23. März 2016

„Ende Gelände – kann Tübingen noch wachsen?“

Baubürgermeister Cord Soehlke war um eine Antwort auf die Frage der Tübinger Themen nicht verlegen: “Unsere Flächenreserven werden in maximal zehn bis 15 Jahren erschöpft sein.” Eine Großstadt soll Tübingen nicht werden. Nicht einmal 100.000 Einwohner zog Soehlke in Betracht.

Reinhard von Brunn zitierte in seiner Begrüßung aus einer Mitteilung des BUND Baden-Württemberg vom Dezember 2015:

„Der tägliche Flächenverbrauch in Deutschland liegt mit leicht abnehmender Tendenz derzeit bei etwa 100 Hektar pro Tag (2010). Das heißt: Jede Sekunde zwölf Quadratmeter, jeden Tag 100 Fußballplätze, jedes Jahr ein Gebiet so groß wie zwei Drittel der Fläche des Bodensees: Das ist die Fläche, die in Deutschland zugebaut, betoniert oder geteert wird…“

Am 22. März voller Saal im Lamm: unter den 96 Teilnehmern Gemeinderäte fast aller Parteien und viele sachkundige Bürger. Eine gesalzene Kontroverse war zu erwarten, doch der Abend begann reichlich “kuschelig”. Denn der geladene Autor der Streitschrift “Verbietet das Bauen”, Daniel Fuhrhop, vergaß ganz das Bauen zu verbieten und lobte stattdessen die Tübinger Konversions-Stadtteilkonzepte über den grünen Klee, vor allem das Französische Viertel.

Die Gäste auf dem Podium:
Cord Soehlke, Baubürgermeister in Tübingen mit geballter Erfahrung aus 17 Jahren in vielen großen Projekten.

Daniel Fuhrhop lebte lange in Berlin, jetzt in Oldenburg. Er ist Betriebswirt mit starkem Hang zu Architektur und Stadtplanung, war Architektur-Verleger und ist Experte zu Fragen des Stadtwandels in Zeiten des Klimawandels.

Prof. Dr. Michael Bamberg, Chef des Universitätsklinikums. Auf dem Schnarrenberg pulsiert ein kompaktes Grossklinikum mit fast 10.000 Beschäftigten. Wie schwierig der Spagat zwischen notwendiger Erweiterung und Naturschutz ist, erlebten wir, als es um das neue Parkhaus für die Augenklinik ging. Aber die Kliniken werden und müssen weiter wachsen.

Angela Hauser ist Personalratsvorsitzende im UKT und kennt die Sorgen und Nöte ihrer Kolleginnen und Kollegen, die nachts um 4 Uhr in ihrem Dorf im Gäu oder auf der Schwäbischen Alb aufstehen müssen, um pünktlich um 6 Uhr ihre Schicht zu beginnen. Würden sie gerne nach Tübingen ziehen, wenn es denn bezahlbaren Wohnraum gäbe?

Martin Lack, Ortsvorsteher in Hagelloch, einem wunderschönen und beschaulichen Flecken am Schönbuchrand. In Steinwurf-Weite zur Tübinger Nordstadt. Ob er wohl diese Idylle und dieses Naherholungsgebiet erhalten oder lieber mit Tübingen zusammen wachsen möchte? Oh nein, er freut sich, wenn die Tübinger zu den Hagellochern aufschauen!

Er fordert ein Umdenken bei den Bewohnern seines Teilorts, wo auf reinem Wohnen bestanden wird: “Wer morgens ein frisches Brötchen haben will, muss die Bäckerei dulden”. Eine Anwohnerin habe einen jungen Metzger-Unternehmer mit Klage-Androhungen vergrault. Taktisch klug hat Lack gleich zwei Neubaugebiete ausgewiesen, um interne Konkurrenz unter den Eigentümern zu schaffen, die zunächst alle an die Stadt verkaufen müssen.

Barbara Lupp, Regionalgeschäftsführerin des BUND. Diese Umweltorganisation hat das grüne Gewissen der Republik mit geprägt. In Tübingen gerät Naturerhalt, Landschaftspflege und Artenvielfalt in der Wachstumseuphorie zuweilen unter die Räder.

Thorsten Flink, Tübinger Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Er ist mit dafür verantwortlich, dass auch in Zukunft die Gewerbesteuer-Einnahmen sprudeln, sich neue Firmen ansiedeln und vorhandene expandieren können. Echten Druck spürt Thorsten Flink, wenn ihn Gewerbe-Betriebe vor die Alternative stellen, auf Tübinger Grund zu erweitern oder aber nach Shanghai umzuziehen. Hier hilft nur kluges Entgegenkommen. Aufstocken ist eines davon, wie geschehen im Fall Erbe im Gebiet “Vor dem Holz”.

