“Unten bleiben!” Bodenhaftung zählte beim vierteljährlichen Jour fixe der Tübinger Liste am 3. Februar: Vereinsvorsitzender Reinhard von Brunn pries die Froschperspektive des Kommunalen, weil  “der Landtagswahlkampf uns nicht direkt berührt”. Er hielt auch nicht hinter dem (Öster-)berg, dass er sich eine Tunnelverbindung zum Güterbahnhof und Französischen Viertel unter der Bahn wünscht. Und weiterhin überwog die Skepsis, ob eine Stadtbahn hinauf zum Schnarrenberg jemals vernünftig oder wirtschaftlich sein kann. Stadträte und Gäste stritten wohlgelaunt im Casino.

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Zitate:

Rathaus-Foyer:
“Das Rathaus-Foyer ist der teuerste Leerstand Tübingens”
Vorschlag an den HGV: “Statt der Prospekt-Ständer wäre ein Kinder-Gemeinderat im Ball-Bassin sicher ein Erfolg bei shoppenden Müttern”

Verkehr:
Fahrradstraßen: “Wartet nur, bis ein Autofahrer unters Fahrrad kommt!”
Spielstraßen, Shared space: “Armes Kind, das gelernt hat: schau rechts, schau links, schau geradeaus, dann kommst du sicher gut nach Haus!”
“Warum müssen wir immer warten, bis etwas passiert, bevor wir reagieren?”

Flüchtlinge:
Unklare Prognosen: “Jeder Flüchtling entscheidet selber, wohin er will.”
“Sieben Monate dunkler Winter in Schweden: kein Wunder, dass die Syrer wieder nach Hause wollen.”
Zweckentfremdungsverbot: “Beschlagnahme und Drohung ist schlechter Stil. Man muss mit den alten Damen in den großen Häusern persönlich reden!”
“Die GWG hat Wohnungen, die angeblich nicht bewohnbar sind. Das überzeugt nicht.”

Tafel:
Raumnot: “Wer bescheiden ist, ist deppert!”
“Mössingen und Freiburg verlangen keine Miete. In Tübingen muss die Tafel 1700 Euro berappen. Das ist unsozial.”

Kommunalpolitik:
“Unser OB ist ein trauriger Wal, der am kommunalen Strand aufgelaufen ist.”
“Sucht mit der Laterne: wo ist die CDU geblieben?”
Regionalbahn und Stadtplanung:
“Bürger-Initiativen sind die Basis der Demokratie, und die BI Lustnau-Tal will ihren Bahnhof behalten!”
“Wer Bebauung sagt, muss auch Weg und Tunnel sagen.”

 

Doch nun der Reihe nach:
Stadträte Ernst Gumrich, Ulf Siebert und Christian Wittlinger beantworteten Fragen von Gästen und Mitgliedern der Tübinger Liste. Nach 49 Fraktionssitzungen mit riesigen Agenden lag auch in der närrischen Saison 2016 ein bunter lokaler Themenstrauß auf dem Tisch:

Haushalt, Wohnungen für Flüchtlinge, Diskussion um die Regionalbahn, Aubrunnen, Flächennutzungsplan, Bildung von Bezirksräten, Stadtputzete, Stocherkahn-Platzvergabe, Zweckentfremdungsverbot und vieles andere mehr.

Trotz mehrheitlich kommunaler Themen ragt die Landes- und Kreispolitik auch ins Kommunale hinein, so z.B. durch die Debatte um die Gemeinschaftsschule, die Flüchtlingszuweisung, die Fördergelder für Projekte, das verbesserungswürdige Zusammenspiel von Universität und Stadt, Landrat und Oberbürgermeister.

Verdienste der Tübinger Liste sah Fraktionsvorsitzender Ernst Gumrich in der Bildung von Allianzen. Das habe wunderbar funktioniert beim Haushalt, bei der Petition zur Gestaltung des Rathaus-Foyers, bei der Annäherung der Universität an den Gemeinderat, angestoßen von Ulf Siebert. “Manchmal muss man im Hintergrund bleiben, um den Erfolg nicht zu gefährden”, betonte Ernst Gumrich. Die lebhafte Diskussionskultur illustrierte er am Beispiel der internen Meinungsvielfalt zum Thema “Tunnel oder Brücke”, die hier auf unserer Internet-Seite nachzulesen ist.
Auch die Stadtbahn zähle einige wenige Befürworter in den Reihen der Tübinger Liste (TL). Deshalb habe die TL die Prüfung der kritischen Eckpunkte und letztlich (ungern) das rund eine Million teure Gutachten unterstützt, damit endlich eine qualifizierte Bürgerbeteiligung begonnen werden könne.

Rose Bienia kämpft mit ihrer Bürgerinitiative Lustnau-Tal für den Erhalt des bestehenden Haltepunktes, weil für alle Lustnauer und die Bewohner der Alten Weberei der Weg zur neu geplanten Station “Au Ost” unzumutbar verlängert würde. Sie bezweifelt die Berechnungen der Bahn, dass im Gewerbegebiet Unterer Wert genügend Passagiere für Auslastung sorgten.

Spott und Besorgnis mischten sich beim Thema “Shared space“, das sowohl in Hirschau als auch am Zinser-Dreieck täglich für Irritation und gefährliche Situationen sorgt. Resigniert prophezeiten einige Gäste den ersten Unfall mit Kindern, der eines Tages zum Umdenken zwingen werde.

Verständnislos beobachten alle die Einrichtung des neuen Rathaus-Foyer: “der teuerste Leerstand Tübingens” entbehre jeder Atmosphäre, die Energiespar-Ausstellung werde Gähn-Reflexe provozieren, und nur die Hoffnung auf den interaktiven TÜsch verspricht Besserung. Nicht einmal einen Briefkasten für die Verwaltung gebe es im Foyer, geschweige denn einen Empfang.
Und dabei hatte es an guten Ideen nicht gefehlt: Eine interfraktionelle Gruppe hatte im Sommer vorgeschlagen, innovative Firmen, Vereine, Partnerstädte und Meisterstücke von Handwerkern abwechselnd auszustellen. Allein, der Hausherr blockt.

Am Thema Flüchtlinge kam und wollte auch der Jour fixe nicht vorbei kommen: Integration sollte “normal” sein, forderte Ulf Siebert, als Gottfried Gehr ein geglücktes Beispiel aus seiner Bäckerei vortrug. Multi-Kulturalität sei längst in vielen deutschen Familien angekommen, bekräftigten Stadträte und Gäste.
Das Zweckentfremdungsverbot halten die Juristen Gumrich und von Brunn für juristisch schwer durchsetzbar und bürokratisch sehr aufwändig. Hier sei etwas mehr Verhandlungsgeschick gefragt.

 

 

 

 

 

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