Ab 1. Januar gilt in der Tübinger Altstadt folgende Maßnahme zur Verkehrsberuhigung und Erhöhung der Aufenthaltsqualität:

Auch Handwerker dürfen nur noch von 6 bis 10 Uhr morgens in die Fußgängerzone be- und entladen. Nur Werkstatt-Fahrzeuge und Notdienste dürfen in den verkehrsberuhigte Bereiche einfahren.

Spezielle Handwerker-Parkplätze gibt es nicht. Dies trifft besonders Heizungs- und Sanitärbetriebe, die oft mit mehreren Fahrzeugen unterwegs sind und ihr schwereres Gerät nicht zu Fuß zum Kunden schleppen können.

Um die Sache ja nicht zu einfach zu gestalten, gibt es jedoch zahlreiche Ausnahme-Genehmigungen auf bunten Karten.

Im Haus des Handwerks informierten Vertreter des Verkehrsamts und Kreishandwerks-Meister Norbert Schnitzler die Kollegen aus Tübinger Handwerksbetrieben. Unsere Stadträte Gebhart Höritzer und Ernst Gumrich hatten sich im Vorfeld deutlich für die Interessen des Handwerks ausgesprochen.

Hier die Ausnahme-Regelungen:

“Um die Aufenthaltsqualität vor allem in der Fußgängerzone zu erhöhen, hat  der Gemeinderat im Sommer 2017 folgende Änderungen bei der Erteilung von Ausnahmegenehmigungen beschlossen:

Innerhalb der Fußgängerzone
Während der erlaubnisfreien Lieferzeiten von 6 bis 10 Uhr können Fahrzeuge zum Be- und Entladen in die Fußgängerzone einfahren. Ab 10 Uhr wird für jedes Fahrzeug eine Ausnahmegenehmigung benötigt.

Die rote Durchfahrgenehmigung wird an Personen und Unternehmen ausgegeben, die einen Ort zum Be- und Entladen (bis 30 Minuten) anfahren müssen. Sie muss zusammen mit einer Parkscheibe im Fahrzeug gut sichtbar sein. Die roten Karten sind nicht fahrzeuggebunden.

Stehen Fahrzeuge wegen Umzug, Bauarbeiten, Gerüstaufbauten etc. für einen längeren Zeitraum in der Fußgängerzone, wird eine grüne Ausnahmegenehmigung (AG) benötigt. Diese berechtigt zum Parken im unmittelbaren Umfeld der Arbeitsstelle. Die Ausnahmegenehmigung ist fahrzeuggebunden, das heißt das Kennzeichen des Fahrzeugs und die Arbeitsstelle ist angegeben.

Die erlaubnisfreien Zeiten für Lieferungen und Leistungen von 18 bis 20 Uhr entfallen. In dieser Zeit dürfen lediglich Bewohnerinnen und Bewohner mit Bewohnerparkausweis oder entsprechender Ausnahmegenehmigung die Fußgängerzone zum Be- und Entladen befahren.

Außerhalb der Fußgängerzone
Für Arbeitseinsätze außerhalb der Fußgängerzone gilt die blaue Ausnahmegenehmigung. Sie können von Tübinger und auswärtigen Betrieben beantragt werden AG für  Der Betrieb muss Mitglied einer Handwerkskammer oder einer Industrie- und Handelskammer sein.

Soziale Dienste erhalten die Ausnahmegenehmigung zur Pflege von hilfsbedürftigen Menschen (organisierte Palliativpflege, Hebammen und Entbindungspfleger,…). Das Fahrzeug muss auf das jeweilige Unternehmen oder die Unternehmerin/ den Unternehmer zugelassen sein.

Die blaue Ausnahmegenehmigung berechtigt zum Parken in verkehrsberuhigten Bereichen (mit Ausnahme Haaggasse, Neue Straße und Hafengasse), auf Bewohnerparkplätzen, auf bewirtschafteten Parkplätzen und im eingeschränkten Halteverbot von 7 bis 19 Uhr im gesamten Stadtgebiet. Insgesamt können bis zu fünf Kennzeichen eingetragen werden.”

