15. Oktober 2018

Das Tübinger Observatorium von Gottfried Friedrich Bohnenberger auf der östlichen Schlossbastion ist weltweit einmalig: “Tübingen ist ein großartiger Standort”, ließ Bernd Engler in Exzellenz-Dimensionen anklingen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es waren nicht offizielle Stellen, die den Anstoß gegeben hatten zur Rettung des Bohnenberger-Observatoriums, in dem zum Schluss Wurzeln den Astronomischen Kreis überwuchert hatten. “Es war eine Initiative von Tübinger Bürgern, die vehement den Erhalt gefordert hatten”, sagte OB Boris Palmer bei der offiziellen Eröffnung am 12. Oktober 2018.

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Bericht im Schwäbischen Tagblatt vom 15. Oktober 2018

Tausendsassa, Tüftler und Genie

Gottfried Friedrich Bohnenberger Vor 200 Jahren hatte der Tübinger Astronom von seinem Observatorium die Landesvermessung gestartet – das wurde groß gefeiert. Wer sehr spät dran kommt, den bestraft die Rednerliste. “Ja, Bohnenberger war ein Tausendsassa, Tüftler, Genie – aber das haben meine Vorredner bereits alle gesagt”, reihte sich Universitäts-Rektor Bernd Engler in die lange Liste derjenigen ein, die auf das Schloss gekommen waren – zum Symposium 200 Jahre Landesvermessung und zur Eröffnung des restaurierten Bohnenberger-Observatoriums.

Und es waren viele, die während der Vorträge die Kirchenbänke der Schlosskirche füllten und am Abend, zur blauen Stunde, zusahen, wie das Bohnenberger-Observatorium offiziell als weiteres Highlight des Universitätsmuseums freigegeben wurde.

Der Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen liegt in der Person Gottfried Friedrich Bohnenbergers: Er hatte im Jahr 1818 die wissenschaftliche Leitung der Vermessungs-Kommission übernommen, die erstmals das Königreich Württemberg komplett kartierte.

Luz Berendt, der Präsident vom Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung (früher griffiger unter dem Namen Landesvermessungsamt bekannt), führte in die Ausgangslage dieser Pioniertat ein: in ein von Hungersnöten und Missernten geplagtes Land, das aber energisch Reformen auf vielen Feldern anpackte: “Am Ende stand die Wandlung von einem heterogenen Agrarstaat zu einem Verfassungsstaat mit einer funktionierenden Verwaltung. Dazu gehört auch die Landesvermessung.”

Und die hatte unter anderem die Aufgabe, Grundlagen für ein Problem zu liefern, das heute wieder aktuell ist: Ein gerechtes System für die Grundsteuerberechnung. Deshalb also die parzellengenaue Vermessung des Landes, die auch Kritiker auf den Plan rief: Es gehe dem Staat doch nur ums Geldeintreiben. “Aber es ging auch darum, Streitigkeiten um die Grundstücksgrenzen zu beenden”, sagte Luz Berendt.

Für diese Mammutaufgabe, die Württemberg sich übrigens 40 Prozent eines Jahresetats kosten ließ, war Bohnenberger der richtige Mann: Er hatte einschlägige Erfahrung, weil er bereits mit dem Verleger Cotta zwölf Kartenblätter von Schwaben herausgegeben hatte.

30000 Festpunkte für das Vermessungsnetz mussten die 500 Geometer über das Land legen und dann vermessen, mit schwerem Gerät und oft in schwierigem Gelände. Bohnenberger legte die Vermessungs-Dreiecke selber fest und maß – der König persönlich guckte Bohnenberger dabei über die Schulter – das Hauptdreieck selber aus: Es nahm seinen Ausgangspunkt vom Nordostturm des Tübinger Schlosses. “Hier hatte die Landesvermessung ihren Ausgangspunkt”, sagte Luz Berendt.

