Die Bibliothek des Casino wurde eng beim Jour fixe der Tübinger Liste am Mittwoch, 27. April 2016. Die Sorge um Tübingens Wasser-Reserven und um den Erhalt des Bahnhofs Lustnau brachte auch neue Gäste an den Tisch.

Hände weg von Brunnen!

Ingrid Hassberg hat den Klimawandel in Waldhausen beobachtet, wo jedes Haus einen eigenen Zugang zum Grundwasser habe: “Im letzten heißen Sommer waren die Brunnen auf einmal leer!” Peter Bosch als Kenner der Au pflichtete bei: “Der Grundwasser-Strom reicht von der Au bis in die Südstadt. Allerdings wurden bis zu 50% des Geländes über den Schwemmkörpern versiegelt, und das führt laut Gesundheitsamt dazu, dass einerseits Schadstoffe zu wenig verdünnt und andererseits zu wenig Grundwasser neu gebildet wird. Die Summe der Eingriffe ist entscheidend, nicht die einzelne Maßnahme!” Alle waren sich einig: Brunnen zu schließen ist keine nachhaltige Politik.

Ehepaar Krimmel fürchtet jedoch, dass der Gemeinderat nicht standfest sein könnte und, ähnlich wie beim informellen Abstimmen über die Schulberg-Treppe am Rat vorbei, einfach überrumpelt würde. Das schloss Fraktionsvorsitzender Ernst Gumrich aus: “Eher scheren grüne oder rote Stadträte aus ihren Fraktionen aus und kommen zu uns!”

Bahnhof Lustnau und der Ortsverkehr

“Zu schnell ist der Gemeinderat hier eingeknickt,” kritisierte Ingrid Hassberg. Sie hatte Fehler in der Standardisierten Bewertung von Verkehrswegeinvestitionen des ÖPNV* festgestellt. Da seien Bewohner in der Au angegeben worden, die allenfalls dort arbeiteten, aber nicht wohnten. Die Eingabe der Stadtverwaltung in das Berechnungsschema sei fehlerhaft gewesen. Dass die Kosten für den neuen Bahnhof dabei nicht ins Gewicht fielen, wussten die Stadträte der Tübinger Liste. Auch sie hatten für den Erhalt des Lustnauer Haltepunkts votiert. Ernst Gumrich will die Interessengemeinschaft ProRegioStadtbahn nach Lustnau einladen. “Dort müssen sie dann Rechenschaft ablegen für ihre Behauptung, dass der Haltepunkt Au wirtschaftlicher sei.”

Für die fernere Zukunft sieht Gumrich allerdings einen Park-and-Ride-Platz an der Bahn als dringend notwendig an, weil die Anzahl der Busse sich allmählich selbst blockiere. “Ein Express-Bus steht heute schon genauso in der Schlange wie ein normaler Stadtbus.” Der Bahnhof Lustnau sollte deshalb “nicht entwidmet” werden!

Was er nicht sagte: Auch die geplante Stadtbahn würde genau so in der Mühlstraße stecken wie heute die Busse. Und selbst mit der Stadtbahn wird das Uniklinikum eines Tages strukturell unterversorgt sein. Vorsitzender Reinhard von Brunn wertet hier als gutes Zeichen der Kommunikation Universität-Stadt, dass eine Kommission gebildet wird, die einen Entwicklungs-Masterplan für die Universität und ihre Kliniken erarbeiten soll. Dieser Dialog war der Tübinger Liste von Anfang an ein großes Anliegen. Nun rückt er in greifbare Nähe. Allerdings sollte auch die Berufsgenossenschaftliche Klinik als große benachbarte Gesundheitseinrichtung einbezogen werden.

Kritische Sachfragen sind unbequem

Reinhard von Brunn seufzte: “Wer Sachfragen gegen den Mainstream stellt, wird als Störenfried gebrandmarkt.” Die Tübinger Liste hat keine Scheu, scheinbar Offensichtliches zu hinterfragen. Das gilt bei der Barrierefreiheit der Neckargasse ebenso wie beim Internationalen Spielmobil oder vor der Einführung einer Oberstufe für Gemeinschaftsschulen. Steuergeld ausgeben und sich “lieb Kind” machen ist allemal populärer als sparsam zu wirtschaften und auch einmal NEIN zu sagen.

Schmäh in der Presse und auf der Straße müssen ausgehalten werden. Das gehört zum ehrenamtlichen Job, der nicht nur viele Abende kostet, sondern häufig auch noch das Wochenende anknabbert.

