Höchst unsicher als Fußgänger

Aus: Kieler Nachrichten. 8.April 2019

Das Älterwerden und Autofahren hat Jonas Bleeser in einem „Übrigens“ im Schwäbischen Tagblatt kommentiert („Hoffentlich hilft einmal der Staat, den Schein abzugeben“, 18. Mai 2019).
Jonas Bleeser nannte Gründe dafür, warum seiner Meinung nach viele alte Menschen zögern, den Führerschein abzugeben. Ich kenne viele alte Menschen (bin selbst Ende 70), aber keinen einzigen, auf den seine Vermutungen zutreffen.

Man muss sich doch nur klarmachen, welche Alternativen zum Autofahren den Menschen bleiben, die nicht mehr schnell reagieren können: das Fahren mit dem TüBus und das Zufußgehen. Und dann schaue man sich mal an, wie ,viele‘ Bushaltestellen eine Sitzgelegenheit haben, wie ,viele‘ Sitzplätze es in den TüBussen für alte Menschen gibt, die von niedrigen Sitzen nicht mehr selbstständig aufstehen können, welche Wohngebiete und Veranstaltungen per TüBus zum Beispiel abends und/oder feiertags nicht erreichbar sind.

All diese Probleme hat man beim Autofahren nicht.
Noch mehr als beim Fahren mit dem TüBus bekommen ältere Menschen die Geringschätzung ihrer Bedürfnisse zu spüren, wenn sie zu Fuß gehen. Während bis vor wenigen Jahrzehnten die Gehwege noch einen Schutzraum (…) für Menschen boten, die nicht mehr schnell reagieren, gut hören oder sehen können oder auf Rollator, Gehstock oder Rollstuhl angewiesen sind, sind sie in zunehmendem Maße heute keine Gehwege mehr, sondern eine Mischung aus Rad- und Gehwegen. In der Kornhausstraße nennt OB Palmer das ja „Miteinanderzone“ – aber für Menschen, die nicht mehr schnell reagieren können, ist das eine Durcheinanderzone, in der sie sich höchst unsicher fühlen. Meiner Erfahrung nach trägt diese fußgänger- und altenfeindliche Verkehrspolitik die Hauptschuld daran, dass es alten Menschen so schwerfällt, aufs Autofahren zu verzichten.

Fußgänger brauchen endlich eine Lobby!

Adelheid Schlott, Tübingen

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