Thomas Unger, Lehrer und Basketball-Trainer, Kenner der Berufschul-Szene,
sucht Erklärungen für das plötzliche Schrumpfen der Schülerzahlen:

Warum sind von den 79 Bewerbungen für die gymnasiale Oberstufe nur 38 echte Bewerber übrig geblieben?

“So so, jetzt haben wir den Grund für die niedrigen Schülerzahlen in der neuen Oberstufe der Gemeinschaftsschule. Nach den hilflosen Aussagen von Regierungspräsidium und Kultusministerium zu Beginn der Ferien hat nun endlich unser Oberbürgermeister eine schlüssige Begründung gefunden.

Von den ehemals 79 Bewerbungen sind nur 38 echte Bewerber übrig geblieben. Laut Palmer liegt dies eindeutig an den hohen Zugangshürden, die seine grüne Landesregierung mit ihren bildungspolitischen Beratern festgelegt hat, allerdings schon vor zwei Jahren bekannt und für alle Beteiligten sehr transparent und rechtzeitig vor der Anmeldung am 01.März dieses Jahres. 

Stellt sich nun die Frage, was ist da schief gelaufen in der Zeit zwischen Anmeldung und endgültiger Bewerbung Anfang Juli. Warum scheitern 29 Bewerber am längst bekannten Notendurchschnitt? Dazu zwei Erklärungsversuche:

1. Die Schüler hatten damals noch nicht den erforderlichen Schnitt, wurden aber, damit man die vom Schulgesetz vorgesehene Hürde für die Neueinrichtung von 60 Schülern erreicht, (ich nenn es mal) optimistisch dazu gezählt.

2. Die Schüler haben sich in der Zwischenzeit so massiv verschlechtert dass der Notenschnitt nicht reicht. Wobei man annehmen kann, dass die Lehrer sicherlich großes Interesse daran haben,  ihren Schülern den Übergang in die eigene Oberstufe zu ermöglichen.

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Oder es gibt noch eine ganz einfache natürliche Erklärung, mit der jeder halbwegs erfahrene Schulleiter einer beruflichen Schule jedes Jahr konfrontiert wird, wenn die Schüler nach dem Erreichen des mittleren Bildungsabschlusses sich für die weiterführenden Schulen anmelden. Da ist es nämlich so, dass die Schüler sehr wohl die gesamte Bandbreite unseres hervorragenden beruflichen Bildungssystems ausnutzen und sich selbstverständlich an mehreren Schulen oder Bildungswegen gleichzeitig anmelden. Dann muss man in der Regel immer mit nur ca 50 – 60% tatsächlich interessierter Schüler rechnen. 

Die Schüler werden durch die Notenhürde dabei keineswegs auf ihrem Schulweg ausgebremst wie der OB sagt. Die Option über den beruflichen Bereich ermöglicht es, mindestens genauso schnell an das Ziel der Studienberechtigung zu kommen. So dies zwingend ihr Ziel ist. 

Wäre es deshalb nicht viel sinnvoller, diese Energie in der GMS auf die Vorbereitung für den Übergang in die bestehenden hervorragenden weiterführenden Schulen zu stecken, statt in noch eine zusätzliche Variante GMS-Oberstufe. Die in Tübingen leider ausradierte Realschule macht dies doch an vielen anderen Standorten vor.

Interessant ist bei der ganzen Sache, dass nur die Politik sich in Erklärungen und Ausreden für die selbstverschuldete Situation darstellt. Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule als Testpersonen auf  einen derart desaströs organisierten Schulweg zu schicken, ist schon sehr bedenklich. Da bleiben offene Fragen, wie z.B. – wer darf und wer kann in der Oberstufe unterrichten -wer hat dabei auch noch die „besondere Art“ der GMS-Methodik – wer unterrichtet mit gymnasialem, wer mit Deputat der Sekundarstufe 1 – was bleibt bei 38 Schülern in der Orientierungsstufe an Wahlmöglichkeiten bei den Kursen, – Kosten für die Stadt….  

Gottseidank haben die eigentlich Betroffenen, es waren ja insgesamt 41 Schüler, die nicht in der GMS-Oberstufe angekommen sind, wahrscheinlich alle ihren Schul- oder Ausbildungsplatz und freuen sich vielleicht auch auf die neue berufliche Schule, neue Mitschüler und neue Lehrer. “ 

Thomas Unger

Siehe Stuttgarter Nachrichten vom 16. August 2018:
https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.gymnasiale-oberstufe-palmer-sieht-gemeinschaftsschueler-im-nachteil.102d43f9-b892-4666-9d6b-7db0c4401f6d.htm

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