Gartenschau: ein langer Weg

Johann Senner vom Büro Planstatt Senner will Tübingens Naturschätze heben: Jahrhunderte alte Ulmen, Kastanien und Linden, in Rondellen und Alleen. Wer kennt sie? Wer hindert die Stadt daran, schon heute Tafeln aufzustellen, die auf die botanische und historische Bedeutung unserer Baumreihen hinweisen?!

Eine noch sehr vage Idee von einer Landesgartenschau stellte Senner beim Spaziergang vom Wildermuth-Gymnasium bis zum Freibad-Sportplatz und Bahnhof vor. Fast fünf Kilometer marschierten Landwirte und 40 interessierte Bürger mit. Sie erreichten den Saiben auf der anderen Seite der Gleise nicht. Das wäre noch einmal ein Kilometer Fußmarsch gewesen. So weit soll sich das Gartenschau-Gelände nämlich einst erstrecken. Und die geplante Baumwipfelbrücke über die Bahn soll nur Radfahrern vorbehalten sein.

Das führt gleich zur ersten Frage: Wie sollen sich die Besucher in der Gartenschau bewegen? Mit E-Rollern, E-Caddys, Fahrrädern? Sie werden danach kaum noch Puste für die Innenstadt von Tübingen und den alten botanischen Garten haben.

Zweite Frage: Brutal zerschneiden Bahngleise und Straßen die Alleen. Wie damit umgehen? Was geschieht mit den drei Sportplätzen, die immer wieder Landschaft und Baumreihen durch Zäune stören? Nicht nur Torsten Müller von der Weilheimer Liste fand, dass Sportplätze nicht auf die Wiesen passen. Ach ja, und das Materiallager der Stadtwerke sollte doch den Skatern weichen. Was soll der lange Riegel der Freibad-Erweiterung, der wenig genutzt wird und nicht einmal einen Wasserspielplatz bietet? Wohin kommt das künftige Südbad?

Drittens: Welchen Eingriff müssen die Landwirte in ihre Betriebe fürchten? Die Idee, einen Altarm des Neckars zu beleben, gefiel weder Nebenerwerbs-Landwirt Motzer noch Isabelle Eyma von der landwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaft Braun in Weilheim. Denn dadurch würden ihnen gute Böden entrissen. Ein Runder Tisch kann helfen.

Viertens: Ein Teil des Saiben ist im Flächennutzungsplan als Wohnbaufläche angepeilt. Wer verhindert, dass die Gartenschaufläche als Erschließungs-Baustelle missbraucht und später ebenfalls bebaut oder reduziert wird?

Fünftens: Bis Ende des Jahres muss eine detaillierte Bewerbung abgegeben werden. Gartenschau-Planer Johann Senner hat schon mehreren Städten zu einer erfolgreichen Gartenschaubewerbung verholfen, unter anderem Rottweil, das 2028 am Zug ist. Zur Zeit erarbeitet er nicht nur für Tübingen ein Konzept, sondern auch für Nürtingen, das sich ebenfalls für die Jahre 2031 bis 2035 bewirbt. Die Mehrheit der Spaziergänger wird dann in den Achtzigern sein. Wie lockt man die jungen Leute in die bürgerschaftliche Planung, die das einst erleben sollen?

Es könnte schön werden, denn Potenzial ist da.
Gleich am Wildermuth-Gymnasium haben Latein-Schüler dem Naturforscher Leonhard Fuchs Reverenz erwiesen: mit einem liebevoll bepflanzten und beschrifteten Trog. Dann Martin Elsaessers runde Bank aus Muschelkalk hinter den Bahngleisen. Der Gemeinschaftsgarten des Werkstatt-Hauses „Wilde Linde.“ Das Kastanienrondell – ein magischer Ort. Und immer wieder herrliche alte Bäume!
Der Festplatz, eine Brache, die nach Aufwertung schreit! Der Saiben – jungfräulich.

Eine leere alte Halle des Bahnbetriebswerkes dämmert hinter gutsherrlicher Fassade. Sabine Lohr schreibt am 9. Mai im Schwäbischen Tagblatt: „Innen liegen überwucherte Gleise, von der Decke bröckelt es, weshalb Netze gespannt sind und auch ein Zaun den Zutritt zum größten Teil der Halle verhindert. Große Rohre laufen entlang der weiß geklinkerten Wände. „Wir sehen die Halle als ganz besonderen Ort, den man bei der Landesgartenschau sehr gut nutzen könnte“, so Gabriele Dillmann, Leiterin der städtischen Fachabteilung Stadtplanung. Werkstattmeister Frank Noack sagte, der Boden sei „total mit Formaldehyd verseucht“. Die Bahn werde eine Emissionsuntersuchung machen, „danach geben wir die Halle gerne an die Stadt weiter“. Klingt nach teurer heißer Kartoffel.

Summa summarum: Planstatt Senner erwartet eine echte Herausforderung, und die Tübinger unter 60 Jahren sollten sich in den Planungsprozess integrieren, um sich eines Tages an mehr gestaltetem Grün zu erfreuen.

Barbara Landwehr, Leiterin des Fachbereichs Planen Entwickeln Liegenschaften im Gespräch mit Johann Senner, der die Gartenschau-Bewerbung ausarbeiten soll.
Ein königliches Rondell aus Kastanien – zum Meditieren ideal.
Hermann Motzer will seine guten Böden behalten. Landwirte sollten in den Planungsprozess eng eingebunden werden.
Sportplätze versperren den Weg zum Neckar, blockieren Alleen, stören durch Zäune, sagen die Gartenschau-Ästhetiker. Die Sportler sehen’s anders.
In der „Wilden Linde“ sprossen schon Salat und Erbsen. Die ehrenamtlichen Urban Gardener kommen meist aus dem Französischen Viertel.

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