 

Im Schwäbischen Tagblatt vom 7. Dezember 2017 schreibt Andrea Bachmann über den

“Unmut über Einschränkungen

 Viele Handwerker sind mit den neuen Regelungen zur Verkehrsberuhigung in der Altstadt nicht einverstanden.
Jetzt gibt es keine Diskussionen mehr, jetzt wird nur noch informiert”, begrüßte Kreishandwerksmeister Norbert Schnitzler die etwa 60 Vertreterinnen und Vertreter der Tübinger Handwerksbetriebe, die am Montagabend ins Haus des Handwerks gekommen waren. “Verkehrsberuhigende Maßnahmen in der Altstadt” war das Thema des Abends – für Schnitzler eine “Büchse der Pandora”, die der Gemeinderat geöffnet habe, um die Altstadt vor allem vom Lieferverkehr zu entlasten.
Es habe viele und lange Diskussionen mit der Stadtverwaltung gegeben, Fraktionen wie die Tübinger Liste hätten das Gespräch gesucht und die Kreishandwerker seien die ganze Zeit eingebunden gewesen. Trotzdem hätten nicht alle Vorstellungen umgesetzt werden können. Weil die Neuregelungen für das Fahren und Parkenin der Altstadt für den einen oder anderen Handwerksbetrieb auch kalkulatorische Konsequenzen haben könnten, wolle man rechtzeitig informieren.
Richard Heß, Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste, Sicherheit und Ordnung, lobte Schnitzler, der im Gemeinderat “wie ein Löwe gekämpft” habe: “Wir haben uns gegenseitig sehr gründlich die Meinung gesagt.” Gemeinsam mit Andreas Kerth, Leiter der Fachabteilung Verkehrsrecht und Ordnungswidrigkeiten, erläuterte Heß die Maßnahmen, die allesamt das Ziel haben sollen, vor allem die Fußgängerzone vom Individualverkehr zu entlasten, um in der Altstadt mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen. Handwerkerfahrzeuge nähmen dort 20 Prozent des Verkehrsaufkommens ein.
Für die Handwerksbetriebe bedeutet das vor allem, dass Fahrzeuge in der Fußgängerzone und den angrenzenden verkehrsberuhigten Bereichen grundsätzlich nicht mehr abgestellt werden dürfen. Ausgenommen hiervon sind Werkstattfahrzeuge und Notdienste. Zum Be- und Entladen darf man künftig nur noch von 6 bis 10 Uhr in die Fußgängerzone hineinfahren. Die sogenannte “Chefkarte”, mit der Firmenchefs ihre Baustellen für Kontrollbesuche anfahren durften, gibt es nicht mehr.
Fürs Parken in der Altstadt und die Zufahrt in die Fußgängerzone gibt es zahlreiche Ausnahmegenehmigungen in Form von blauen, roten und grünen Karten. Spezielle Handwerkerparkplätze wird es keine geben. “Wir haben einfach keine gefunden. Sie müssen auch in Zukunft die Parkplätze nehmen, die es eben gibt”, sagte Heß.

Man habe darüber gesprochen, den Platz hinter der Stiftskirche für Handwerksfahrzeuge zu reservieren. Aber die Stadt wolle den Platz aufwerten.
Besonders übersichtlich wirkten die neuen Regelungen nicht. Heß und Kehrt erklärten geduldig und versprachen: “Sie kriegen das alles noch schriftlich, und auf der Homepage der Stadt steht es auch. Wir sind überzeugt, dass sich die ganze Aufregung in Wohlgefallen auflösen wird.”

Trotzdem war großer Unmut spürbar, vor allem Heizungs- und Sanitärbetriebe sehen Probleme, weil sie meistens mit mehreren Autos unterwegs sind: “Wie soll ich meinen Kunden klarmachen, dass sie es bezahlen sollen, wenn ich mit meinem Köfferle durch die Altstadt laufe?” Und was sei mit Notfällen? Man könne immer über alles reden, versuchte Kerth die Wogen zu glätten. Da ließe sich sicherlich im Einzelfall auch abwägen. Aber man müsse sich auch nicht alle Extremfälle auf einmal vorstellen.
Um die Neuregelungen, die am 1. Januar 2018 in Kraft treten, durchzusetzen, werden in der Altstadt Kontrollen durchgeführt. Im Januar und vielleicht auch im Februar gebe es aber noch keine Verwarnungen, sondern nur Hinweiszettel. So ganz wollte ein Handwerker an diese Großzügigkeit der Stadtverwaltung nicht glauben: “Man sollte auch mit den Handwerkern menschlich umgehen. Ich kann mein Büro mit Strafzetteln tapezieren.”

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