Steigendes Interesse an Politik – nicht aber an Parteien

Die Shell-Studie vom Oktober 2015 zeigt deutlich, dass immer mehr Jugendliche politisches Interesse zeigen. Im Vergleich zu nur 30 Prozent im Jahr 2002 bezeichnen sich 2015 rund 41 Prozent der Jugendlichen als „politisch interessiert“. Männliche Jugendliche sind häufiger an Politik interessiert als weibliche. Mit dem politischen Interesse ist die Bereitschaft zur Beteiligung an politischen Aktivitäten verbunden. Zur Demo gehen, Produkte boykottieren, abstimmen in den sozialen Medien, das kommt an. Aber die etablierten Parteien profitieren davon nicht, denn die Politikverdrossenheit bleibt weiter hoch. Jugendliche bringen den Parteien wenig Vertrauen entgegen, genauso wie großen Unternehmen, Kirchen und Banken. Das größte Vertrauen genießen Polizei, Gerichte sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen.

Online wählen, spontane Aktionen zulassen und per Quote junge Menschen beteiligen. Können das Ideen für die Zukunft sein?

Professor Klaus Hurrelmann, Jugendforscher, beantwortet die Fragen nach der Politikverdrossenheit in einem Interview mit der Südwestpresse vom 15. Juli 2016:

„Die Parteien brauchen eine Jugendquote

…Herr Professor Hurrelmann, laut der jüngsten Shell-Studie steigt das Interesse der 15- bis 24-Jährigen an Politik wieder. Fast die Hälfte interessiert sich für das Weltgeschehen. Aber nur drei Prozent können sich der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge vorstellen, Mitglied in einer Partei zu sein. Woher diese Diskrepanz?

KLAUS HURRELMANN: Die Parteien sind für die meisten jungen Leute in sich geschlossene, nach eigenartigen, bürokratischen Regeln arbeitende Apparate, in denen mühsame Auseinandersetzungen vonstatten gehen und anstrengende Aufstiegsrituale absolviert werden müssen, wenn die eigene Stimme Gewicht haben soll. Kurzum: Parteien vom heutigen Zuschnitt wirken auf junge Leute in erster Linie abschreckend.

Mancher meint, das gehe einher mit einer Abkehr von der Demokratie.

HURRELMANN: Nein, weder schaut der Großteil der Jugend mit Verachtung auf die Parteien, noch mangelt es am Interesse für politische Fragen. Es gibt durchaus den Wunsch, sich zu beteiligen.

Was machen die Parteien falsch?

HURRELMANN: In den Parteien haben vor allem die Vertreter der Babyboomer-Generation und noch ältere Leute das Sagen. Sie alle zusammen nehmen die Art und Weise, wie junge Leute denken und was ihnen für die Zukunft wichtig ist, nicht wirklich auf und bekommen deshalb keinen Kontakt zu ihnen. Dadurch entgehen ihnen wichtige Entwicklungen. Wenn sich daran nichts ändert, wird sich der Mitgliederschwund in den Parteien weiter fortsetzen.

Seit 1990 haben die Parteien zusammen die Hälfte ihrer Basis verloren. Wie können sie gegensteuern?

HURRELMANN: Die Parteien brauchen Druck, um sich auf die jungen Leute zuzubewegen. Man sollte daher überlegen, ob es nach der erfolgreichen Selbstverpflichtung zu einer Frauenquote nicht auch eine Jugendquote geben muss– für Amtsträger in der Partei ebenso wie für Listenplätze. Warum etwa sollen nicht 30 Prozent aller Kandidaten unter 35 Jahren sein?

Was versprechen Sie sich davon?

HURRELMANN: Eine solche Quote würde zwangsläufig dazu führen, dass die Parteien massiv um Junge werben, nach ihnen suchen und sie an sich binden müssten. Das wird nur gelingen, wenn sie auch den Zwang zur Mitgliedschaft aufheben, wenn sie sich öffnen für Anhänger, die zwar mitarbeiten, aber frei bleiben wollen.Junge Leute wollen sich nicht auf Linie bringen lassen, sie wollen mit ihren Ideen gehört werden, ohne dass man ihnen sofort Grenzen aufzeigt: Für sie zählen Freiheit, Individualität und eine eigene Meinung. Das haben die Parteien alten Zuschnitts noch nicht begriffen.

Suchen junge Leute andere Beteiligungsformen etwa Protestaktionen, Demonstrationen, Kampagnen?

HURRELMANN: Das sind einfache politische Formen, meist nimmt man damit Positionen für oder gegen etwas ein. Man bindet sich nicht, kann am nächsten Tag schon anderer Meinung sein, das allein bringt uns nicht weiter. Gestalten geht anders – und führt meist über die Parteien und letztlich auch über das Wählen. Der Gang ins Wahllokal, das am Sonntag von 8 bis 18 Uhr geöffnet ist, ist eine altbackene Veranstaltung, die der Reform bedarf, ob man nun an mehreren Tagen, an verschiedenen Orten oder Online wählen kann. Auch hier muss sich etwas ändern, wenn sich junge Leute stärker an politischen Prozessen beteiligen sollen.”

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