Da passt locker noch eine Stadtbahn dazwischen. Wär doch gelacht!

Da passt locker noch eine Stadtbahn dazwischen. Wär doch gelacht!

September 2014
Das Thema Stadtbahn wird uns Tübinger weiterhin in Atem halten. Deshalb wird die Tübinger Liste Argumente sammeln, aus welcher Richtung sie immer kommen mögen. Sie finden hier Stellungnahmen, die aktuellste immer zuoberst.

Herr Reichert schreibt am 17. September 2014:

Wer bezahlt das?
“In der Presse wurden immer Loblieder auf die Regionalstadtbahn geschrieben, weil man dann von Reutlingen, Hechingen, Rottenburg und Herrenberg ohne umzusteigen bis zum Tübinger Klinikum fahren kann. Es gibt allerdings dafür auch Nachteile, über die in den Presseberichten kein Wort geschrieben wurde. Sämtliche Zugfahrten, die aus dem Ammertal über Reutlingen nach Bad Urach, Wendlingen oder Plochingen fahren, würden in Tübingen enden und diese Fahrgäste müssen künftig alle umsteigen.

Die Stadtverkehrsbuslinien18 Oberndorf-Rottenburg-Hagelloch und 19 Bühl-Tübingen-Klinikum müssten dafür am Tübinger Busbahnhof enden und diese Fahrgäste müssen umsteigen

Die Regionalstadtbahn soll eine Milliarde Euro kosten, kein Wort wird über die jährlichen Millionen Betriebsfehlkosten geschrieben. Wer bezahlt das alles? Natürlich der Bürger über seine Steuern! Kommt mit der Regionalstadtbahn auch die Vollsperrung der Mühlstraße für den Pkw-Verkehr?

Der Tübinger Stadtverkehr hat bereits die Initiative ergriffen mit der Einführung des Zehn-Minuten-Takts der Schnellbuslinie X 15 Busbahnhof-Klinikum, die fast so schnell ist wie die Regionalstadtbahn und keine zusätzlichen Kosten verursacht. Diese neue Buslinie – allerdings mit Umsteigen am Busbahnhof – macht die Regionalstadtbahn überflüssig.

Umsteigen müssen an Arbeitstagen Fahrgäste der Ammertalbahn in Herrenberg zur S-Bahn nach Stuttgart und abends wieder zurück, mit dem unbehaglichen Gefühl, erreiche ich den Anschlusszug noch oder ist er bereits weg und ich muss 30Minuten auf den nächsten warten. Die Verlängerung der S-Bahn von Herrenberg nach Tübingen wäre ein Segen und würde den Fahrgästen Sicherheit geben, den Anschlusszug zu erreichen, weil sie nicht mehr umsteigen müssen, sondern bereits im “Anschlusszug” sitzen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Tübinger Fahrgäste mit der S-Bahn – ohne Umsteigen – bis zur Stuttgarter Stadtmitte und zurück fahren können!”

Oswald Reichert, Ammerbuch

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10. September 2014

Im ersten Rededuell zwischen amtierendem Oberbürgermeister Boris Palmer und Herausforderin Beatrice Soltys verteidigte Palmer die Stadtbahn durch Tübingen als “die Lösung der Verkehrsprobleme”, während Soltys mehr Bürgerbeteiligung einforderte.

StadtbahnTue
Die Regionalstadtbahn ist ein schienengebundenes System mit Normalspur-Fahrzeugen, die sowohl mit Strom für Straßen- oder Stadtbahnen als auch mit Bahnstrom fahren können. Der Tübinger Verkehrsplaner Gerd Hickmann wies 2008 darauf hin, dass Tübingen mit 80.000 Einwohnern zu klein für ein Straßenbahnsystem nach altem Muster sei. Zwar ließen sich alle interessanten innerstädtischen Ziele mit einer Linie verbinden, aber die Stadt selbst bringe nicht genug Fahrgäste auf, um eine Straßenbahn rentabel zu betreiben. “Die Lösung liegt in einem regionalen Stadtbahnsystem” meint Hickmann. “Wenn man die neue Linie mit einem regionalen Bahnnetz verbindet, können nicht nur die Tübinger, sondern die Bewohner des gesamten Umlands umsteigefrei bis in die Fußgängerzone fahren.” Der “Schienenbonus” schaffe gegenüber einem gut funktionierenden Bussystem große Fahrgastzuwächse. “Nach Einführung des Karlsruher Stadtbahnsystems haben sich die Fahrgastzahlen vervierfacht.”