Aus der allgemeinen Diskussion kristallisierten sich diese Schwerpunkte heraus:

1. Bessere Nutzung von Gewerbeflächen

Dem sorglosen Umgang mit Gewerbeflächen, zu sehen im Gewerbegebiet Unterer Wert, könnte die gelenkte Zusammenlegung von gleichartigen Betrieben entgegenwirken. Es gibt Ärztehäuser, Handwerkerparks, Bürogemeinschaften und andere Modelle, bei denen Synergien entstehen und Platz gespart wird. Warum z. B. nicht bei Autos? Statt dass jedes Autohaus riesige Ausstellungsflächen und Parkplätze zu ebener Erde belege, könnten mehrere sich in einem mehrstöckigen Gebäude konzentrieren, ähnlich wie in den Parkhäusern der Autovermieter an den Flughäfen.

2. Wohnungsnot für Mittel- und Geringverdiener führt zu Personalmangel
Noch mehr Druck haben die Universitätskliniken, betonte Prof. Michael Bamberg, der einerseits Platzbedarf für technisch immer  anspruchsvolleren Service, andererseits Wohnbedarf für Personal anmeldete. Er nutzte die Plattform, um den zahlreichen Multiplikatoren im Publikum sein Anliegen deutlich vor Augen zu führen:
Immer mehr schwierige Fälle kommen aus der Region, kleinere Krankenhäuser dort schließen, und die Patienten fahren nach Tübingen. Dass die Basisversorgung auf dem Land abgebaut werde, schwächte Bamberg ab. Immerhin schicke das Uni-Klinikum auch Ärzte zur Aus- und Fortbildung in die Region.
Wer findet in Tübingen eine Behausung für die tarifliche Miete von 7.-€/ qm? Die schwierige Wohnungslage sei Ursache für den Pflegenotstand, aber auch der Mangel an Fachkräften. Wenn ein geldwerter Vorteil wie die Förderung des Job-Tickets, nächstes Jahr auslaufe, werde die Arbeit auf dem Schnarrenberg für viele Angestellte des UKT unattraktiver, fürchtete Hauser, Vorsitzende des Personalrats.

3. Nicht nur Häusle, nein: STADT bauen
Beim Bauen denken die meisten nur an Stein, Holz und Beton. Doch das Leben in einem Viertel prozessorientiert durch seine Architektur zu gestalten nannte Fuhrhop “Stadt bauen”. Verkehrsströme, Wegebeziehungen, Treffpunkte, Arbeitsplätze und Grünflächen, Vereine, Schulen, Kitas, Seniorenheime – dies alles gehört dazu und fördert den sozialen Zusammenhalt.

4. Grüne Stadtnatur
Barbara Lupp, BUND, warnte vor unsachgemäßer Sanierung, die die Biodiversität schädigen könne.
Kinder und Jugendliche müssten die Gelegenheit haben, mit Natur in Berührung zu kommen, eine Pflanze wachsen zu sehen, Kleintiere zu beobachten. Wo kommunale Wohnungsbau-Gesellschaften den Mietern explizit verbieten, sich in den gemeinschaftlichen Grünflächen zu betätigen, bleibe noch einiges zu verändern.

5. Ja, im Jahr 2025 ist Ende Gelände.  Cord Soehlke sieht noch Potenzial in der Weststadt (Kast&Schlecht, Zoo) und in der Gartenstraße (Queck), und im Derendinger Saiben. Aber dann ist Schluss. Um dieses Datum möglichst weit hinaus zu ziehen, empfiehlt Fuhrhop in seinem Buch “Mit 50 Werkzeugen Neubau überflüssig zu machen”.

Mehrere seiner Rezepte sind in Tübingen zwar schon verwirklicht, aber es gibt immer noch einiges umzusetzen und zu verbessern:

  • Jung kauft Alt, Förderkredite für Altbau-Erhalt
  • Wohnen für Hilfe, mietfreie Studenten helfen Senioren
  • Fördergelder für Raum-Aufteilung im gleichen Gebäude
  • Sanierung vor Abriss (nur 1% der Wohngebäude in Deutschland werden saniert)
  • Erbpacht, die spätere Umnutzung durch die Kommune begünstigt
  • Effizientere Nutzung von Gebäuden
  • Tausch-Börsen

Bei Wein und Brezeln diskutierten viele Gäste noch bis spät in die Nacht. Zwei Workshops wurden vorgeschlagen, um einige Themen zu vertiefen:

  1. Wie kann gemischte Nutzung aus Wohnen und Gewerbe gut funktionieren?
  2. Welches Wachstumsziel setzt sich Tübingen bis zum Jahr 2030?

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Wie immer bei den Tübinger Themen: Dokumentation muss sein!
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Daniel Fuhrhop entpuppte sich als Fan des Französischen Viertels und seines Spiritus rector Andreas FeldtkellerIMG_3970
Von links: Fuhrhop, Soehlke, Barbara Lupp vom BUND

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Prof. Bamberg kämpfte engagiert für sein Klinikum. Neben ihm Michael Lack, angela Hauser und Thorsten Flink
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Renate Hanagarth am BüchertischIMG_3966 IMG_3930Die Organisatoren Klaus Dieter Hanagarth, Paul-Janosch Ersing und Reinhard von Brunn
Und so sah es Volker Rekittke: In Tübingen gehen Flächen für Wohnen und Gewerbe aus.
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