Frauen sollten sich Nachtgestalten eine Armlänge weit vom Leibe halten, formulierte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker etwas unglücklich nach den massiven Überfällen in der Silvesternacht. Den Tübinger Frauen ist diese Argumentation nicht fremd. Schon vor einem Jahr wurde ihnen empfohlen, den alten Botanischen Garten nachts zu meiden.

Polizeibericht vom 12. Oktober 2014:
“Eine 22-jährige Tübingerin durchquerte auf ihrem Heimweg gegen 5.30 Uhr den Alten Botanischen Garten vom Museum Richtung Rümelinstraße. Beim Spielplatz sprang laut Polizeibericht plötzlich ein Mann aus dem Gebüsch, packte die junge Frau am Hals und würgte sie. Durch die Geräusche und die Schreie der 22-Jährigen aufmerksam geworden, näherten sich zwei Passanten, woraufhin der Angreifer von seinem Opfer abließ und Richtung Wilhelmstraße flüchtete.”

Andrea Bachmann: Auf gar keinen Fall werde ich Orte in Tübingen meiden, weil es dort für mich gefährlich werden könnte! Was wäre der nächste Schritt? Nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein unterwegs sein? Und dann? Wenn ich es doch mache? Bin ich dann selber schuld, weil ich mich leichtfertig in Gefahr gebracht habe? Ich möchte auch nicht, dass jemand auf mich aufpassen muss – sondern mich in Tübingen weiterhin frei bewegen können. Das habe ich dreißig Jahre lang können – und jetzt soll ich vor ein paar volltrunkenen Halbstarken kuschen, deren Idee von einem gelungenen Abend zu sein scheint, grölend und pöbelnd durch die Straßen zu ziehen, gegen Hauswände und Fahrradständer zu pissen, Mülleimer durch die Gegend zu kicken und Frauen zu belästigen? Geht’s noch???

Claudia Braun, Stadträtin der Tübinger Liste nach den Ausschreitungen in der Kölner Silvesternacht:
1. Dass die Polizei offenbar hilflos gegenüber stand und sogar – wie eine betroffene Frau schilderte – keine Hilfe leistete und die Frauen vor Ort nicht ernst nahm (Zitat eines Polizisten auf eine Frau, die bei ihm Hilfe suchte „das ist an Silvester doch normal…“).

2. Die Reaktion der Kölner OB (selbst Frau), die den Frauen zur Prävention einen Verhaltenskodex vorschlägt, nämlich: einfach Abstand halten (eine Armlänge) zu fremden Männern. Dazu fällt mir nicht mal mehr ein bissiger Kommentar ein. Aber es erinnert mich an die Diskussion um den Tübinger Bota, bei dem Frauen empfohlen wird, ihn bei Dunkelheit zu meiden. Ja, soll ich in Zukunft bei Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen??? Das sind Dinge, bei denen ich mich in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt fühle und ich erkenne keinerlei Maßnahmen, dies zu unterbinden. Ich bin in der Silvesternacht unterwegs auch einer größeren Gruppe aggressiv wirkender Männer begegnet, und habe schnell das Weite gesucht. Das kann es doch aber nicht sein. Ich habe mich in Tübingen – gleich um welche Uhrzeit – immer sicher und frei gefühlt, das ist nicht mehr so!

3. In deutschen Großstädten gibt es mittlerweile Stadtviertel, die voll in der Hand mafiöser Banden aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum sind. Nicht einmal einheimische Bewohner trauen sich hier bei Dunkelheit rein. Selbst die Polizei hat hier offen resigniert.
Dies alles sind Ereignisse, die seit einiger Zeit kulminieren und vor allem Frauen verunsichern. Die Politik zeigt sich überrascht und ideenlos und uneinig. Ähnlich wie bei der Flüchtlingspolitik. Kein gutes Zeichen für die Bevölkerung. Und wir müssen höllisch aufpassen, dass die Lage nicht kippt und die Flüchtlinge in toto das ausbaden müssen, was eine kleine Gruppe hier veranstaltet. Zumal auch weibliche Flüchtlinge häufig belästigt werden. Wir dürfen die differenzierte Sicht darauf nicht verlieren.

 

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ELISABETH ZOLL führte ein Interview mit der Juristin Seyran Ates und
veröffentlichte es in der Südwest-Presse vom 7. Januar 2016

„Unser Wertesystem ist nicht angekommen“

Juristin Ates will mehr Druck auf Zuwanderer. Sanktionen gegenüber Männern, die Frauen belästigen, fordert die Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates. „Diese Männer haben keinen Respekt vor unserer Gesellschaft.“ Der müsse eingefordert werden.


Frau Ates, hat Sie der Angriff in Köln überrascht?

