Ein „Superbericht“ über ein Superradwegenetz

Mal soeben wurden € 11,6 Mio für eine einzige Radbrücke West im Planungsausschuss durchgewunken, die am Anfang mit einem Kostenrahmen von € 5,1 Mio. gestartet bzw. dem Gemeinderat verkauft worden war und jetzt mal eben auf mehr als das Doppelte der Kosten geschätzt wird. Und da hat offensichtlich kein Gemeinderat oder keine Gemeinderätin in Tübingen die leisesten Bedenken geäußert? Pennen da denn alle, fragten sich viele, die die Zeitung heute lasen und stutzig wurden? Denn zu diesem Eindruck kam man bei Lekture des heutigen Leitartikel im Lokalteil.

Schon vor knapp drei Jahren fragte die Tübinger Liste beim ersten Auftauchen der Radbrücke West kritisch nach, bei diesem erkennbar persönlichen Lieblingsprojekt des Oberbürgermeisters, seit er in Kopenhagen solche Brücken gesehen und beschlossen hatte: Sowas brauchen wir auch in Tübingen!.

Wir zweifelten bei damals „nur“ auf € 5,1 Mio geschätzten Baukosten für die Radbrücke West, wie die Wirtschaftlichkeit und ein ökologischer Nutzen (sprich weniger CO2-Verursachung über die Lebenszeit der Brücke) bei so viel verbautem Stahl und Beton an dieser Stelle entstehen könnte. Dafür verlangten wir Zahlen, wie viele Autofahrer prognostiziert auf das Fahrrad umsteigen und dies vor allem tun, weil es diese Brücke geben wird. Wir bekamen die Zahlen damals und bis heute nicht.

Auch eine CO2 Bilanz ließe sich mit diesen Grunddaten über verändertes Verkehrsverhalten errechnen. Inzwischen wurde das Bauwerk finanziell immer größer und dabei skandalös um 127% teurer. Unter anderen passierte das, weil immer mehr Stahl und Beton verbaut werden musste, eine Fahrbahnheizung erforderlich ist, der erste deutsche und riesige Radkreisverkehr entsteht, damit dieses neun Meter hohe Monster heil im Anlagenpark landen kann. Aber immer noch gibt es keine Angaben und Daten zur CO2-Bilanz der Brücke mit einem riesigen CO2-Fußabdruck grauer Energie.

Uns wundert es doch, dass die sehr kompetente Fridays for Future Gruppe Tübingen da bisher nicht kritisch nachfragt. Denen sollte es doch ernsthaft um echte CO2-Reduktionen gehen und sie müssten Publicity-Gags mit grünem Aufkleber, die das Klima möglicherweise sogar in der Gesamtbilanz schädigen, gnadenlos als Politspielchen alter Machart entlarven. Bisher haben sie aber die Klimabilanz der Radbrücke West nicht eingefordert.

Wir fragten in einem Antrag letzten Donnerstag erneut nach den Daten für eine solche Klimabilanzierung. Wir wollten auch wissen, ob die Stadt inzwischen wenigstens wisse, an welches Superradwegenetz diese Brücke anschließen solle. Sonst macht so eine Brücke ohne Anschluss daran herzlich wenig Sinn. Die Pläne für das Superradwegenetz und das – als blaues Band titulierte – innerständtische Radwegenetz sind aber immer noch nicht fertig und konnten dem Gemeinderat daher noch nicht vorgelegt werden.

Vorlage 122a/2020, der letzten Donnerstag vorgelegte interfraktionelle Antrag der Tübinger Liste (gemeinsam mit CDU und FDP) nannte diese Bedenken, fragte die weitere Verfügbarkeit eines Finanzrahmen und der avisierten Fördergelder nach Corona an und gab einige weitere Prüfaufträge an die Verwaltung. Der Antrag lag in der Sitzung auch für die Pressevertreter auf und der Kollege Dietmar Schöning/FDP übernahm, in Abwesenheit von Ernst Gumrich, die mündliche Erläuterung. Ihr könnt den Antrag hier selbst nachlesen: www.tuebingen.de/gemeinderat/vo0050.php?__kvonr=15084.

Es entspannen sich zudem Diskussionen. Der Baubürgermeister, Herr Soehlke sagte die von uns geforderten Prüfungen und möglichen Antworten in der Sitzung dann schließlich zu, sodass der Antrag nicht abgestimmt werden musste sondern durch diese „Verwaltungszusage“ erledigt wurde.

Nun rieben wir uns alle heute morgen bei der Lektüre des Tagblatts die Augen. Kein Ton im Leitartikel Tübingen über diese Bedenken und kritischen Nachfragen. Für die Leserinnen und Leser des Tagblatts bleibt so die Welt in Ordnung: Hurra, wir bekommen eine € 11,6 Mio. Radbrücke und alle freuen sich saumäßig!

Manche LeserInnen der Tageszeitung fragen sich nach dem Bericht aber leider auch: Wofür braucht man eigentlich einen Gemeinderat?

www.tagblatt.de/…/Superradwegenetz-mit-Bruecken-126-Million…

Der Bund soll 12,6 Millionen Euro für drei Rad-Infrastrukturprojekte zuschießen. Eins davon ist die Radbrücke West, die mehr als doppelt so teuer wird wie geplant.

Ähnliche Beiträge

Kommentarfunktion geschlossen.