Flusspark Neckaraue: breiter Vertrauensvorschuss

Der Neckar zwischen Stauwehr und Stuttgarter Straße soll wieder mäandern dürfen.
Visualisierung: Landschaftsarchitekturbüro Geitz & Partner GbR

„Das deutsche Planungsrecht ist nichts für Feiglinge,“ stellte Baubürgermeister Cord Soehlke am 3. Juli fest. Und Bürgerbeteiligung am späten Sommerabend setzt für die Planer noch eins drauf. Denn Bürger können streitbar sein. So meldeten sich auch einige davon im Museum, wo sich etwa 60 Anwohner der Garten- und Bismarckstraße eingefunden hatten, um die komplexen Details der „Renaturierung“ des Neckars in ihrem Sprengel zu erfahren.

Das Regierungspräsidium sieht akuten Handlungsbedarf. Äsche, Barbe, Döbel, Elritze und Forelle finden nirgends mehr Unterschlupf im kanalartig befestigten Fluss unterhalb des Stauwehrs. Die so malerisch erscheinende Fischtreppe neben dem Wehr aus den 1980ern erlaubt keinen Aufstieg, und kleine Aale werden gar in der Turbine geschreddert.
Aus der Grünzone in der Gartenstraße zwischen Tennisclub und Ruderhaus soll ein naturnaher Flusspark werden. Es geht um Tiere, aber auch um die vielen Menschen, die ringsherum angesiedelt wurden und Erholung suchen. Unter anderem sollen Gewässerökologie und die Bedingungen für die Pflanzen- und Tierwelt sowie Hochwasserschutz und Wege für Fußgänger und Radfahrer verbessert werden. Soehlke gliederte das Vorhaben in mehrere Projekte auf:

1.Gewässerökologie, die der Wasserqualität und den Fischen zugute kommen soll
2. Umgestaltung des Flussparks zur Naherholung
3. Aufwertung des Spielplatzes Brückenstraße für die östliche Stadtmitte und das Güterbahnhof-Areal.
4. Hochwasserschutz für das Mischgebiet an der Bismarckstraße und die östliche Gartenstraße.

Einige Besucher warteten nicht bis zum Ende der Vorträge und bombardierten das Podium mit kritischen Fragen. Aggression lag in der Luft, Soehlke mahnte zur Disziplin. Dies veranlasste einen älteren Herrn, vor Beginn der eigentlichen Diskussion ein unverbindliches Meinungsbild zu erbitten. Und siehe da, die überwiegende Mehrheit zeigte sich vom Vortrag der Fachleute überzeugt und positiv gestimmt.

Das Büro MENZ Umweltplanung untersuchte die aktuellen Hochwasser-Terrassen zwischen Stauwehr und Stuttgarter Straße. Das nämliche Büro hatte 2017 nicht abgeraten, den Au-Brunnen zu um- und überbauen.
Fünf Brutvögel mit Rote-Liste-Status!
So viele schlechte Bäume an der Bismarckstraße? Das kann hinterfragt werden.
So soll der Flusspark künftig aussehen. Drei Jahre braucht die Landschaft mindestens, bis sie sich von dem gravierenden Eingriff mit Schwermaschinen erholt haben wird.

Sabine Lohr vom Schwäbischen Tagblatt war dabei und sieht es so (Auszug vom 5. Juli 2019):

Der Neckar ist in keinem guten Zustand – für Fische bietet er wenig Lebensraum. Damit sich das wenigstens an einigen Stellen ändert, renaturiert das Land ihn, wo es geht und so gut es geht. Das ist zur Zeit etwa beim Freibad der Fall.
Ein besonderes Vorhaben ist die Renaturierung zwischen dem Stauwehr in der Brückenstraße und dem Ruderverein in der Gartenstraße: An keiner anderen Stelle im Land wird innerstädtisch ein so langes Stück des Flusses ökologisch aufgewertet.
Das nutzt die Stadt: Sie will aus der Grünfläche zwischen Neckar und Gartenstraße einen „Flusspark“ machen.