Wenige unterscheiden zwischen Regionalbahn, elektrifiziertem Bahnverbund in der Region und der Stadt-Straßenbahn, die durch Tübingens Innenstadt führen soll. Zwar führt die geplante Bahn-Verbindung vom Umland auf den Tübinger Schnarrenberg, doch die Stadtbahn-Trasse ist höchst umstritten. Nadelöhre wie Eberhardsbrücke, Mühlstraße, Ecke Wilhelm-Gmelin-Straße machen den Bahn-Ingenieuren Kopfzerbrechen und werden Radfahrer und Fußgänger erheblich einschränken, denn der Busverkehr kann durch die Straßenbahn nicht ersetzt werden. Vom Abschnitt BG-Unfallklinik bis zum Rotdornweg hat man aus finanziellen Gründen bereits Abstand genommen. Ob die Pendler des Klinikums das 80 Millionen teure Geschenk eines Tages annehmen werden, steht in den Sternen.

Die Machbarkeitsstudie des Regionalverbands Neckar-Alb ist im Internet zu finden:
http://www.rvna.de/,Lde/Startseite/Regionalverband/Machbarkeitsstudie+RegionalStadtBahn.html

Eine Simulation der Innenstadt-Strecke finden Sie beim Schwäbischen Tagblatt.

In einer Collage versprach Boris Palmer 2006 die paradiesische Zukunft für Radfahrer in Tübingen (Werbeflyer PaRADies aus dem OB-Wahlkampf 2006). Die Mühlstraße ist jedoch auch nach dem Umbau von dieser Vision weit entfernt. Weder für Radfahrer noch für Fußgänger ist die Mühlstraße tagsüber ein Vergnügen. Auf dem Radstreifen stehen häufig Lieferwagen, und die Busse dröhnen nach wie vor ohrenbetäubend.

Information der Tübinger Liste

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Mai 2014
„Widerstand schlug in Begeisterung um“ titelte das Schwäbische Tagblatt vom 5.5.2014. Der Tenor des Artikels über einen Ortstermin der AL Grünen in Bad Wildbad lautete etwa:
Hurra, die Stadtbahn durch die Mühl- und Wilhelmstraße ist gar kein Problem!

Vom Bericht überrascht, fuhr unser Spitzenkandidat Ernst Gumrich sogleich am Wochenende selbst nach Bad Wildbad. Man lernt ja gerne dazu.
Angesichts der Dreistigkeit eines Vergleichs mit der Tübinger Situation blieb ihm nach ungläubigem Abschreiten der wenigen Meter „Stadtbahn“ das Lachen im Hals stecken. Die Tübinger Bürger wurden durch den Tagblatt-Bericht ganz schön hinters Licht geführt!

Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich!

1. Seit 150 Jahren gibt es den dortigen Bahnhof am Rande des kleinen Kurortes mit seinen knapp 10.000 Einwohnern.
Von dort führen die Gleise etwa 150 -200 m zunächst nahezu völlig getrennt von den Straßen an den eigentlichen Ortskern heran, bis zur König Karl Straße entlang der Großen Enz.

2. Die Straßenbahn taucht erst dort ein in die, mit der Tübinger Situation und Problematik vielleicht etwas vergleichbare König Karl Straße. Die Straße und die „Straßenbahn“ enden aber bereits 350 – 400 m weiter am Endhaltepunkt der Straßenbahn in einer platzartigen Situation!

