderung macht sich deutlich Luft. Warum soll ein leicht geriffelter, aber nicht mit Kopfsteinpflaster belegter Streifen in der Neckargasse zum Versicherungsfall für die Stadt werden? Auch der bisherige Belag der Neckargasse war TROTZ Salzstreu im Winter oft rutschig. Da sah man sich halt vor und ging langsam.

Die Leserbriefe im Schwäbischen Tagblatt beschäftigen sich nun schon seit gut 14 Tagen mit diesem Problem. Hier einige Beispiele:

 

Die Tübinger Neckargasse wird saniert – die Pflaster-Debatte geht weiter (hier der Text des Artikels).

Das historische rote Kopfsteinpflaster im Herz der Tübinger Altstadt durch grauen Granit zu ersetzen ist in meinen Augen ein nicht wiedergutzumachendes ästhetisches Verbrechen und tut (…) in der Seele weh. Andere Städte pflegen ihr historisches Pflaster, Konstanz hat nach den archäologischen Ausgrabungen auf dem Münsterplatz Stein für Stein wieder verlegt und für Gehbehinderte Wege ebengefräst; in Freiburg werden nach den Straßenbahnsanierungen die ortsprägenden Steine sorgfältig neu verlegt, für Gehbehinderte werden Wege verfugt; in Münster – und Sarajevo – hat fast nur das historische Pflaster die Kriegszerstörungen überlebt. Tübingen braucht keinen Krieg, um Kulturerbe zu zerstören.
War der Gedanke ein Trost, der Charme einer barrierefreien Dusche, den die Altstadt neuerdings verströmt, komme dem gehbehinderten Mitmenschen zugute, der wird in der Praxis eines Besseren belehrt. Dem in der Theorie so klugen Palmer empfehle ich, mit dem Rollator ein Stück auf dem Neugeplättelten zu laufen, dann merkt er, dass sein Wägelchen auf jeder schiefen Ebene abhaut – und nicht mehr als Stütze dient. Und dass, anders als beim Fahrrad, die Rädchen kleiner sind und in jeder Fuge hängen. Wenn der tonangebende Politiker in Tübingen nicht auf die fundierte Erfahrung Betroffener eingeht, drängt sich der Gedanke auf, dass es andere Motive gibt als die bessere Begehbarkeit, um die Altstadt einer Granitumwandlung zu unterziehen. (Ästhetisch ist es ja nicht.) Historische Pflastersteine sind, zum Beispiel im Gartenbau, begehrt und teuer. Wo sind die Tübinger Steine? Warum wird in der Neckargasse und anderswo nicht einfach – günstig und rutschfest – ein Streifen geteert? Und der Rest belassen? Würde dies die neu zu plättelnde Fläche schmälern – und damit die Menge der anzuliefernden Steine? Zur Tourismustauglichkeit der “Hölderlin-Stadt” möchte ich den Meister selbst zum Thema Tübingen zitieren:

Wem für Adeltaten Gold genüget,

Sei er Sklave oder Erdengott,

Er entweihe nicht die heilgen Reste,

Die der Väter stolzer Fuß betrat.

Um für eine alternde Gesellschaft eine lebenswerte Stadt für alle ihre Einwohner für die nächsten Jahrzehnte zu gestalten und zu planen, braucht es Köpfe mit Weitsicht, nicht aber Physikkäpsele, die mit Formeln und Rechenbeispielen hantieren.”

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Nicht zeitgemäß

Der österreichische Verkehrssicherheitsfonds veröffentlichte 2011 seinen Endbericht: “Das Unfallrisiko auf Fußwegen in Österreich.” Es wurden 2009 32500 Fußgängerunfälle ohne Fahrzeugbeteiligung untersucht. Die Autoren kommen auf Seite 138 zu dem Schluss: “Vermeidung von Pflastersteinen. Dieser Belag ist nicht mehr zeitgemäß und stellt insbesondere für Personen mit Seh- und Mobilitätsbeeinträchtigungen ein Hindernis dar. Trotz der geringen Verbreitung dieses Belages werden immerhin ca. 6 % der Unfälle dadurch verursacht. Für Personen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, ist diese Art der Oberfläche besonders unangenehm, da Rollstühle generell nicht gefedert sind.” Boris Palmer muss sich vom Pflaster verabschieden so wie vom Kohlekraftwerk Brunsbüttel, dem Windrad auf dem Kreßbach, der Vermummung städtischer Gebäude mit brennbarem Sondermüll (Styropor), der Käfighaltung “nachverdichteter” Menschen, der vorsätzlichen Verschlechterung der Tübinger Luft durch ungehinderte Feststoffverbrennung und vom Gewerbegebiet um den Brunnen Au-Ost.

