Gut, dass Sie es sagen, Herr Triebold. Denn wir haben es nun schon oft genug wiederholt:

“ÜBRIGENS

Anlagenpark im Dauerstress

Man hat es kommen sehen: Die Stadt gibt ihren Anlagenpark, einst Tübingens Visitenkarte und Entrée für aus dem Süden anreisende Neuankömmlinge, nun wohl endgültig preis. Das wichtigste Naherholungsgebiet vor der Altstadt verkommt längst zum Ersatz-Festplatz, zur Event-Meile, auf der am besten ein toller Trubel den anderen jagt.
Das Ergebnis: ein permanenter Stress-Test für diesen Grüngürtel, der ursprünglich einmal “der ganzen hiesigen Bevölkerung als Erholungsstätte dienen” sollte. Heute ist die Bevölkerung hingegen froh, gelegentlich zwischen betonpotthässlichen Laternenprovisorien und allgegenwärtigen Absperrgittern dem alten Traum einer Ruhe-Oase nachhängen zu dürfen, wie sie Park-Erfinder Ernst Schelle von Anfang des 20. Jahrhunderts an vorschwebte – samt prophetischer Mahnung: “Möge Tübingen es verstehen, sich dieses Kleinod zu sichern!”
Nein, Tübingen versteht es nicht. Das edle Gehölz: gekappt und bestenfalls durch Billigware ersetzt. Die Flora und Fauna rund um den See: mit Fleiß vernachlässigt. Die hoffnungsfrohen Ergebnisse einer Bürgerbeteiligung vor 15 (!) Jahren, kurz nachdem die Wöhrd-Anlage ein letztes Mal im “Wettbewerb Naturerlebnispark” prämiert wurde: kaltlächelnd in den Wind geschossen.

Seither nimmt der Niedergang des Anlagenparks immer rasantere Formen an. Und das ausgerechnet unter einem Oberbürgermeister, der ja irgendwo noch das Parteibuch der “Grünen” herumliegen haben müsste. Pünktlich vor der Wiederwahl versprach Boris Palmer jedenfalls vollmundig, die verwahrlosten und abgewirtschafteten Grünflächen in der Stadt nun besser zu hegen und zu pflegen. O-Ton Palmer: “Wir haben zu wenig ins Grün investiert. Zu den Prioritäten der nächsten acht Jahre muss gehören, dass wir die Grünflächen aufwerten. Tübingen soll grüner werden.” Wer sich im südlichen Einzugsgebiet der Kernstadt umschaut, auf der Neckarinsel und rund um den Anlagensee, empfindet Palmers Verheißung von damals als Hohn.

Dazu passt, dass Ract! nach Gutsherrenart, ohne das nahe Umfeld zu beachten, noch weiter in die Nacht verlängert wurde. Gewiss, das Jugendfestival sollte erhalten bleiben. Doch vielleicht sollte es doch einmal vor den Stadttoren – wie Woodstock, wie Wacken – die grüne Wiese testen, die sich von Wetter-Verheerungen wie am Wochenende dann wieder in Ruhe rekultivieren kann.

Der Anlagenpark findet sich in andauernder Geiselhaft wieder. Gründervater Ernst Schelle war übrigens Uni-Gärtner. Sein Brötchengeber, das Land, führt mit dem gleichfalls gut genutzten Alten Botanischen Garten den Beweis, dass es auch besser geht: der “Bota” kommt vergleichsweise gepflegt daher. Der Treppenwitz dabei: Das erledigen gegen Bezahlung städtische Grünpfleger, die danach offenbar keine Zeit mehr fürs kommunale Geschäft wie den Anlagenpark finden. Ein Trauerspiel.”

Wilhelm Triebold

Quelle: Schwäbisches Tagblatt, 7. Juni 2016

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