Rück- und Vorausblick: Wege für Menschen…

…nicht nur für Radler. Radwege-Brücken? Da war doch was:

Bei unserem Rundgang am 8. März 2016 notierten wir allerlei, was nun realistischer werden könnte. Allerdings wieder einmal, ohne an Fußgänger zu denken. Mit 75%iger Bundes-Förderung, wie wir aus dem Tagblatt erfahren. Wir zitieren den Artikel, weil der Gemeinderat erst nach der Presse informiert wird. Interessantes Prozedere!

„Drei Brücken nur für Radler

Radverkehr Tübingen bewirbt sich mit drei Projekten im Bundeswettbewerb „Klimaschutz durch Radverkehr“. Mit dabei: Eine alte Idee für eine große Brücke.

Fahrradfahrer auf den oft zu engen Straßen, Fahrradfahrer auf Gehwegen, Fahrradfahrer auf Umwegen: Damit soll nun Schluss sein. Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich – zusammen mit einer Delegation aus der Verwaltung und dem Gemeinderat – vergangenen Sommer in Kopenhagen angeschaut, wie der Radverkehr besser geführt werden kann. Auf Brücken vor allem. Das ist auch in Tübingen machbar, findet er und zaubert zwei Projekte aus der Hutschachtel, die Radfahrer freuen dürften.

Das eine Projekt ist eine Brücke über den Neckar, parallel zum Stauwehr in Lustnau. Und das andere eine Idee aus den 1970er Jahren, die, fast fertig geplant, damals von der CDU-Fraktion versenkt wurde: eine Brücke vom Behördenzentrum über die Bahngleise und die B28 bis zur Alleenbrücke.

Anlass für den überraschenden Vorstoß des Oberbürgermeisters ist ein Bundeswettbewerb des Umweltministeriums, mit dem die Verbesserung der Rad-Infrastruktur be- und gefördert werden soll. Es geht um viel Geld: Jedes Projekt kann mit bis zu 70 Prozent der Kosten, höchstens 5 Millionen Euro, bezuschusst werden. Palmer hofft nun auf eben diese 5 Millionen Euro, mit denen er neben den zwei Brücken auch die bereits beschlossene Radwegbrücke von der Blauen Brücke in die Wöhrd-straße mitfinanzieren will.

Die Radwegbrücke über den Neckar soll im Anschluss an die geplante Unterführung unter den Gleisen vom Neubaugebiet am Güterbahnhof zum Haltepunkt der Regionalstadtbahn angelegt werden. Sie soll etwa 100 Meter lang und vier Meter breit werden und direkt neben dem Stauwehr verlaufen. Das ist für Radfahrer nämlich gesperrt – auch wenn viele Radler auf dem recht engen Brückle nicht absteigen. So soll mit der neuen Radbrücke nicht nur eine attraktive und schnelle Verbindung in Richtung Lustnau und Altstadt geschaffen, sondern auch die Sicherheit der Fußgänger auf dem Stauwehr verbessert werden. Palmer denkt an eine Stahlfachwerk-Konstruktion, die rund 2 Millionen Euro kosten wird.

Das zweite Projekt ist mit geschätzten 5 Millionen Euro wesentlich teurer. Es greift eine Idee auf, die Tübingen in den 1970er Jahren geplant hat. Damals sollte eine etwa 400 Meter lange Brücke von den Mühlbachäckern bis zum Wildermuth-Gymnasium gebaut werden. Die Idee wurde damals dann aber verworfen. Wer nun von der Alleenbrücke aus nach Derendingen will, kann entweder auf dem schmalen Streifen entlang der Bundesstraßen-Ohrenradeln oder einen Umweg vonetwa zwei Kilometern machen und durch die Steinlachunterführung fahren.
Seit den 1970er Jahren hat sich jedoch einiges getan: Palmer nennt im Wettbewerbsantrag, dass seither rund 3000 Arbeitsplätze im Behördenzentrum dazugekommen sind und es ein zunehmend schulübergreifendes Unterrichtsangebot gebe. Und dass der Saiben bebaut werden soll, mit immerhin rund 30 Hektar Baufläche. Die Brücke könne allerdings rund 50 Meter kürzer sein als sie damals gepant wurde. Dafür ergäben sich aber wegen der inzwischen elektrifizierten Bahnstrecke „besondere planerische und bauorgansiatorische Herausforderungen“. Und noch eine Änderung sieht er vor: In den 1970er Jahren sollte das als Pylonenbrücke geplante Bauwerk sowohl von Fußgängern als auch von Radfahrern genutzt sein. Palmer will die Brücke aber nur für Radfahrer bauen. „Ich sehe dort keinen echten Fußwegebedarf“, sagte er gegenüber dem TAGBLATT.

Der mögliche Zeitplan für die Umsetzung: Bis Februar 2021 könnten alle drei Radwegbrücken gebaut sein, so sieht es ein zeitlicher Ablaufplan vor, der dem Antrag beiliegt.

