News vom Parkhaus? Nein, ausnahmsweise mal nicht von den aktuellen Aufregern am Schnarrenberg, Sudhaus oder den automatischen Autoschluckern im Loretto und Französischen Viertel.
Die Bausünde Neckar-Parkhaus in der Wöhrdstrasse liegt schon Jahrzehnte zurück und sah viel Wasser den Neckar hinunter fliessen.

Um die triste Fassade in bester Tübinger Lage wieder etwas mit dem Auge des Betrachters zu versöhnen, ergriff das Ehepaar von Brunn aus der Gartenstrasse vor drei Jahren die Initiative. Nach dem Abbau bürokratischer Hürden folgte die Wiederbelebung der zwölf Pflanztröge mit Wildem Wein, Knöterich, Glyzinien, Efeu und immergrünem Geissblatt. Seither legen sich in den Sommermonaten wieder viele Tausend “Schamblättle” über die nackten Waschbeton-Wände der 100 m langen Front. So viel der Parkhaus-Betreiber eben erlaubt. Doch das, was wachsen darf, gerät den Bienen, Hummeln, Vögeln, Stocherkahn- und Bootsfahrern, Tübingen-Besuchern und Anwohnern zur Freude. Die Touristen winken und rufen Komplimente hinauf zur Balustrade. Auch Kusshände wurden schon gesichtet.

Denn von nix kommt nix: an bisher 150 “Giess-Tagen” zogen die von Brunns insgesamt 5000 Eimer Wasser aus dem Neckar, düngten, jäteten und beseitigten Scherben und Abfall von Parkhausbesuchern. “Eine Art gemeinnütziger Rentner-Sport”, kommentieren sie verschmitzt. Für den sie übrigens aus eigener Tasche rund 2000.- Euro investierten.

ParkhGiessen
Geissblatt

Für das Schwäbische Tagblatt berichtet Philipp Koebnik:
Frische Ideen für eine alte Bausünde

Wilder Wein, Blauregen und Glockenrebe: Das Neckar-Parkhaus wird immer grüner
Das Parkhaus am Neckar ist keine Augenweide, dachten sich Reinhild und Reinhard von Brunn vor ein paar Jahren – und begannen, die Neckarfront des Gebäudes wieder zu begrünen. Ihre Mission ist damit aber noch nicht erfüllt.

Tübingen. “Das ist eine typische Bausünde aus den 1960er Jahren”, sagt Reinhard von Brunn und zeigt auf die grauen Waschbeton-Platten. Das Parkhaus in der Wöhrd-straße besticht nicht durch formschöne Eleganz oder lebendige Farbigkeit. Vor allem auf dem Neckar vorbeifahrenden Touristen sei der Anblick nicht zuzumuten, so von Brunn. Daher beschloss das Ehepaar im Frühjahr 2012, den Zweckbau aufzuhübschen.

Immer wieder hätten sich Leute über das unansehnliche Parkhaus beschwert, manche hätten gar gefordert, den “Klotz” abzureißen. “Daraufhin habe ich mir überlegt, etwas zu unternehmen und habe erstmal ein bisschen recherchiert”, so Reinhild von Brunn. “Das Grundstück gehört der Stadt und der Pächter war zunächst gegen eine Begrünung des Gebäudes.” Dabei sei das Parkhaus schon mal begrünt gewesen. “Gitter, an denen sich die Pflanzen entlang ranken können, waren vorhanden – nur ist mit der Zeit alles vertrocknet”, beklagt Reinhard von Brunn. Es hat sich eben niemand um die Kletterpflanzen gekümmert. Und kümmern muss sich in der Tat jemand, denn die großen Pflanz-Kübel ragen nur etwa zur Hälfte über die Fassade hinaus. Dadurch nehmen sie nicht genügend Regenwasser auf. Für die von Brunns heißt das: regelmäßig gießen, meist zweimal pro Woche. Zu zweit brauchen sie dafür eine halbe Stunde.

Vor drei Jahren haben die von Brunns mit ihrer Parkhausverschönerung begonnen, nachdem sie lange mit der Stadt verhandelt hatten. Seit zwei Jahren wächst wieder etwas, inzwischen erreichen die Pflanzen bereits das Dach des Gebäudes. “Erstmal haben wir seinerzeit die verwelkten Strünke samt Erde entfernt”, erzählt der ehemalige Manager in der Entwicklungszusammenarbeit und Vorsitzende der Tübinger Liste. “Dann haben wir die zwölf Kübel wieder mit einer Kiesschicht, einem Fließ und einem neuen Gemisch aus Erde und Kompost gefüllt.” Letzteres habe die Stadt beigesteuert.

