Endlich kommt Bewegung in den Tübinger Wohnungsmarkt. Bereits für den letzten, also den laufenden Haushalt, forderte die Tübinger Liste über eine Million Eigenkapital für den sozialen Wohnungsbau und erreichte bei den anderen Fraktionen Zustimmung für immerhin fast eine Million. Damit können Sozialwohnungen im Wert von etwa 4 Millionen Euro gebaut werden.

Der Ansturm der Flüchtlinge hat den Druck auf den durch Studenten ohnehin angespannten Wohnungsmarkt weiter erhöht. Und nun sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden: Insgesamt 36 Millionen Euro will die GWG in den kommenden zwei Jahren für Sozialwohnungen ausgeben, zwei Drittel davon für Flüchtlingsquartiere. Zugleich stellt die kommunale Wohnungsgesellschaft übergangsweise dutzende Wohnungen für die Unterbringung von Asylbewerbern zur Verfügung.

Volker Rekittke schreibt im Schwäbischen Tagblatt vom 13. November 2015:

“36 Millionen für Wohnungen
Die GWG startet großes Bauprogramm für Flüchtlings- und Sozialquartiere

Jeweils 12 Millionen Euro will die GWG in den Jahren 2016 und 2017 für Flüchtlingswohnungen ausgeben, kündigte deren Geschäftsführer Gerhard Breuninger gestern an. Die Zinsen sind weiter niedrig, deshalb will sich die kommunale Wohnungsgesellschaft einen Großteil des Geldes bei den Banken borgen. Eine Voraussetzung gibt es allerdings, so Breuninger: Ohne den in Aussicht gestellten 25-Prozent-Anteil des Landes “können wir nicht bauen”. Ohne öffentliche Kofinanzierung, quasi als Eigenanteil bei der Kreditaufnahme, sei das Multi-Millionen-Programm für die GWG nicht zu stemmen.
Derzeit arbeitet eine städtische Arbeitsgruppe, in der auch die Tübinger Bürgermeister-Riege und die GWG-Spitze vertreten sind, mit Hochdruck an einem Programm, Wohnraum für mindestens tausend Flüchtlinge mit Bleiberecht zu schaffen. Gedacht wird unter anderem an Gebäude in Holzmodul-Bauweise. Es gebe Anbieter mit aktuell drei bis vier Monaten Lieferzeit, sagt Breuninger, und: “Es gibt entsprechende Kontakte und Zusagen.”

Wo all die mehr oder weniger einfachen Unterkünfte entstehen sollen, mag auch der GWG-Geschäftsführer nicht verraten. Das werde in den nächsten vier Wochen bekanntgegeben – durch die Rathausspitze. OB Boris Palmer hatte unlängst im Gemeinderat von zehn möglichen Standorten gesprochen. Wo die sind? Wollte Palmer nicht sagen – um zu vermeiden, dass Bewohner schon protestieren, bevor klar ist, ob dort wirklich gebaut werden kann. Es geht dabei nicht nur um Holzmodul-Häuser, sondern auch um Container und um Wohnungen in Massivbauweise. Letztere sollen beispielsweise an der Ludwig-Krapf-Straße in Derendingen entstehen. Geplant ist dort auf städtischem Grund ein Neubau mit 24 Ein-Zimmer-Appartements sowie mit 12 Drei-Zimmer-Wohnungen.
GWG baut doppelt so viele Sozialwohnungen. Zu jenen 24 Millionen kommen bis 2017 weitere 12 Millionen Euro für den Neubau von Sozialwohnungen. Laut Breuninger ist das eine glatte Verdoppelung im Vergleich zum Sozialwohnungsbau der Vorjahre. Dafür will Breuninger zinsgünstige Darlehen aus dem Landeswohnraumförderprogramm beantragen. Der GWG-Eigenanteil läge bei etwa einem Viertel.

Auf eines weist Breuninger die Stadtverwaltung und den Gemeinderat lieber schon mal hin: 37 Mitarbeiter/innen hat die Tübinger GWG derzeit, vier davon sind Auszubildende. Wenn das 36-Millionen-Programm umgesetzt werden soll, “werden wir personelle Verstärkung brauchen”. Jede Menge Arbeit erwartet die GWG-Beschäftigten nicht nur wegen der zahlreichen Neubauten. Seit dem Flüchtlingsaufruf von OB Palmer kamen und kommen immer wieder Angebote von Privatleuten. Hier erledigt die GWG einen Großteil des Mietgeschäfts, kümmert sich auch um notwendige Umbauten und Instandsetzungen.
Schließlich gibt es eine ganze Reihe von teilweise oder ganz leerstehenden GWG-Häusern, die demnächst saniert werden sollen oder auf die Abrissbirne warten, weil neu gebaut wird. In der Übergangszeit – meist für einige Monate – können dort Flüchtlinge einziehen (für diese Erstunterbringung ist der Landkreis zuständig). So bereits geschehen in der Sindelfinger Straße 36/38 oder demnächst geplant am Hagellocher Weg 12-18, dem Schwalbenweg 27/29 sowie an diversen Standorten im Stadtgebiet.