SEYRAN ATES: Nein. Ich schreibe zu diesem Thema schon viele Jahre. Bei den jetzigen Vorfällen haben wir es mit zwei Ebenen zu tun: Zum einen sind sie Ausdruck einer Macho- und Alkoholkultur, die es auch unter deutschen Männern gibt. Zum anderen spielt eine Rolle, dass wir es mit einer Gruppe von Nordafrikanern und Arabern zu tun haben. Diese bringen ein anderes Frauenbild mit, dahinter steht Frauenverachtung. Bisher konnten wir uns in Nordeuropa sicher wähnen. Wenn das wegen einer nicht bezifferbaren aber sichtbar wirkkräftigen Anzahl von Einwanderern auf dem Spiel steht, müssen wir reagieren.

Was denken diese Männer von sich?

ATES: Sie sind sehr selbstbewusst, glauben, dass sie Männlichkeit an den Tag legen. Wenn die Kölner Oberbürgermeisterin nun sagt, Frauen müssten diese Männer eine Armeslänge von sich halten, bedient sie genau deren Vorstellung. Denn das heißt, Frauen sind verantwortlich, wenn Männer ihre Triebe nicht beherrschen können. Und das geht gar nicht. Männer, die fremde Frauen befummeln, sind schamlos. Sie kennen keine Scham mehr.

Unser Geschlechterverhältnis ist diesen Männern weiter fremd?

ATES: Ja. Unser Wertesystem ist bei diesen Männern nicht angekommen. Auch deshalb nicht, weil wir es nicht einfordern. Unsere Gesellschaft erhält von diesen Männern keinen Respekt. Das erfahren Lehrerinnen, Polizistinnen. Diese Männer legen ein Rollenverständnis und eine Geschlechterdifferenzierung an den Tag, die für uns nicht akzeptabel ist. Sie haben sich ihre eigene Gesellschaft gebaut. Man darf aber nicht vergessen, auch das ist eine Folge der Ausgrenzung. Wenn man diesen Männern ständig erklärt, dass sie aufgrund ihres Namens, ihrer Herkunft, ihres Glaubens nicht zu uns gehören, dann bleiben sie da, wo sie sind.

Wie kann eine Einwanderungsgesellschaft so etwas einfordern?

ATES: Deutschland muss einräumen, dass es eine Einwanderungsgesellschaft ist. Das tun wir noch immer nicht. Wir steuern nur Zuwanderung – mit dem Ziel, sie zu begrenzen. In Deutschland gibt es die Einstellung: Hier leben Ur-Deutsche und einige Zuwanderer, die wir integrieren müssen. Aber wir fassen deren Kultur nicht an, weil sie die Fremden bleiben sollen.

Was muss ein Einwanderungsland fordern?

ATES: Österreich hat ein gutes 50-Punkte-Paket vorgelegt, mit klaren Regeln für Flüchtlinge und Zugezogene. Es gibt Wertkundeunterricht, in dem vermittelt wird, was es bedeutet, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben, und zwar auch für die Einheimischen. Denn das Ziel ist gleichzeitig Rassismus und Islamfeindlichkeit abzuschaffen. Zudem sind Integrationskurse Pflicht. Werden sie nicht besucht, können staatliche Leistungen gekürzt werden. Das ist eine viel konsequentere Politik aus Fördern und Verpflichten. Der österreichische Außenminister Kurz macht deutlich: Europa hat Werte geschaffen in einer rechtsstaatlichen Demokratie. Und diese schützen und verteidigen wir.

Von Österreich lernen heißt, Übergriffe hart zu sanktionieren?

ATES: Natürlich. Straftaten müssen spürbar sanktioniert werden. Wenn wir es nicht schaffen, an einem Silvesterabend den Platz um den Kölner Dom zu sichern, dann ist das ein Armutszeugnis für unsere Sicherheitslage.

Aus immer mehr Städten werden ähnliche Vorfälle gemeldet – wenn auch in kleinerer Dimension. Die CSU fordert jetzt die Ausweisung von Straftätern. Ist das eine Lösung?

ATES: Es ist lächerlich, dass hier immer wieder das Thema Ausweisung auf den Tisch kommt. Diejenigen, die solche Taten begehen, haben in der Regel einen gesicherten Aufenthaltsstatus, vielleicht sind es sogar Staatsbürger. Sie fühlen sich sicher. Die anderen haben doch viel zu große Angst, ausgewiesen zu werden.

Was bedeutet das zuletzt für Frauen. Wie sollen die sich verhalten?

ATES: Sie sollen ihr ganz normales Leben weiterführen und im Karneval vielleicht in Gruppen feiern, mit Männern, die sie auch schützen können. Sie sollen Miniröcke anziehen und hohe Schuhe, wie es ihnen gefällt. Von Männern erwarte ich Solidarität, dass sie Frauen schützen, damit diese ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht leben können.

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