Bohnenberger war von Hause aus Astronom – und das war auch nötig für seine Aufgabe: “Die war ohne Astronomie gar nicht lösbar”, sagte Günther Steudle, Leitender Ministerialrat im Ministerium für Ländlichen Raum. Wie innovativ Bohnenberger war, erläuterte Jürgen Kost, dessen Forschungsschwerpunkte die astronomische Instrumentenkunde und Technikgeschichte sind. Und da kommt das Rundgebäude ins Spiel, das in dem Garten-Plateau vor dem oberen Schlossportal steht. Bohnenberger hatte es gebaut, als Teil der ersten Tübinger Sternwarte, die 1752 auf dem Nordostturm des Schlosses errichtet wurde.

Bohnenberger ließ auch neue Instrumente anfertigen, so einen Astronomischen Kreis aus der Präzisionswerkstatt Reichenbach & Utzschneider.

Drei Jahre dauerte die Bauzeit, 1814 wurde der Kreis nach Tübingen geliefert. Und da war er technologisch schon überholt, für eine Neuanschaffung fehlte das Geld. “Dass Bohnenberger mit seinem Instrument unzufrieden war, ist zu vermuten”, sagte Jürgen Kost. Denn Messergebnisse von diesem Instrument hat er kaum produziert.

Das Gerät wurde kaum noch beachtet – ein Glücksfall, sagte Jürgen Kost. Denn so wurde es nie umgebaut und blieb im Original erhalten – und das auch noch an dem Platz, an dem es verwendet wurde, dem Observatorium auf dem Vorplatz.

“Hier hat sich – gleich einer Zeitkapsel – ein Stück astronomischer Forschung des frühen 19. Jahrhunderts erhalten und dies nahezu unverändert. Keines der sonstigen erhaltenen astronomischen Instrumente steht heute wie der Tübinger Kreis an seinem ursprünglichen Aufstellungsort und keines existiert in seinem dafür errichteten Observatorium.”

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11. September 2018

Das Observatorium auf dem Schlossgelände ist endlich restauriert

Lange dämmerte das Bohnenberger-Observatorium auf dem Schloss Hohentübingen vor sich hin: von vielen für ein schäbig abgedecktes Brunnenhäuschen gehalten. Doch der Dornröschenschlaf ist nun vorbei.

Darüber freuen wir uns besonders, weil wir seit vier Jahren und länger immer wieder nachgehakt haben. Professor Ernst Seidl, Chef des Universitätsmuseums und Rita Haller-Haid hatten sich jahrelang verwendet für die Rettung dieses einzigartigen Kleinods. Besonders groß ist die Freude der Restauratoren, dass nach all der Zeit sogar das Sorgenkind gerettet werden konnte: Das drehbare Kupferdach der Warte.

Das Projekt ist fast abgeschlossen: Um das Observatorium herum befindet sich ein rund gestalteter und abgesenkter Platz, der noch um Sitzgelegenheiten und Info-Tafeln ergänzt werden soll. Das Stein-Gehäuse ist gut erhalten, der Verputz ausgebessert, und von außen können Neugierige nun durch Panzerglasfenster einen Blick werfen. Wer hineinschaut, sieht einen neuen Boden und das Herzstück, den historischen Vermessungskreisel.

Das Gyroskop – heute werden die Begriffe Gyroskop und Kreiselkompass synonym verwendet – wurde 1810 vom Professor für Physik, Mathematik und Astronomie, Johann Gottlieb Friedrich von Bohnenberger an der Universität Tübingen erfunden; ein Exemplar wurde erstmals 2004 von Alfons Renz, Privatdozent an der Biologischen Fakultät der Eberhard Karl Universität Tübingen, im Kepler-Gymnasium Tübingen wiederentdeckt.

Ernst Seidl freut sich über die erfolgreiche Restauration und über die Tatsache, dass das Vermessungsgerät und das extra dafür gebaute Gebäude wieder eine Einheit bilden: “Das Gesamt-Ensemble ist das Entscheidende.” Der Bau gilt als beispielhaft für die Entwicklungen auf dem Gebiet der Vermessungstechnik in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Alleine die Optik des Messgerätes sei nach wie vor unauffindbar und liege vermutlich unentdeckt in irgendeinem Universitätsbüro.

 

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