RathausFoyer

26. Juni 2015

Ist es zu fassen?
Seit Jahren wird geplant, und schon vor fünf Jahren war klar, dass die Gastro-Tische unter den Arkaden des alt ehrwürdigen Tübinger Rathauses einem voll verglasten bürgernahen, barrierefreien und ansprechenden Innenraum weichen müssten. Nun, da endlich von einem Einweihungstermin im Oktober 2015 die Rede ist, fällt der Stadtverwaltung nicht viel ein. Dabei wurden bereits 2013 in aufwendigen Workshops mit Bürgerbeteiligung hervorragende Ideen entwickelt. So zum Beispiel ein Schaufenster der in Tübingen entwickelten Innovationen der Universität, aber auch der interessanten Firmen, die hier arbeiten wie Erbe, Walter oder CeGat.
Es wird angeregt, zeitnah Modelle, Bilder und Pläne großer Bauvorhaben auszustellen. Oder Fraktionen, Schachbegeisterte oder Mütter mit Krabbelkindern zum Treff einzuladen…

Auch bei der Tübinger Liste rauchen die Köpfe; wir werden unsere Ideen nicht verstecken!
Besonders gut würde uns gefallen, wenn im geschichtsträchtigen Rathaus die Brücke zur Zukunft geschlagen und ein TÜBINGER Innovations-Schaufenster geöffnet würde:

  • wie die Firma SYSS die Hacker stoppt
  • warum Bill Gates 40 Millionen Euro in CUREVAC investiert
  • wie die Augenklinik Licht ins Dunkel bringt
  • wie Hartmetall-Werkzeuge den Stempel “Made in Tübingen” erhalten…

Die Liste lässt sich fortsetzen. Die Botschaft: Tübingen hat nicht nur eine romantische Altstadt, sondern entwickelt High-Tech-Produkte für den Weltmarkt.

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Auf Nachfrage schreibt Herr Flink von der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft:
“Nach unserem Kenntnisstand (WIT) ist die Nutzung des Rathaus-Foyers noch nicht endgültig festgelegt. Dazu soll nun ein Workshop mit dem Gemeinderat stattfinden, um mögliche Nutzungen und deren Kosten sowie Chancen auf Realisierung zu klären. Klar scheint bislang, dass direkt nach Eröffnung des sanierten Hist. Rathauses zwei Ausstellungen gezeigt werden sollen – eine über die umfangreichen Sanierungsarbeiten und die dabei gemachten gebäude-historischen Entdeckungen und eine zweite über die Tübinger Energiewende. Die erste Ausstellung ist von der Ausstellungsdauer zunächst wohl kürzer angelegt als die zweite. Der Gemeinderat hat aber Wert darauf gelegt, dass Beide keine Dauerausstellung im Foyer sein sollen.

Mögliche weitere Nutzungen konnten Sie ja der Berichterstattung durch das Tagblatt entnehmen, z.B. Dependance des BVV und ein Multimediatisch des Leibniz-Instituts, welcher auch einen Einblick in die Forschung am Standort Tübingen ermöglichen würde. Das Thema Showroom der Uni wurde von uns (WIT) in Gesprächen mit Vertretern der Uni auf Arbeitsebene angesprochen.

Wir fänden es eben wie Sie sehr gut, wenn Exponate der Tübinger Forschung oder auch der hervorragenden, aber z.T. zu wenig bekannten Sammlungen in einem Teil des Rathaus-Foyers das breite Spektrum der Universität an prominenter Stelle am Marktplatz einem breiten Publikum präsentiert werden könnte. Prof. Seidl vom MUT zeigte sich hier z.B. aufgeschlossen, verwies aber zugleich auf seine begrenzten Ressourcen. Wir werden diese Idee in genanntem Workshop vertreten und weiter verfolgen.”

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Mittlerweile meldete sich Ernst Seidl, der Leiter des Museums der Universität, zu Wort. Er ärgert sich darüber, wie wenig die Stadt Tübingen mit den Museumsschätzen wirbt. Dabei haben die Sammlungen der Universität einiges zu bieten: Das Vogelherd-Pferdchen und die Steinzeit-Venus gelten als die ältesten Kunstwerke der Menschheit. Die beiden Figürchen sind so bedeutend, dass die Unesco sie im kommenden Jahr zum Weltkulturerbe erklärt. Zu sehen sind sie, zumindest zeitweise, im Tübinger Schloss. “Und das findet keiner, weil man es nicht sieht”, beklagt Seidl.
Sehr gerne, sagt er, hätte er eine Art Schaufenster für das Museum und die Sammlungen im Rathaus-Foyer. “Man könnte einzelne Objekte ausstellen, meinetwegen auch Faksimiles von den teuren Sachen – Hauptsache, die Leute werden auf diese Museen aufmerksam gemacht.” Immerhin könnten die rund 50 Sammlungen der Universität mit ganz einmaligen Exponaten aufwarten. Neben den Eiszeitfiguren zum Beispiel mit den Fundstücken vom Federsee, die Teil des Weltkulturerbes Pfahlbauten sind. Oder mit der ägyptischen Grabkammer – “die nächste steht im Louvre”. Die Universität Tübingen hat die größte paläontologische Sammlung, sie besitzt und zeigt das einzige Weltraumteleskop, das mehrfach im All war. Sie hat die größte islamische Münzsammlung und sie zeigt das “schönste, physikalische Experiment der Menschheit”. Das Tübinger Unimuseum mit seinen “weltweit singulären Objekten” sei, so Seidl, “das wichtigste Unimuseum Deutschlands”.

