Bei der mäßig besuchten Veranstaltung am 18. September in der Hermann-Hepper-Halle gab es umfassende Informationen zum Stand der Planungen und zum weiteren Vorgehen. Die Veranstaltung ist zugleich der Auftakt zu einer Bürgerbeteiligung.

Nur ein schmales Viertel der kaum 300 Besucher kam ohne vorgefasste Meinung, und noch weniger Gäste waren unter 50 Jahre alt. Und doch sind es nur die jungen Tübinger, die einst die Nutzer der angepeilten Stadtbahn sein werden . Der Mehrheit der anwesenden Senioren graute allein schon vor der jahrelangen Baustelle, die ihnen das Leben in der Stadt vermiesen soll.

Die Tübinger Liste hat die Verwaltung seit zwei Jahren mit bohrenden Fragen weiter gebracht. Und so waren die Pro-Akteure, allen voran der Oberbürgermeister, recht gut vorbereitet.

Offene Zweifel an der Machbarkeit meldete Baubürgermeister Soehlke an. Er ist in der Lage, hinter den aalglatten, von Bussen und Pkws sauber gefegten Straßen-Bildchen die kommende Enge zu sehen. Von Brücken-Abriss und Aufbau, Straßensperrungen und jeder Menge Detail-Probleme ganz abgesehen.

Natürlich wurde kräftig mit der moralischen Klima-Keule gewedelt, die Kosten weg gezaubert. Und dennoch überwogen die Sorgen der BürgerInnen: Werden die so hofierten Klinik-Angestellten vom Schnarrenberg das Riesenopfer würdigen und umsteigen vom Pkw auf die Bahn? Wie kommen die immer noch 60% erhaltenen Busse durch die Stadt, wenn alle sieben Minuten eine Bahn vor ihnen her fährt? Warum ziehen die Radfahrer in der Mühlstraße, die heute schon häufig auf die Fahrbahn ausweichen müssen, den Kürzeren?

Hier kommt die offizielle Info-Broschüre kommentiert, die über die Mühlstraße locker hinweg geht und den zweiten Bauabschnitt nach Waldhäuser Ost immer wieder unterjubelt, obwohl er zunächst storniert und auf – vielleicht – 2040 verschoben ist. Ein Glück, dass wir die Erarbeitung von Alternativen gefordert haben. Nun sind alle BürgerInnen gefordert, denen Tübingen am Herzen liegt. Beteiligen Sie sich!

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Weiter unten finden Sie weitere öffentlich zugängliche Unterlagen. Am spannendsten ist natürlich das Papier, das am trockensten aussieht: die Kostenschätzung! Aber auch in der Vorlage stehen Dinge, die einem die Haare zu Berge stehen lassen, z.B. solche Sätze:

“…Bei der Mühlstraße wird das vorhandene System des Gehwegs, welcher für den Radverkehr frei gegeben ist, bestehen bleiben. Dadurch können Radfahrende bergauf neben der Bahn fahren. Bergab fahren Radfahrende auf der Fahrbahn. Die vorhandene Fahrbahn ist annähernd ausreichend dimensioniert, so dass die Bäume bestehen bleiben können und der Gehweg an einer Stelle maximal um 70cm verringert wird. Die Anlieferung und die Freigabe für den Kraftfahrzeugverkehr muss diskutiert werden…”

 Ja, wahrhaftig, da gibt es einen Menge Diskussionsbedarf!

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Einer, der in Karlsruhe schon Erfahrung gesammelt hat mit “shared space”, schreibt am 11. September diesen Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt:

“Weggebimmelt


Ich habe sechs Jahre während meines Studiums in Karlsruhe gelebt und tagtäglich die Problematik mit der Straßenbahn (Straba) als Fußgänger und Radfahrer hautnah erlebt. Fußgänger wurden durch die Straba in der Fußgängerzone (Kaiserstraße) “weggebimmelt” und manchmal auch angefahren. Fahrradfahrer sind aufgrund der Schienen gestürzt oder in andere gefährliche Situationen mit der Straba gekommen. Aufgrund dieser unzumutbaren Situation wollte ganz Karlsruhe die Straba aus der Fußgängerzone entfernen. Dies ging natürlich nicht, aber zwischenzeitlich wird diese Zone untertunnelt, also die Straba fährt als U-Bahn, damit es eben keine großen Berührungspunkte mehr mit den Fußgängern gibt. Und was will Tübingen: In engen Straßen wie der Mühlstraße und der Neckarbrücke samt Europaplatz eine Mischung von Straba, Fußgängern, Radfahrer und Autofahrer. Da ist doch der Stress vorprogrammiert. Lassen Sie sich doch einmal von den Karlsruhern Stadtbahnbetreibern über ihre Erfahrungen informieren, so dass in Tübingen nicht katastrophale Fehler begangen werden. Wenn eine Stadtbahn, dann wenigstens raus mit dem Autoverkehr an den sensiblen Teilstücken.

1_Uebersichtsplan_Innenstadtstrecke

2_Kostenschaetzung_Vorplanung

Vorlage-19

broschuere_rsb

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