Das Mayerhöfle gibt es nur mit Inge Schettler

Ein Wirtshaus mit Geschichte(n)

Als Gast der Woche kam Inge Schettler, Ortsbeirätin in Lustnau und erneute Kandidatin der Tübinger Liste, im Schwäbischen Tagblatt zu Wort.

Hier Auszüge aus dem Artikel vom 9. März 2019 von Christine Laudenbach:

<<Inge Schettler ist mit dem „Mayerhöfle“ groß geworden. Die Weinstube war für sie dennoch lange tabu. Mutter Ruth Mayer führte dort das Regiment. Familie Mayer lebte nicht nur von, sondern auch über dem „Höfle“. Wenn etwas anstand, waren die Eltern ganz schnell bei den Kindern. Runter in die Wirtschaft durften Inge Schettler und ihre Schwester aber nur kurz und in Ausnahmefällen. Denn: „Da wurde geraucht und Alkohol getrunken.“ Die Mutter, eine freundliche aber sehr resolute Person, schickte sie nach der Schule postwendend die Treppe hoch.

Ins „Mayerhöfle“ stolpert man selten zufällig hinein. Die schmale, schmucke Haaggassen-Fassade wird im Vorbeigehen leicht übersehen. Die meisten Gäste wissen aber meist ohnehin genau, wohin sie wollen. Zum Stammtisch, auf ein ruhiges Glas Wein oder zu einer Lesung. Die wenigen neuen Besucher, die sich hierher verirren, sind in der Regel begeistert, sagt Inge Schettler. In einer Stadt wie Tübingen „sucht man so etwas.“ Werbung für die Traditionswirtschaft macht sie kaum. Die 35 Plätze sind in der Regel auch so schnell besetzt.

Als Schettler 2006 die kleine Weinstube etwa ein Jahr nach dem Tod der Mutter übernahm, änderte sie dort so gut wie nichts. Holztische und -stühle stehen da, wo sie immer standen und auch die Wand im Hinterzimmer ziert nach wie vor die von Wilhelm Malitius gemalte Tübinger Stadt- und Schlossansicht. Modernisiert? Na ja, sagt die 58-Jährige und lacht. Sie habe eine Spülmaschine angeschafft. Das war überfällig.

Auch das kulinarische Angebot blieb in weiten Teilen, wie es war. Es gibt Weine und Bier, Brezeln und: Zwiebelkuchen. Gebacken wird der mittlerweile von der Bäckerei Walker. Das Rezept der Mutter ist überliefert, sagt Schettler…

Ein bisschen was hat sich aber doch geändert in dem schmalen Haus in der oberen Haaggasse. Wo bis 1956 von 8 bis 10 Uhr das Brot aus der Backstube im heutigen Hinterzimmer über den Hausgang verkauft wurde, tat sich im Anschluss die Tür zur Weinstube auf. Sonntag war Ruhetag. Heute steht das „Geöffnet-Schild“ nur noch vier Mal im Monat auf der Straße. Hinzu kommen Weinproben und private Feiern. Auch die „Geschichte(n) im Mayerhöfle“ haben ihren festen Platz, ebenso der „Mundartstammtisch“ und Kulturabende. Öfter, gar täglich aufzumachen, kommt für Inge Schettler nicht infrage. Jemanden einstellen möchte sie nicht, verpachten ebenso wenig. „Das ,Mayerhöfle‘ gibt es nur mit mir“, sagt die Tübingerin. Und nach einer Pause: „oder mit meinen Töchtern.“ Sie unterstützen sie, wenn’s klemmt.

Die Idee, irgendwann die Weinstube zu übernehmen, habe lange in ihrem Hinterkopf geschlummert. Nach dem Erziehungsurlaub wollte sich Inge Schettler beruflich umorientieren und stieg ganz langsam beim Bürger- und Verkehrsverein ein. Als die Mutter mit 76 Jahren überraschend starb, übernahm sie. Beim Sichten der Wirtschaft stießen die Töchter auf einen Haaggassenkeller voller Wein. Ruth Mayer hatte vorgesorgt. Dabei trank die langjährige Wirtin selbst so gut wie keinen Tropfen Alkohol. „Ich habe keine Ahnung, wie sie ihren Wein verkauft hat“, sagt Schettler. Sie und ihr Mann seien „beide Wein-Nasen“. Auf die Karte kommt, was ihr schmeckt. Regionale Tropfen von der Winzerei Gugel etwa oder von Sabine Koch, Weine aus dem Ammertal. Nur beim Riesling muss sie passen. Den probiert dann ihr Mann.

Dass sich die Haaggasse immer mehr zur Partymeile entwickelt, ist für Inge Schettler „kein Problem“, wie sie sagt. Ihre Gäste seien eher nicht dabei, wenn angetrunkene Kneipengänger die Nachbarn um den Schlaf bringen. In der Regel „gehen die gegen zwölf Uhr heim“ – was aber nicht bedeutet, dass im „Höfle“ nur alte Leute sitzen. Richtig turbulent werde es erfahrungsgemäß vom ehemaligen Jazzkeller an abwärts. In lauen Sommernächten sei es in der Tübinger Innenstadt „schon laut“, gibt sie zu. „Aber das macht eine Studentenstadt halt auch aus.“ Die Haltung, in der Altstadt wohnen zu wollen und dennoch Ruhe einzufordern, kann sie nicht akzeptieren. Man müsse ein Miteinander finden. Das Rezept? Gibt es so nicht, sagt sie. „Die Idee eines Nachtbürgermeisters finde ich aber charmant.“

… Ihre Gäste, sagt Schettler, führe sie grundsätzlich durch die Gassen der Wengerter und Handwerker – um zu zeigen: Tübingen ist nicht nur Universität! Bei den Touren durch ihre Heimatstadt gibt sie Geschichten preis, unheimliche und heimliche. „Beim Erzählen reiße ich mich am Riemen“, erklärt sie gleich und ergänzt: „Ein Bayer versteht mich immer“, weiter nördlich könnte es aber schwierig werden.

In den Runden im „Mayerhöfle“ gibt es selten Verständigungsprobleme. Manche saßen hier schon am Stammtisch, als noch Schettlers Eltern ausschenkten. Vater Ernst Mayer hatte ursprünglich Bäcker gelernt und so wurde die geerbte Weinstube dann auch bis Mitte der 50er-Jahre als Gaststätte und Bäckerei geführt – was damals nicht selten war. Vom Bäcker Pfeffer gekauft hatte die Wirtschaft 1891 Schettlers Urgroßvater, der ebenfalls Ernst Mayer hieß. Über dessen erstgeborenen Sohn, noch ein Ernst Mayer, gelangte sie schließlich in die Hände von Schettlers Eltern. Das Regiment im „Höfle“, das ist unbestritten, führte aber Ruth Mayer – und das nicht erst nach dem Tod ihres Mannes Mitte der 80er-Jahre.

In den Stammtischrunden erfahre sie heute immer wieder unbekannte Anekdoten über die Eltern, Kriegsgeschichten vom Vater etwa, die er den Kindern verschwiegen hatte. Als Schettler kürzlich die Geschichte über die letzte Hinrichtung vor 70 Jahren in der Zeitung las, erzählte ein Gast, ihr Vater sei dabeigewesen. Ernst Mayer III war offenbar einer der im Bericht als „Gaffer“ Bezeichneten, als Raubmörder Richard Schuh in der Doblerstraße durch die Guillotine starb. Das habe sie verblüfft, sagt Inge Schettler, wobei: „Neugierig war er schon immer.“>>

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