Im Schnitt 6,18 Euro Kaltmiete in GWG-Wohnungen

Gut 2000 Wohnungen hat die Tübinger Wohnungsgesellschaft GWG in ihrem Bestand. Zum Vergleich: Im benachbarten Reutlingen sind es bei der dortigen GWG fast vier Mal so viele. Im Schnitt zahlen GWG-Mieter in Tübingen 6,18 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter, bei geförderten Wohnungen sind es 5,67 Euro. Die Mietpreisspanne reicht von 2,90 bis 9,84 Euro. Insgesamt liege die GWG damit rund 25 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete, so deren Geschäftsführer Gerhard Breuninger. Laut F+B-Mietspiegelindex werden auf dem Tübinger Wohnungsmarkt durchschnittlich 8,32 Euro Kaltmiete verlangt. Im städtischen Mietspiegel sind 8,45 Euro angegeben.”

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Und im Kommentar schreibt Rekittke:
“Endlich mehr Geld für bezahlbares Wohnen

“Ich denke, wir schaffen das”, antwortet Gerhard Breuninger auf die Frage, ob Flüchtlinge in Tübingen mit Wohnraum versorgt werden können. Der Geschäftsführer der kommunalen Wohnungsgesellschaft GWG fügt allerdings hinzu: “Wenn die Strukturen dafür geschaffen werden.” Wenn also rasch genügend Wohnungen gebaut werden – die bitteschön nicht immer teurer werden dürften. Weshalb der GWG-Chef auch dringend davon abrät, die Energieeinsparverordnung (EnEV) 2016 nochmals zu verschärfen. Allein diese Novelle verteuere Neubauten um 7 Prozent – bei vergleichsweise geringem Klimaschutzeffekt. Oder das Beispiel Hochwasserschutz: Wegen strengerer Vorschriften habe die GWG drei bereits geplante Häuser im Tübinger Westen, an der Ammer südlich der Sindelfinger Straße, doch nicht bauen können. Keine Kompromisse kann sich Breuninger hingegen beim Brandschutz vorstellen.

Noch vor ein paar Monaten hatte der Tübinger Gemeinderat die städtische Tochtergesellschaft mit 1Million Euro Extra-Kapital ausgestattet – verbunden mit der Auflage, insgesamt 5 Millionen Euro in den sozialen Wohnungsbau zu investieren. Seitdem ist viel passiert. Die Politik, so scheint es, hat endlich begriffen, dass in vielen Ballungsräumen und Studentenstädten günstiger Wohnraum äußerst rar ist. Dass etwas geschehen muss. Fast könnte man den Flüchtlingen dafür dankbar sein.

Die städtische Tochter GWG jedenfalls, großes Lob, will jetzt richtig viel Geld in die Hand nehmen: 24 Millionen Euro für Flüchtlingsquartiere in den kommenden zwei Jahren, plus 12 Millionen Euro für “normale” Sozialwohnungen. Denn bezahlbaren Wohnraum brauchen in Tübingen nicht nur Flüchtlinge. “Alle sollen die Chance haben, eine Wohnung zu bekommen”, sagt Breuninger. 450 Alleinstehende, Paare und Familien mit Wohnberechtigungsschein stehen auf der Warteliste der GWG.

Schon wahr: Besonders in der Pflicht steht der Bund, der viel mehr Möglichkeiten hat als das Land, sich über Steuern Geld zu beschaffen. Jedoch: Unter Grün-Rot wurde der soziale Wohnungsbau im Südwesten lange links liegengelassen. Breuninger spöttelt zu Recht über jenes “Progrämmchen”. Völlig anders im schwarz regierten Bayern oder im rot-grünen NRW: Dort habe man die Wohnungsbauprogramme mit viel mehr Geld ausgestattet.

Der freie Wohnungsmarkt wird’s schon richten -das war allzu lange die Parole. Ja: In Tübingen versuchte die Verwaltung früher und energischer als anderswo, die kärglichen und mit unattraktiven Auflagen versehenen Landesgelder fürs soziale Wohnen abzurufen. Es reichte nicht. In der Alten Weberei etwa beträgt der Sozialwohnungsanteil magere 11 Prozent. Angesichts der schon seit Jahren dauertiefen Zinsen: Auf ein großes kommunales Bauprogramm hätte die Stadt auch früher kommen können.”

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