Dann haben die von Brunns damit begonnen, neue Rankpflanzen anzulegen: immergrünes Geißblatt, wilder Wein, Efeu, Blauregen, Knöterich und Glockenrebe. “Das war auch ein bisschen ein Experiment, da wir nicht wussten, was hier gut wachsen und gedeihen würde.” So mussten sie feststellen, dass sich der Knöterich nicht eignet: “Der braucht viel Wasser und eher einen lehmigen Boden.”

Zum Gießen lassen sie einen Eimer, der an einem Seil befestigt ist, in den Fluss hinab. Mit Wasser gefüllt, lässt er sich recht gut über das Geländer nach oben ziehen. Allerdings: dreimal Hochziehen bei jedem der insgesamt zwölf Kübel, das wird irgendwann anstrengend.

Man merkt den beiden an, dass sie eine größere Wertschätzung ihrer Arbeit erwartet hätten. “Über Jahre muten wir uns das hier schon zu.” Trotzdem sei man nach wie vor nur geduldet, moniert Reinhild von Brunn. “Beifall bekommen wir allerdings von den Touristen”, freut sie sich. Die Leute, die auf einem Kahn vorbeischippern, “finden das gut und fragen uns immer wieder, warum sich nicht die Stadt darum kümmere.” Rund 2000 Euro haben sie bislang aus der eigenen Tasche bezahlt. Unternehmen, die das Projekt unterstützt hätten, gibt es nicht. Aber sie machen es gerne. “Das ist eines unserer Rentnerhobbies”, sagt Reinhard von Brunn.

Die von Brunns finden es sehr schade, dass diese Seite des Neckarufers so vernachlässigt wird. “Klar, das Parkhaus wird gebraucht, aber man könnte diese Ecke trotzdem schöner gestalten.” Gut vorstellen könnten sie sich zum Beispiel einen Spazierweg am Ufer entlang von der Neckarbrücke bis zum Casino. Sollte das Parkhaus irgendwann aufgegeben werden, sei noch viel mehr vorstellbar: “Im Erdgeschoss könnte etwa ein Strandcafé eingerichtet werden”, so Reinhild von Brunn. Denkbar sei auch ein Abteil zur Unterbringung von Fahrrädern mit Gepäck.

Soehlke: Das Parkhaus wird sich ändern
Von Seiten der Stadt heißt es, in der Wöhrdstraße werde es auch künftig ein Parkhaus geben. “Der Standort an der Neckarbrücke ist ideal und auch verkehrlich bereits gut erschlossen”, sagte Baubürgermeister Cord Soehlke dem TAGBLATT. Voraussichtlich im nächsten Jahr werde entschieden, ob der Pachtvertrag über 2018 hinaus verlängert werde oder ob die Stadt das Parkhaus kaufe: “Die Tendenz geht dahin, das Parkhaus zu übernehmen.” Dann könne die Stadt über Nutzung und Gestaltung bestimmen. “Klar ist: Das Parkhaus und die Wöhrdstraße werden sich ändern.” So gebe es Überlegungen, das Erdgeschoss anderen Zwecken zur Verfügung zu stellen. “Sicher werden wir dann auch die Bürger in der einen oder anderen Weise an den Planungen beteiligen.”
Zum Artikel geht es hier.

Die Fraktion der TÜBINGER LISTE plant folgenden Antrag im Gemeinderat:

1. Das Neckar-Parkhaus in der Wöhrdstrasse wird nach Auslaufen des Pachtvertrages mit der Hüfner AG in Eigenbewirtschaftung der Stadtwerke Tübingen genommen.

2. Die Planung für notwendige Sanierungsarbeiten und die künftige Nutzung des Parkhauses ist rechtzeitig einzuleiten, die entsprechenden Haushaltsmittel sind frühzeitig einzustellen.

3. Die Verwaltung möge dem Gemeinderat Vorschläge zur künftigen Nutzung vorlegen, die über das reine Fahrzeug-Parkieren hinaus gehen. In der öffentlichen Diskussion sind u.a.:

– Fassadengestaltung und Begrünung

– Neckar-Uferweg vom BVV bis zur Steinlach-Spitze

– bewachte Aufbewahrung von Touristen-Fahrrädern auf der EG-Ebene

– Sommer-Café auf dem obersten Parkdeck oder der EG-Ebene mit Blick zum Neckar

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