Die OB-Kandidatin Beatrice Soltys lud am 30. September den Verein Pro Regiostadtbahn ein zum Vortrag über das vom Verein seit 15 Jahren geförderte Projekt. Bernd Strobel, Vorstandsmitglied der Hohenzollerischen Landesbahn und der Südwestdeutschen Verkehrs-Aktiengesellschaft i. R., Tübingen, stellte die Vorteile der Schienenvernetzung vor.

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Dass Tübingen mit der Region verbunden werden muss, dass die Elektrifizierung ein notwendiger Schritt sei, das wurde von den rund 70 Bürgern aus Tübingen, Mössingen und Hirschau nicht in Frage gestellt.
Auch sollten Pendler möglichst wenig mit dem Auto fahren – so weit, so gut.
Doch ist die Regionalbahn dazu das richtige Mittel?
OB-Kandidat Sassmannshausen rechnete vor, dass der Pendler auch ohne Umsteigen mit seinem Privat-Pkw ein Drittel schneller sei: zu viele Haltestellen. Andere lobten weitere Vorzüge des Autos: leichter Transport von Einkäufen, warm, bequem, mit eigenem Radio…
Offenbar drückt das beschworene Verkehrsproblem noch nicht so sehr aufs Gemüt.

Bei der Diskussion um die Stadtbahn durch Tübingen blieben viele kritische Fragen der BürgerInnen offen:

1. Wird die Neckarbrücke verbreitert oder abgerissen und neu gebaut? Was kostet das?
2. Ist die teilweise abgesenkte Einsteigerampe für gehbehinderte Personen praktikabel? Wie kommen Senioren mit dem als “dynamisch” gelobten Anfahren und Abbremsen zurecht?
3. Wie viele der bisher stündlich 120 Busse müssen trotz Stadtbahn noch durch die enge Mühlstraße fahren? Die versprochene Reduktion von 45 % Busverkehr und Feinstaub-Belastung glaubte das Publikum nicht. Wer beweist das?
4. Haben Radler noch Platz auf der Mühlstraße, die schon jetzt durch Anliefer-Fahrzeuge blockiert wird? Was ist mit den für Radfahrer gefährlichen Schienen?
5. Was wird mit der bisher durchgehenden Buslinie aus Hirschau? Was mit den bisher komfortablen Bustakten in den Teilorten? Wie kommen ältere Menschen zum fern liegenden Bahnhof?
6. Wie bekommt die Stadtbahn dem Stadtbild?
7. Werden die Klinik-Pendler das millionenschwere Geschenk überhaupt annehmen?
8. Wie lange wird die Bauzeit in Tübingen dauern? Die Angabe von ein bis zwei Jahren hielt das Publikum nicht für realistisch!
9. Warum führt man die Trasse nicht über Lustnau und den Nordring?
10. Warum konzentriert sich Tübingen nicht darauf, den Fußweg vom Bahnhof zur Altstadt erfreulicher zu gestalten, wenn die Stadtbahn angeblich auch so wichtig für den dortigen Handel ist?

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RTF 1 war dabei

OB-Kandidatin Soltys bezieht Stellung zur Stadtbahn

1. Oktober 2014

Das Thema Regionalstadtbahn ist in der Region Neckar-Alb derzeit in aller Munde. Und natürlich ist das Projekt auch Diskussionsstoff in Tübingen. Da stehen in gut zwei Wochen bekannterweise die OB-Wahlen an. Das amtierende Stadtoberhaupt Boris Palmer hat sich den Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs schon lange auf die Fahne geschrieben. Wie aber sieht es bei seiner Konkurrentin Beatrice Soltys aus? Auch sie hat jetzt Stellung bezogen. Für Sie – so Soltys – seien noch viele Fragen offen. Mit einer Infoveranstaltung im Tübinger Restaurant Reefs wollte sie sich und den Bürgern gestern mehr Klarheit verschaffen.