Demnach könnte im März 2019 mit dem Bau der Brücke über die Steinlach zur Wöhrd-straße begonnen werden, die Ende 2019 fertig sein soll. Im September 2019 könnte mit dem Bau der Brücke über die Bahngleise und die B28 begonnen werden. Diese „Querung West“ könnte Ende Mai 2020 fertig sein. Und die Radwegbrücke neben dem Stauwehr in Lustnau soll Anfang 2021 fertig werden. Der Ammerbegleitweg, dessen Bau dem Antrag nachrichtlich als Teil des Gesamtkonzepts beiliegt, und der die Radler zügig von der Weststadt in die Stadtmitte bringen soll, ist für nächstes Jahr vorgesehen. Die Planungen sind inzwischen ans Landratsamt übergeben worden, weil der Bau dieses Radwegs nur mit erheblichen Eingriffen in die Ammer zu realisieren ist.“

Schwäbisches Tagblatt, 19. Mai 2017

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Und das war unser Rundgang vor einem starken Jahr:

  1. Geschafft! Die Vernunft hat sich in einem Punkt wenigstens durchgesetzt: Die unpraktische und unsäglich hässliche Brücke von der Hügel- zur Brückenstraße ist vom Tisch, und die sogar vertraglich zugesicherte Unterführung wird finanziert und hoffentlich bald gebaut. Investoren von Sidler-Areal und Güterbahnhof drohten schon mit Anwälten, weil sie sich, genau wie alle anderen Anwohner, betrogen fühlten. Nur noch Spaßvögel wie Palmer und Vogt konnten sich für die Überführung erwärmen. Bei Ihnen geht die Show in allen Dingen vor.
    Aber Stadtplanung ist nicht mit der Vergabe von Bauplätzen zu Ende. In den überall aus dem Boden schießenden Betonburgen werden Menschen wohnen, und die wollen sich bewegen!

Nun gilt es die weiteren Wegebeziehungen zwischen Nord und Süd ebenso vernünftig zu planen:

 

2. Nadelöhr Steinlachbrücke
Lasst uns im Gesamtkonzept auch über Verbreiterungen/Zusatzstege an der Steinlachbrücke beim Casino (und der dortigen Eisenbahnbrücke) sowie am Stauwehr nachdenken. An Bestehendes angebaut, müsste das vielleicht/wahrscheinlich finanzierbar sein. Und dieser Engpass wird bleiben, ganz gleich was wir sonst tun. Dann sollten wir ihn doch lieber ertüchtigen. Vielleicht hat das sogar Priorität vor Neuem anderswo?

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Hier ein Beispiel aus dem Schwarzwald, das zeigt, was möglich und offenbar dort bezahlbar ist:

Schluchsee

3. Wohin spazieren die künftigen Bewohner des Güterbahnhof-Areals?

Das Wasserschutzgebiet Au wollen wir erhalten und nicht zur Gewerbefläche machen. Aber könnte das heute umzäunte Gelände nicht begehbar sein und ein kleiner Park für die vielen neuen Menschen dort und auf dem Güterbahnhof-Areal entstehen? Schön und groß
genug ist es.

 

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4. Wohin mit dem vielen Blech, wenn für die Fahrradfahrer wenig Querungen gebaut werden?
Auf Höhe Kemmler stehen große Flächen vollgeparkt mit vielen Tübinger (!) Autos, dicht an dicht. Das wird alles bald zugebaut. Wo gehen diese Fahrzeuge denn dann hin?

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5. Werkhof

Am Ende haben wir uns noch den Standort der Flüchtlingsunterkunft im Sidler-Areal und beim Stauwehr angeschaut. Das kann etwas sehr Vernünftiges werden. Siehe auch auf unserer Seite:  Wohnraum für Flüchtlinge

Kalte aber sehr lehrreiche 90 Minuten Vor-Ort Recherche.
Seltsamer Weise kommt man mit vielen zusätzlichen Fragen zurück. Besser als Antworten vom grünen Tisch ist das sicherlich.

… sagten sich die drei fröstelnden Mitglieder der Tübinger Liste am Morgen des 9. Februar im kalten Nieselregen. Sie wollten sich per Fahrrad ein eigenes Bild von fünf Schauplätzen der Stadtplanung machen.

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1. OBEN oder UNTEN
Welche Lösung für die Fahrradquerung der Gleise bei der neuen Haltestelle Güterbahnhof der Regionalbahn ist richtig und möglich? Ortsbeiräte Armin Scharf (Süd) und Reinhard von Brunn (Mitte) vertraten die beiden Interessengruppen (hüben und drüben, Gartenstraße und Südstadt) mit Kompetenz und Verve.

Eines wissen wir schon jetzt: Es muss eine Unterführung oder eine lange Rampe werden. Die vorgeschlagenen „Schiebe-Rinnen“ auf den Treppen (die einzige Null-Kosten-Version für die Stadt) funktionieren bei den Höhen des Überwegs gar nicht (unter anderem, weil immer mehr E-Bikes unterwegs sind. Die sind viel zu schwer). Wir merkten das am Ende des „Gruseltunnels“ sehr deutlich.

