Innenstadtstrecke: Nicht durchboxen!

21. Oktober 2019
Der mit viel öffentlichem Geld ausgestattete Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar Alb und der Verein Pro RegioStadtbahn Förderverein lassen aktuell eine große Public Relations Kampagne für die Innenstadtstrecke anlaufen. 
Gleichzeitig kommen die Alternativenprüfung in Vorbereitung auf den für 2020 zugesagten Bürgerentscheid in Tübingen und die Klärung der vielen offenen Fragen nicht recht von der Stelle. Es scheint an der Zeit, dass die skeptischen Bürgerinnen und Bürger in Tübingen gemeinsam ein Gegengewicht aufbauen. 
Stuttgart 21 wird umgesetzt, und es wird erkennbar ein finanzielles und verkehrstechnisches Fiasko, weil die Bürger dort zu spät den Widerstand aufbauten. Dabei lagen auch dort bessere Alternativen auf dem Tisch. Die Politik wollte aber den Traum eines gigantischen Großprojektes nicht aufgeben. Das darf uns in Tübingen nicht passieren. 

Reinhard von Brunn erinnert daran in einem Leserbrief heute.

Dank an Verkehrsminister Hermann: „Dann eben ohne Tübinger Innenstadtstrecke“ (Interview 18.10.19). Recht hat er. Bevor wir uns von einer Straßenbahn abhängig machen, die das Gleisnetz der Deutschen Bahn nutzen muss, sollte diese erst einmal ihre Verspätungen, Zugausfälle und den Personalmangel in den Griff bekommen. Sonst importieren wir diese Missstände in die Stadt.
Auch sonst tun sich immer neue Fragen zur Innenstadtstrecke auf:
Wer zahlt für den Fuhrpark von 298 Zügen à 4 Mio. Euro? Über diese 1,2 Milliarden Euro wird bisher kaum geredet. Warum hält die Universität Tübingen das Gutachten zur elektromagnetischen Strahlung und zu Erschütterungen im Umfeld von Kliniklabors und Instituten zurück? Soll die Bahn nur bis zur Morgenstelle oder gleich bis WHO gebaut werden? Wie zuverlässig sind die bisherigen Kostenschätzungen und veranschlagten Bauzeiten? Beim öffentlichen Bauen wird derzeit eine Ausschreibung nach der anderen wegen Kostenüberschreitung aufgehoben, und für den Bau von zwei Toilettenanlagen brauchen wir Jahre…
Wann kommt endlich die aktualisierte Standardisierte Bewertung? Bundes- und Landeszuschüsse fließen nur, wenn die Wirtschaftlichkeit nachgewiesen wird.
S 21 zeigt, wie politische Entscheidungen durchgeboxt werden, wenn sich Bürgerinnen und Bürger zu spät regen. Vor dem für 2020 zugesagten Bürgerentscheid wollen wir klare und ehrliche Antworten zu den Kosten, Bauzeiten, Nachteilen und Risiken des geplanten Megaprojekts.

Wirklich 1,2 Milliarden mehr?
Ich zitiere aus einem Bericht des ST vom 4.10.2019 über die Jubiläumsveranstaltung des Vereins Pro Regio Stadtbahn: „Auf den Schienen der Region soll ab 2025 eine Neuentwicklung rollen. Der Prototyp für die etwa vier Millionen Euro teuren Fahrzeuge gehe aus einem Gemeinschaftsprojekt von sieben Eisenbahnverkehrsunternehmen hervor, erläuterte Thorsten Erlenkötter in seiner Präsentation rund um Entwicklung und Zulassung der 298 geplanten Fahrzeuge.“ Und die würden nun einmal, nach kleinem Einmaleins, 1,192 Milliarden Euro kosten.
Während man bisher in der Öffentlichkeit immer nur über Gesamtkosten des Regionalstadtbahnprojekts von derzeit 1,2 Milliarden Euro ohne Planungskosten erfährt, muss das rollende Material redlicherweise mitgerechnet werden. Und dann sind wir schon nahe an 2,5 Milliarden Euro. Kostensteigerungen bis 2030 nicht mitgerechnet. Die Wirtschaftlichkeitsfrage stellt sich daher dringlicher denn je. 

Reinhard von Brunn
Stadtrat der Tübinger Liste, 21. Oktober 2019

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