Zuweilen lohnt sich das Bohren dicker Bretter dennoch, wie etwa beim neuen Vorschlag für die Parkplätze für den Sudhaus-Anbau. Oder, wie Stadträtin Claudia Braun befriedigt feststellte, im Fall des erweiterten Paul-Lechler-Krankenhauses, wo auf ihren Antrag im Verkehrsausschuss hin, hoffentlich bald eine Bushaltestelle eingerichtet wird.

Parkplätze contra Wohnraum

Klaus Schiffler, Ortsbeirat Südstadt der Tübinger Liste, warnte vor dem großflächigen und ersatzlosen Überbauen von Parkplätzen wie etwa am Hechinger Eck. Wenigstens Tiefgaragen sollten geplant werden. (Christoph Melchers, der gestern nicht zugegen war, hat dazu einen originellen Vorschlag: Man belasse die Parkplätze und baue auf Stelzen die Gebäude darauf.) Zur Vorsicht mahnte auch Ernst Gumrich, der schon Probleme sieht bei der bevorstehenden Änderung der Stellplatz-Verordnung durch das Land. “Durch Augenschließen verschwinden Autos nicht von der Straße!”

Klare Kante in Kultur und Bildung

Der Kulturausschuss hat den künftigen Kurator der Kunsthalle, Holger Kube Ventura, eingeladen. Aus Vorgesprächen hat Ernst Gumrich bereits einen sehr guten Eindruck mitgenommen. Es bestehe die Hoffnung, dass die ehemals so berühmte Adresse wieder zu neuem Leben erwache. Eine Einladung an Kube Ventura in die Fraktion der Tübinger Liste ist geplant.

Kube Ventura studierte von 1987 bis 1994 Kunst und Anglistik in Kassel.  Ab 1994 war er als Kurator oder Mitarbeiter an verschiedenen Ausstellungsprojekten und Festivals beteiligt, unter anderen am Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest (1994, 1997 und 2004), an Monitoring (1997), Sub Fiction (1998) und an Falster Versuchsgelände (1999). Als freier Kurator des Kasseler Kunstvereins und Kunstvermittler bei der documenta X war er bis 2000 tätig. Seine Promotion in Konstanz untersucht  „Politische Kunst Begriffe – in den 1990er Jahren im deutschsprachigen Raum.” Dann leitete er das Zentrum für künstlerische Bildmedien in Sachsen-Anhalt und kuratierte die 5. Werkleitz Biennale 2002.  Von April 2009 bis November 2014 war er Direktor des Frankfurter Kunstvereins.

Was die gymnasiale Oberstufe der Gemeinschaftsschulen angeht, hat die Tübinger Liste ihre eigene Meinung: Die Übergänge von Schulart zu Schulart müssten leicht und gut gestaltet sein, aber an einem Standort wie Tübingen mit einem Überangebot an Gymnasien sei keine weitere gymnasiale Oberstufe vonnöten. Diesen Eindruck haben wir aus den bisherigen Beratungen und Workshops überwiegend mitgenommen. Wir behalten uns die Beschlussfassung offen, bis wir alle Argumente gehört haben. Es ist eines der richtig schwierigen Themen. Zum Glück brauchen wir auf keine Parteilinie in Stuttgart Acht zu geben.

 

Ein Jour fixe, der einem etwas bringt

Stadträte, Gäste, Ortsbeiräte und Mitglieder der Tübinger Liste äußerten sich sehr zufrieden mit dem informativen Abend und lobten auch die interessanten Tübinger Themen. Reinhard von Brunn kündigte schon ein heißes Thema für den Herbst an: “Innovative Mobilitätskonzepte.”

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*Was ist eine „Standardisierte Bewertung“?

Mit diesem Verfahren werden Projekte im Öffentlichen Personen-Nahverkehr bewertet: Fachleute ermitteln Kosten und den volkswirtschaftlichen Nutzen, um beides einander gegenüber zu stellen. Bei den Standardisierten Bewertungen werden, wie der Name schon sagt, einheitliche Maßstäbe verwendet. So können die Ergebnisse einer solchen Studie als solide Grundlage für eine politische Entscheidung genutzt werden.

Eine Studie für die RegionalStadtBahn 

Die Landkreise Tübingen und Reutlingen, der Zollernalbkreis, die Städte Tübingen und Reutlingen sowie der Regionalverband Neckar-Alb haben unter der Federführung des Landkreises Reutlingen im Herbst 2008 die Standardisierte Bewertung für die RegionalStadtBahn in Auftrag gegeben.

Mit der Untersuchung der Wirtschaftlichkeit und Förderfähigkeit des Projekts beauftragten sie nach einem EU-weiten Vergabeverfahren die PTV Planung Transport Verkehr AG zusammen mit der TTK Transport Technologie Consult Karlsruhe GmbH und der DB International GmbH.

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