Auch die künftigen Bewohner des Güterbahnhof-Areals und viele Einwohner des Französischen Viertels fordern den versprochenen Tunnel.

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Andreas Oehler vom AdFC schrieb schon im Januar einen Leserbrief im Tagblatt:

„Seit Jahren wurde den Radfahrverbänden eine Tunnelverbindung unter den Güterbahn-Gleisen versprochen. Jetzt fällt der Verwaltung ein, dass sie das doch nicht will und benutzt das Totschlag-Argument „Angstraum“. Ich empfehle, schlicht die Steinlach-Unterführung und die Fußgängerbrücke beim Landratsamt auszuprobieren. Jeder, der beides benutzt hat, weiß dass der Tunnel die bessere Lösung ist!

Während ein Tunnel nur etwa 3 Meter zu bewältigenden Höhenunterschied ausmacht, muss man bei der Brücke über 6 Meter hoch und wieder herunter klettern. Tunnel-Rampen kann man 1:1 an der Steinlachunterführung sehen: Das ist auch für Rollstuhlfahrer, Reisende mit schwerem Koffer oder Radler mit Anhänger gerade noch zu bewältigen. Bei mehr als doppeltem Höhenunterschied hört aber der Spaß auf.

Die geplanten Brücken-Rampen weisen insgesamt drei schmale 180°-Kurven auf. Wie soll das eine radelnde Mutter mit Kindern im Anhänger bewältigen? Klar – es wird Aufzüge geben, aber die werden ähnlich klein, unzuverlässig und lahm wie anderswo sein. Wie sollen da werktags von 6 bis 8 Uhr hunderte Menschen gleichzeitig zum Zug oder schlicht auf die andere Seite gelangen? Zudem bieten Aufzüge mehr Grund zum „Angstraum“ als ein Tunnel zwischen Wohngebieten.

Wenn eine Querung am Güterbahnhofgelände jetzt geplant wird, so soll sie für jeden leicht benutzbar und leistungsfähig sein. Ein hässliches, nur für sportliche nutzbares Brückenungetüm macht auf Jahrzehnte Neubaugebiet wie Stadtbahn unattraktiver.“

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3 Kommentare

  1. Gottfried Esslinger
    9. Februar 2016 zu 13:51 Antworten

    Das scheint irgendwie typisch zu sein und taucht immer wieder in Tübingen auf. Man plant städtebauliche Veränderungen und Verdichtungen und vergisst dabei notwendige Überlegungen zum Autoverkehr, sowie in welcher Weise Ersatzparkplätze notwendig sind oder werden. Geschäfte, Gewerbe etc. erfordern für eine funktionierende Infrastruktur auch eine Erreichbarkeit mit dem Auto und somit sind auch Parkplätze. Es soll ja auch Gewerbe im Güterbahnhofareal angesiedelt werden und was für eine Antwort haben die Planer in Bezug auf den Autoverkehr bzw. verkehrsnahen Parkraum.

  2. Ernst Gumrich
    10. Februar 2016 zu 13:30 Antworten

    Einen Zusatzsteg an die Steinlachbrücke und Eisenbahnbrücke beim Blauen Turm einfach „anflanschen“; geht das?
    Im heutigen Beitrag „OBEN oder UNTEN“ hatten wir angeregt, das bald einmal zu prüfen, um diese für Fahrradfahrer und Fussgänger unmögliche Situation zu bereinigen.
    Die Idee geistert schon lange im Kopf, und am Schluchsee hatte ich vor einiger Zeit genau deshalb genau so einen angeflanschten Steg fotografiert. Eine ziemlich einfache Konstruktion, dort an eine Eisenbahnbrücke „gehängt“. Weil einem ja sonst niemand glaubt und ein Bild mehr sagt als lange Erklärungen: Das ist ein Beweisfoto. Vielleicht regt es ja zum Träumen an: Dort dann nur noch Fußgänger (oder nur noch Radfahrer).
    E. Gumrich

  3. Claudia Braun
    10. März 2016 zu 18:36 Antworten

    Was mir wirklich Bauchschmerzen macht: der Steg am Stauwehr soll offenbar noch dieses Jahr für Radfahrer geöffnet werden. Und was ist mit den Fußgängern??? Sie brauchen diesen Übergang auch dringend. Haben in Tübingen nur noch Radfahrer Rechte? Bereits heute kommt es auf dem engen Steg häufig zu gefährlichen Situationen, da – trotz Fahrverbot – kaum ein Radler absteigt und sein Gerät über die Brücke schiebt.Bei Radverkehr in beiden Richtungen und häufig hoher Geschwindigkeit hat man als Fußgänger schlechte Karten. Insbesondere für Senioren oder Menschen mit Behinderung ist das ein „no go“. Kontrollen Fehlanzeige. Das geht so nicht! Wir werden das im Auge behalten.

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