Von vielen Tübingern werde sie auf der Straße zum Thema Stadtbahn angesprochen. Soltys hat auch als Außenstehende schon gemerkt, dass es die Bürger beschäftigt. Und es ist fester Bestandteil in ihrem Wahlprogramm: Sie stelle überhaupt gar keinen Zweifel über die Notwendigkeit des Ausbaus der Regionalbahnlinien, sie sei wichtig für alle umliegenden Städte und kleineren Gemeinden. Es heiße natürlich eine bessere Anbindung des Pendlerverkehrs, einfach eine Strukturierung und auch ein Umlenken des Verkehrs auf die Bahn – was im Grundsatz natürlich positiv sei. Allerdings hat die Fellbacherin noch viele Fragen, etwa zum Umfang der Kosten: Was bedeutet der Ausbau beispielsweise für den städtischen Haushalt in den kommenden zehn Jahren? Und auch den Bürgen brennen einige Dinge unter den Nägeln: Neckarbrücke – Was passiert damit? Wird sie gesperrt? Wird sie neu gebaut werden müssen? Muss sie ertüchtig werden? Zweiter Punkt: Mühlstraße – Wird die Mühlstraße gesperrt? Wie sieht der Straßenraum aus, wenn sich zwei Bahnen kreuzen? Wo bewegt sich der Radfahrer? Wo bewegt sich der Fußgänger? Was haben wir noch für Stadtraumqualitäten? Wie groß ist das Ganze? Antworten geben auf diese Fragen sollte Bernd Strobel, geschäftsführender Vorstand des Tübinger Vereins Pro RegioStadtbahn. Auf dieser Basis will sich Soltys selbst ein Bild machen.

Mündige Bürger müssen Bescheid wissen, was in ihrer Stadt los ist – so das klare Statement von Beatrice Soltys. Ihre Beobachtung bisher: Es gebe viele Runde Tische, lange Diskussionen, zu lange Entscheidungsphasen. Aus ihrer Praxis könne sie nur sagen: Sie würde und habe Bürgerbeteiligung sehr straff organisiert. Sie hätte in ihrer Gemeinde konkrete Ergebnisse, die sie in die Entscheidung gebracht habe und die mittlererweile in der Umsetzung seien. Und da brauche die Stadt keine zehn Jahre für, sondern das gehe zackig und knackig. Bürgerbeteiligung heiße für Soltys: Die Bürger müssen sehen, dass aus ihren Vorschlägen, aus der Zeit, die sie ehrenamtlich geopfert habe, etwas Konkretes entsteht. Und daher steht für die OB-Kandidatin eines auch außer Frage: Sie möchte, dass dieses Projekt aufgrund seiner Größe, aufgrund auch der Wertigkeit in der Stadt und auch der Auswirkungen – nicht nur finanziell, sondern auch baulich – als wichtiges Projekt für die Stadt ganz klar vom Bürger entschieden wird. Ein so entscheidender Eingriff in die Verkehrssituation und das Stadtbild könne nämlich nicht allein von der Stadtverwaltung entschieden werden – so Soltys.”

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Das Schwäbische Tagblatt titelt am 2. Oktober 2014: Schienendisput im Wahlkampf

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Hintergrund-Bericht des Zollern-Alb-Kuriers vom 16. Mai 2014:
„Wir sind mit der Planung zehn Jahre zu spät dran“
Kommunalwahl 2014: Ex-Chef der HzL erläutert auf Einladung der Kreis-SPD das Riesenprojekt Regionalstadtbahn

von Klaus Irion

“Die Deutsche Bahn AG lehnt die Elektrifizierung der Zollernbahn auf eigene Kosten ab. Ein Problem, aber keines, dass nicht gelöst werden könnte, meint der frühere Chef der Hohenzollerischen Landesbahn.

Hinter Dußlingen und Gomaringen hört für die Tübinger und Reutlinger die Welt auf. Manch einer im südlichen Landkreis Tübingen kann davon ein Lied singen. Die Bewohner des Zollernalbkreises ohnehin. Diesen – zugegebenermaßen polemischen – Eindruck konnte gewinnen, wer am Mittwochabend auf Einladung des SPD-Kreisverbands im Balinger Zollernschloss den Ausführungen des früheren Vorstandsvorsitzenden der Hohenzollerischen Landesbahn, Bernd Strobel, zum Thema Regionalstadtbahn lauschte.

Ärgernis des Abends war das so genannte „Modul 1“ der Regionalstadtbahn, das – Stand heute – als einziges Teilprojekt wenigstens die Chance hat, vor 2020 umgesetzt zu werden. „Modul 1“ beinhaltet die Elektrifizierung der Ammertalbahn zwischen Herrenberg und Tübingen sowie die Elektrifizierung der Ermstalbahn zwischen Reutlingen und Bad-Urach. „Dabei ist eigentlich doch die Elektrifizierung der Zollernbahn zwischen Tübingen und Sigmaringen viel wichtiger“, wandte ein Zuhörer ein. Schließlich sei sie doch die Hauptschlagader der Bahnstrecken in der Region Neckar-Alb. Fakt ist: Ohne diese Elektrifizierung fallen in einigen Jahren die umsteigefreien Verbindungen von Sigmaringen bis Stuttgart weg, weil mit Stuttgart 21 nur noch Elektroloks in den Stuttgarter Hauptbahnhof werden einfahren können.

