Die Verwaltung sucht händeringend nach Flächen zur Gewerbeansiedlung. Sie wäre sogar bereit, dafür den Au-Brunnen zu opfern. In unmittelbarer Nachbarschaft dieses Wasserschutzgebiets verlegte sie kostspielig die Eisenbahnstrasse, um zwei ansässigen Firmen eine Flächenerweiterung zu ermöglichen.
Hochproduktive Arbeitsplätze? Mehrgeschossige Bauweise? Sparsame Flächenbewirtschaftung? Fehlanzeige!

Für diese Art von Gewerbepolitik und Flächenverschwendung hat die Tübinger Liste kein Verständnis. Wir werden uns daher in der nächsten Fragestunde des Gemeinderats erkundigen:

Anfrage:

In den Diskussionen um Nachverdichtung und Flächenverbrauch betont die Verwaltung, dass auch bei Gewerbebauten strikt die Maxime “in die Höhe, und nicht in die Fläche” gelte. Durch Entwidmung und Verlegung der Eisenbahnstraße hat die Stadt der Fa. Kemmler ermöglicht, ein großes Anschluss-Grundstück zum bestehenden Firmengelände hinzuzuerwerben.  Auf dieser ca. 1 ha großen Fläche entstand ein Firmenparkplatz für rund 140 PKW.

Daraus ergeben sich für uns folgende Fragen:

  1. Warum wurde der Fa. Kemmler genehmigt, in bester Lage eine Fläche von fast 1 Hektar ebenerdig mit einem Firmenparkplatz zu versiegeln, statt ein Parkhaus zu bauen wie zum Beispiel die Firmen CHT und Rösch?
  1. Gibt es in der Bauverwaltung und bei der WIT eine Strategie und Handlungsanweisungen für den Umgang mit Gewerbeflächen?
  1. Existiert eine systematische Erhebung auf Tübinger Gemarkung zu Gewerbe-Brachen und aus heutiger Sicht schlecht oder untergenutzten Flächen? Falls nicht, ist ein solche geplant?
  1. Besteht, ähnlich dem Zwischenerwerbsmodell für Wohngebiete, eine städtische Ankaufspolitik für Gewerbeflächen? Stehen der Stadt Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung, um hier bei Bedarf rasch handeln zu können?

 

Ute Mihr, 11.05.2017

 

Und hier die Antwort der Stadtverwaltung vom 5. Juni 2017

130703_Vorentwurf 12 Neubebauung M 1_500 Plnr._1.0.12:

“Der Baukörper 3 im Plan soll später als mehrgeschossiges Parkhaus genutzt werden.
 
Ad 1.
Die Firma Kemmler hat für Erweiterungszwecke an der Eisenbahnstraße ca. 2 ha Fläche von aurelis erworben. Diese Fläche bietet dem Unternehmen eine langfristige Perspektive am Standort Tübingen. Für die Entwicklung des Erweiterungsareals hat die Fa. Kemmler im Vorfeld des Bebauungsplans ein Konzept vorgelegt. Dieses sieht in der letzten Entwicklungsstufe eine vollständige Bebauung der Flächen vor. Während im derzeit realisierten ersten Bauabschnitt noch größere Flächen für ebenerdiges Parken genutzt werden, sollen diese Flächen später auch für Gewerbebauten und ein Parkhaus genutzt werden. Die Stellplatzflächen dienen somit als „stille“ Reserven für die Betriebserweiterung. Ähnlich werden z.B. die Firmen Curevac, Ovesco und SySS bei ihren jeweiligen Neubauvorhaben zunächst den Stellplatzbedarf ebenerdig nachweisen. Diese Flächen dienen ebenfalls für spätere Erweiterungen und sind als gewerbliche Bauflächen ausgewiesen. Die Stellplätze sollen dann in Parkhäusern zusammengefasst werden. Ohne diese strategischen Flächenreserven geht heute kaum ein Unternehmen eine Standortplanung über mehrere Jahre hinweg mehr an.
 
Ad 2.
Die klare Anweisung der Verwaltungsspitze lautet, dass Anfragen Tübinger Betriebe für Gewerbeflächen denen auswärtiger Betriebe vorzuziehen sind. Zudem soll möglichst effizient mit den Flächen umgegangen werden. Maßnahmen, die in diesem Zusammenhang ergriffen werden, sind:
– Zusammenbringen von mehreren Firmen zur intensiveren Nutzung eines Bauplatzes (z.B. Foyer, Bebauung Rosentalstraße, Güterbahnhof/GEe – letzteres leider nicht erfolgreich)
– Kontakt/Verhandlung mit privaten Eigentümern von un-/untergenutzten Gewerbeflächen
– ggf. Änderung B-Plan zur effizienteren Ausnutzung des Grundstücks (z.B. SySS/Schaffhausenstraße, 4M/Synovo/Rosentalstraße)
 
Ad 3.
Bauverwaltung und Wirtschaftsförderung fungieren jeweils als direkte Ansprechpartner für Immobilieneigentümer bzw. Unternehmen. Es gibt regelmäßige Abstimmungen zwischen Bauverwaltung und Wirtschaftsförderung, in denen dann Flächengesuche von Unternehmen und freie Gewerbegrundstücke bzw. Gewerbeflächen mit Entwicklungspotenzial abgeglichen oder auch eruiert werden. Infolgedessen werden Eigentümer auch aktiv angesprochen (Beispiele: Aldi à 4M/Synovo; Speidel à Heinrich Schmid; Eigentümergemeinschaft Neckarbogen à SySS; leider erfolglos Aurelis àZahnarzt Maier/SON).
 
Zudem gibt eine verwaltungsinterne Datenbank zu gewerblichen Baulücken und Brachflächen. Hier konnten in der Vergangenheit zahlreiche Flächen aktiviert werden. Eigentümer können Ihre Flächen auf der Gewerbeimmobilienbörse der WIT auf tuebingen.de zum Verkauf oder Vermietung kostenlos einstellen.
 
Ad 4.
Ja ein Zwischenerwerbsmodell existiert. Die Flächen von Gebieten wie Neckaraue, Technologiepark, Gansäcker oder Aischbach befanden/befinden sich unbebaut fast ausschließlich im städtischen Eigentum. Im Liegenschaftsetat sind auch Mittel für entsprechende Flächenerwerbe vorgesehen. Bei gewerblichen Baulücken macht eine direkte Vermittlung von Unternehmen zu Privateigentümer häufig mehr Sinn, um Kosten und Zeit zu sparen.”

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