Zunächst stellte Lothar Heissel vom Regierungspräsidium vor, was das Land plant und warum es den Fluss aufwerten will. Der ökologische Zustand des Neckars sei an dieser rund 500 Meter langen Strecke so unbefriedigend, dass dringender Handlungsbedarf bestehe. …
Für eine Aufwertung sei die Strecke zwischen Stauwehr und Ruderverein perfekt: Dort führt der Fluss ausreichend Wasser, es gibt genug Platz an den Ufern, um ihm mehr Raum zu geben, und die Flächen für Aufweitungen stehen zur Verfügung.
Bis auf eine, wie sich später herausstellte: Das Grundstück, auf dem der Verein für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation seine Gärtnerei hat (die umziehen wird ins Ammertal) und wo ein kleiner Seitenarm des Neckars angelegt werden soll, gehört Privatleuten. Und die scheinen nicht verkaufen zu wollen. Sie sind sowohl gegen die Renaturierung als auch gegen den Park. Die große Mehrheit im Saal sah das anders. …

Bei der Renaturierung sollen, erklärte der Stuttgarter Landschaftsarchitekt Peter Geitz, die Ufer mit lebendigem Material, also mit Baumstämmen und Wurzeln, die ins Wasser hängen, befestigt werden. Außerdem muss die glatte Felssohle im Flussbett aufgelöst werden. So sollen Habitate für Kleinlebewesen und Laichgründe für Fische geschaffen werden.
Ein Anwohner stellte infrage, dass alle Aspekte wie Auswirkungen auf die Umwelt und auf andere Lebewesen berücksichtigt worden seien. Geitz widersprach dem. Er und seine Kollegen hätten sich jeden Baum am Ufer angeschaut und untersucht, ob sie Habitate für Fledermäuse oder Vögel bieten. Trotzdem werden einige Bäume gefällt werden müssen. „Die werden aber alle wieder am und im Fluss verbaut, wir brauchen viel Holz“, so Geitz. Jedenfalls wäre der Neckar-Umbau nicht genehmigt worden, wenn nicht alle Aspekte berücksichtigt worden wären.


Eine Anwohnerin befürchtete, dass auch direkt unterhalb des Stauwehrs in den Neckar eingegriffen werde. Dort gibt es Kiesbänke, die sich je nach Strömung verändern. Und der Fluss sucht sich seinen Platz, frisst sich mal links, mal rechts ins Ufer. „Wird der Fluss dort so reguliert, dass nichts mehr geht?“ fragte sie. Das Gegenteil sei der Fall, so Geitz. Diese Stelle sei so, wie sie ist, ungeheuer wertvoll. „Auf gar keinen Fall werden wir dort eingreifen.“ Ziel sei es , diesen Zustand zu verlängern, ihn auch an anderen Stellen zu haben.


Reinhard Vögele vom Stadtplanungsamt stellte vor, wie der Park gestaltet werden soll. Ziel sei ein naturnaher Park, der nicht mehr in zwei steilen Stufen zum Neckar abfällt, sondern gleichmäßig. Ob die Grünfläche tatsächlich naturnah gestaltet wird, ist allerdings noch offen. „Wenn bei der Bürgerbeteiligung herauskommt, dass sie dort lieber viele Nutzungen und eine Möblierung wollen, wird es so gemacht“, sagte Soehlke.
Ein Fußweg soll durch den Park führen, das trockengefallene Biotop wiederhergestellt und der Spielplatz an der Brückenstraße mit neuen Geräten ergänzt werden.
Einige Anwohnerinnen forderten, dass der Bolzplatz hinter den Tennisplätzen ersetzt wird. Darüber könne man diskutieren, sagte Soehlke. Möglicherweise könnte die Festwiese als Platz zum Kicken dienen. Aber ob diese Wiese weiterhin den Lustnauern zum Feiern dienen soll, ist bisher noch offen und soll bei der Bürgerbeteiligung geklärt werden.
Eine andere Anwohnerin wünschte sich, dass es Flächen zum Gärtnern gibt. Auch das sei denkbar, so Soehlke. Wenn eine große Gruppe das wolle und sich bereit erkläre, eine solche Fläche zu bewirtschaften und zu pflegen, könne er sich das durchaus vorstellen. Eine andere Anwohnerin möchte mindestens eine Badestelle und einen Platz zum Grillen und Feiern. Wie der Park aussehen und genutzt werden soll, darüber sollen sich Bürger im Herbst in mehreren Gruppen mit jeweils höchstens 15 Teilnehmern verständigen.

Der Hochwasserschutz wird verbessert
Bisher sind weder die Gartenstraße noch die Eisenbahnstraße ausreichend vor einem Hochwasser geschützt, wie es statistisch alle 100 Jahre vorkommt.
Weil das Land nun ohnehin die Uferbereiche neu gestaltet, beteiligt sie sich zu 70 Prozent an den Kosten für eine Verbesserung des Hochwasserschutzes.
Heike Weißer, bei der Stadt für Gewässer zuständig, erklärte, dafür kämen nur Mauern in Frage. Sie sollen zwischen einem halben und einem Meter hoch sein und auf die vorhandenen niedrigen Dämme gesetzt werden. „Eine andere Möglichkeit gibt es nicht“, erklärte sie. Auch die äußere Gartenstraße soll Hochwasserschutz bekommen.

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