Wie aber kam es dazu, dass Nebenstrecken nun vor der Hauptstrecke elektrifiziert werden. Strobel nennt mehrere Gründe. Der grundlegende. „Die Befürworter der Zollernbahn-Elektrifizierung haben das Pech, dass dies eine Strecke der Deutschen Bahn ?AG ist.“ Das Unternehmen habe aktuell keinerlei Eigeninteresse an einer Elektrifizierung zwischen Tübingen und Sigmaringen. Bleiben also wohl nur Mittel der öffentlichen Hand. Dazu komme, dass der auch notwendige Ausbau der Strecke mit teilweiser Zweigleisigkeit aus geologischen Gegebenheiten heraus nicht einfach zu bewerkstelligen sei.

Und dann ist da noch ein hausgemachtes Problem: „Wir sind mit den Planungen einfach zehn Jahre zu spät dran.“ Strobel meint damit die Regionalstadtbahn im Gesamten. Hintergrund: Das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG), über das bislang Bundesmittel auch für Stadtbahnprojekte bereitgestellt wurden, läuft aus. „Nur noch Projekte, die bis 2018 oder 2019 abgeschlossen werden, werden finanziert.“ Im Fall der Ammertal- und der Ermstalbahn ist dies realistisch, im Fall der Zollernbahn nicht.

Als Hoffnungsschimmer am Horizont sieht Strobel eine Initiative westdeutscher Flächenländer – darunter auch Baden-Württemberg –, die sich seit 2013 für eine wie auch immer geartete GVFG-Anschlussfinanzierung bemühen. In Ostdeutschland sei dies dagegen kein Thema, weil dort die verkehrlichen Infrastrukturmaßnahmen längst abgeschlossen sind.

Wie aber geht es nun weiter? Oberste Priorität hat für Strobel „dass der Planungsantrag für die Zollernbahn-Elektrifizierung – wie vorgesehen – im August gestellt wird“. Und genau so wichtig sei es, ein Gremium aus sämtlichen Entscheidungsträgern und Vertretern der Wirtschaft zu bilden, die das Projekt gemeinsam voranbringen. Das alles nütze aber nur dann etwas, wenn man im entscheidenden Moment schnell reagiert. Strobel prognostiziert schon heute: „Wenn das GVFG wie auch immer fortgesetzt wird, gilt bei den Finanzierungsanträgen das Windhundprinzip. Und schließlich gibt es in der Region Neckar-Alb nicht nur die Ammertalbahn und die Ermstalbahn, sondern auch noch die nicht elektrifizierte Strecke von Tübingen nach Horb. Strobel: „Derzeit sehe ich die Zollernbahn noch vor dieser Strecke.“ Aber wie man auf der Zollernalb längst gelernt hat: Tübingen schläft nie. Vor allem nicht, wenn es um alternative Verkehrskonzepte geht.

Regionalstadtbahn und Vereinslobbyismus

Regionalstadtbahn Das Projekt umfasst die Landkreise Zollernalb, Tübingen und Reutlingen. Es handelt sich um einen Zusammenschluss vorhandener und etlicher noch nicht vorhandener Eisenbahn, S-Bahn und Stadtbahn-Strecken, mit der die gesamte Region Neckar-Alb schienentechnisch abgedeckt werden soll. Das Gesamtprojekt würde nach heutigen Berechnungen knapp eine Milliarde Euro kosten. Die Elektrifizierung von Ammertalbahn und Ermstalbahn sind der Auftakt. Ob, und wenn ja, in wie vielen Jahren oder Jahrzehnten alle Bahnen umgesetzt werden, steht noch in den Sternen.

Vereinslobby Seit 15 Jahren gibt es den Verein „Pro Regiostadtbahn“ mit Sitz in Tübingen. Laut dem früheren HzL-Chef Bernd Strobel hatte man sich vor Jahren entschlossen, keine neuen Mitglieder mehr aufzunehmen. Inzwischen aber gilt dieser Aufnahmestopp nicht mehr. Im Vorstand des Vereins ist der Zollernalbkreis gar nicht vertreten, im (Honoratioren-) Beirat unterrepräsentiert. Als eine der wenigen Zollernälbler sitzt die Tübinger/Hechinger CDU-Bundestagsabgeordnete Annette Widmann-Mauz im Beirat.”

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