3. Dadurch ist die König Karl Straße für Autos auf diesem kurzen Stück bis auf Lieferverkehr nicht pas-sierbar. Oberbürgermeister Palmer will ja auch die Mühlstraße für den Individualverkehr der Stadtbahn komplett opfern (siehe Tagblatt Artikel vom 30.6.2012). Aber anders als in Tübingen, verlaufen parallel zur König Karl Straße mehrere Straßen. Das Straßensegment ist leicht umfahrbar! Und…
4. …zudem wird die gesamte kleine Innenstadt von Wildbad durch den 1,6 km langen Meisterntunnel umfahren, der nur 100m entfernt, parallel zum Fluss tief im Bergrücken verläuft und eine zusätzliche Zwischenausfahrt etwa beim Endhaltepunkt der Straßenbahn hat. Ein Bauwerk, dessen 2013 fertig gestellte Sanierung gerade wieder fast € 30 Mio. gekostet hat. Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann hat das -ohne Fahrrad- kürzlich stolz eingeweiht. Was der ursprünglich Ende der 90er Jahre fertiggestellte Tunnel heute neu kosten würde, mögen wir gar nicht abschätzen!

5. Es gibt in dem kritischen Abschnitt der „Stadtbahn“ in Bad Wildbad gerade mal zwei Haltestellen. Wegen der erforderlichen Höhe wären Haltestellen in Tübingens Mühl- und Wilhelmstraße, sicher auch auf der Neckarbrücke ein Problem. In Bad Wildbad war das einfach: Die Endhaltestelle befindet sich auf einem mindestens 25-30 Meter breiten Platz, die zweite wurde unmittelbar an die Kaimauer der Großen Enz geklemmt.

6. Für den Ausflugsverkehr gibt es zusätzlich eine Schienen-Bergseilbahn, die „Sommerbergbahn“, die auf einer 738 Meter langen Strecke 291 Höhenmeter überwindet. Die Höhendifferenz von der Wilhelmstraße bis zum Schnarrenberg wäre geringer (ca. 150 m), aber die Strecke wäre mindestens dreimal so lang.

Nach der Rundfahrt bei strömendem Regen im 100 Jahre alten Café Winkler hörte man, als die Straßenbahn zweimal mit dumpfem, deutlich hörbarem Rumpeln unmittelbar vorbeifuhr. Das alte Haus zitterte. In der Kaffeetasse bildeten sich die aus dem Physikunterricht bekannten Vibrationswellen. Auf der nahezu geraden –wie gesagt nur 350 – 400 m langen Strecke – quietschte es verdächtig oft. Vielleicht nur, weil es gerade regnete.

Die einzige erkennbare Parallele zu Tübingen: Bad Wildbad war im 19. Jahrhundert ein bevorzugtes Kurbad der württembergischen Könige. Durch den Bau der Bahn sollte den adligen Gästen die Anreise würdig und angenehm gestaltet und der Ruf des Bades als mondäner Kurort gefördert werden.
Soll Tübingen mondäner werden? Eher will sich hier jemand ein ähnliches Denkmal setzen: Schaut her, alle Welt, ich habe die Straßenbahn in das historische Tübingen hinein gebracht. Bin ich nicht der größte unter den grünen Königen?

Ein wichtiger Nachsatz: Bei der Regionalbahn bis zum Bahnhof sind wir als Tübinger Liste gerne dabei. Das ist sinnvoll.
Der Unsinn beginnt erst mit dem Versuch, ganze 7 (in Worten sieben!) Haltstellen in Tübingen anzufahren (1. Neckarbrücke, 2. Lustnauer Tor, 3. Universität, 4. Kliniken Tal 5. Breiter Weg, 6. Kliniken Berg und 7. BG-Unfallklinik) und dafür -zig Millionen Steuergelder auszugeben. Das ramponiert Tübingen, wirtschaftlich, ästhetisch und in seiner Aufenthaltsqualität.

Wie viele günstige Wohnungen könnten wir für einen Bruchteil dieses Geldes in Tübingen schaffen und so ein wirklich großes Tübinger Problem lösen?

Bad Wildbad, Sonntag 11.5.2014

Hier ein paar Fotos aus Wildbad zur Illustration:

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