Dr. Rudolf H. Seuffer, Reutlingen

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Sehr wichtig

Wissen sie eigentlich, dass hinten unterhalb der Stiftskirche (bei der Stiftskirchenmauer) eine offizielle Behindertentoilette für Behinderte mit Euroschlüssel ist (im Faltplan braune Nr. 8)? Wir wollten sie letztens anfahren, aber sie war vollgestopft mit irgendeinem Kram und zudem dreckig. Auch der Abzweig von der Neckargasse in diese kleine Gasse ist fast nicht machbar, da sehr holperig. Diese Toilette ist aber eigentlich sehr wichtig. Daher ist es auch wichtig, die Neckargasse so zu pflastern, dass auch Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte, Sichtbehinderte, Kinderwagen etc sie ungehindert benutzen können!

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Nicht unebener

Die barrierefreie Neugestaltung der Neckargasse hat hohe Wellen geschlagen. Ganz unnötig, die Verfechter des glatten Fahrstreifens haben eine Kleinigkeit übersehen. Gestaltet werden soll die Neckargasse wie die Neue Straße. Hier war das Pflaster selbst nie ein Problem, wohl aber, dass sich die Pflasterfugen im Gebrauch geweitet haben. Das schafft in der Tat für Rollstuhlfahrer und Rollatorenschieber üble Ruckligkeit, und auch Gehstöcke können da mal hängenbleiben. Kein Wunder, die Pflastersteine sind nicht in Mörtel verlegt.

In der Neckargasse sind sie das aber jetzt schon und werden es auch weiter sein (Verwaltungsvorlage 83a/2016). Da können sich die Fugen nicht weiten. Und zudem werden sie noch enger sein als in der Neuen Straße (Tiefbau-Chef Füger im Gemeinderat). Damit wird die Gasse für Rollstühle und Rollatoren nicht unebener sein als der auch nach seinen Verfechtern nicht wirklich glatte Fahrstreifen, der noch eine zusätzliche Rutschgefahr beim Ausweichen auf das Pflaster bei Auto-Anlieferverkehr schaffen würde.

Völlig barrierefrei kann diese Gasse ohnehin nicht werden. Dazu ist sie zu steil, wenn sportliche Schieberolli-Fahrer auch durchaus in ihr hoch kommen (E-Rollis ohnehin). Und die mögliche Rolli­Zugänglichkeit der Geschäfte wird nicht ohne eine gewisse Buckligkeit am Häuserrand zu haben sein. In ihrer “vorbildlichen” Barrierefreiheitsstrategie (Vorsitzender Joachim) kann aber unsere AL/Grüne-Fraktion hier durchaus noch zulegen: Indem sie sich für einen Blindenleitstreifen in den Querungspassagen zwischen den Wasserablaufrinnen einsetzt, aus dem gleichen Pflastermaterial, müssen ja nur tastbar sein. Das wird nicht die Welt kosten.

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Sie wundern sich?

Die Tübinger CDU-Stadträtin Ingrid Fischer bedauerte, dass zur barrierefreien Gestaltung der Neckargasse keine Experten angehört wurden.

Wie bitte, Frau Ingrid Fischer, ist Ihr Leserbrief zu verstehen? Der Gemeinderat hat entschieden, und die einzige Möglichkeit, doch noch an einen Rollstuhlfahrer-geeigneten barrierefreien Streifen zu gelangen, wäre ein nicht zu erwartendes Veto von unserem OB. Die Tübinger Grünen haben komplett gegen einen solchen Streifen gestimmt.

Unter http://www.cdu-gemeinde –

ratsfraktion-tuebingen.de/home/un-

ser-wahlprogramm/soziales-und-senioren/ ist zu lesen: “Die Verkehrssicherheit für ältere und behinderte Menschen muss ausgebaut werden, beispielsweise eine bessere Sichtbarkeit von Laternenmasten, ein Abbau der Stolperschwellen, eine Rollator- und Kinderwagen-geeignete Pflasterung.” Jetzt schreiben Sie in Ihrem Leserbrief: “Leider wurde bei der letzten Gemeinderatssitzung am 9. Mai versäumt, noch weitere Experten – wie zum Beispiel Alexander Breitung, Vorsitzender RSKV Tübingen- anzuhören.”

Alexander Breitung hat 31 Jahre in der BG, unter anderem als Rolstuhlfahrertrainer einen klasse Job gemacht. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass es dabei einen engen Austausch mit der Firma Brillinger gibt, deren Chefin Sie sind, um einen individuell geeigneten Rolli für den Behinderten zu finden. Und jetzt wundern Sie sich, warum dieser Experte nicht befragt wurde? Sie waren doch nicht einmal bei der entscheidenden Abstimmung zur Barrierefreiheit der Neckargasse im Tübinger Gemeinderat dabei. Ich dachte immer “Politik geht anders”.””

 

 

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