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Und so sieht es Sabine Lohr vom Schwäbischen Tagblatt im nach stehenden Kommentar, wobei sie allerdings vergisst zu sagen, dass die Fraktion der Tübinger Liste als einzige versucht hat, die starre Haltung der Verwaltung aufzubrechen und einen fraktionsübergreifenden Workshop des Gemeinderats forderten. Schlicht falsch ist die Behauptung, der Gemeinderat wollte einen Workshop nur unter den Gemeinderäten.
Dass die Tübinger Liste es jetzt geschafft hat, die Ausstellung der Stadtwerke zeitlich einzugrenzen, hat Frau Lohr nicht erwähnt.
Seit April versucht die Tübinger Liste als einzige Fraktion und dies in jeder Sitzung, die enge Festlegung auf die Energieausstellung und den hineingezwungenen Bürger und Verkehrsverein zu verhindern und die Diskussion zu öffnen.:

“Gähnende Leere im Rathausfoyer

Vor drei Jahren zog die Stadtverwaltung aus dem Rathaus, damit das 500 Jahre alte Gebäude saniert werden kann. Damals war schon klar, dass das Erdgeschoss eine große Halle sein wird, mit einer Glasfront zum Marktplatz hin. Nicht ganz so klar war die Nutzung dieser Halle. Es gab nur eine vage Idee: Ausstellung, Bürger- und Verkehrsverein, Infotheke.

Inzwischen ist alles ein bisschen konkreter – und unbefriedigender. Der Bürger- und Verkehrsverein winkte schon vor einem Jahr ab. Das Rathaus als zweiter Standort wäre, hieß es, nur zu machen, wenn dort täglich an mehreren Stunden Personal sei. Das bitteschön die Stadt bezahlen solle, wenn sie den Tourismusverein unbedingt im Rathaus haben will. Um die Ausstellung bewarben sich bisher alleine die Stadtwerke – mit großer Unterstützung von Oberbürgermeister und Stadtwerke-Aufsichtsratsmitglied Boris Palmer. Eine Dauerausstellung über die “Tübinger Energiewende”, soll es sein. Sie könnte im Januar eröffnen. Und statt einer Infotheke der Verwaltung ist nun an einen 150000 Euro teuren “Multimedia-Tisch” gedacht. Dessen Installation und Aufbereitung würde mindestens ein Jahr dauern.

So richtig zufrieden mit diesen Ideen war der Verwaltungsausschuss am Montag nicht. Eine Ausstellung zur Energiewende sei ja schön und gut. Aber doch bitte nicht als Dauerausstellung, hieß es – auch von den Grünen. Und der Multimediatisch – ein faszinierendes Spielzeug, aber teuer. Personalkosten für den Bürger- und Verkehrsverein will man auch nicht übernehmen. In einem Workshop sollen sich interessierte Gemeinderäte nun Gedanken machen.

Nichts gegen Workshops. Aber: Kommt er nicht reichlich spät? Jahrelang war Zeit, aus vagen Ideen ein Konzept zu entwickeln – eines, das fürs Rathaus passt. Und wieso soll der Workshop nur für interessierte Gemeinderäte sein? In einen derartigen Workshop gehören Ausstellungsmacher und Kulturamt, Tourismusexperten, Stadtarchiv und Stadtmuseum, Bürger, Architekten, Wirtschaft und Wissenschaft. Schließlich ist ein Rathaus heutzutage längst nicht mehr der Ort, an dem die Verwaltung ihrer Büroarbeit nachgeht und der Gemeinderat tagt – das Rathaus gehört den Bürgern. Sie sollen mitbestimmen dürfen, was im Foyer sein soll. Kein Workshop für Gemeinderäte, sondern ein Runder Tisch muss es sein. Tübingen hat inzwischen viele Erfahrungen mit dieser Art Bürgerbeteiligung. Eine davon ist, dass es lange braucht, bis ein Runder Tisch zu einem Konzept kommt.

Die vertane Zeit ist nicht mehr aufzuholen, weshalb das Rathausfoyer nun erstmal drei Monate lang leerstehen wird. Danach dürfen sich die Tübinger wie die Touristen wundern, weshalb sie in einem schönen, alten Rathaus etwas über die “Energiewende” erfahren statt über die Stadtgeschichte, wie sie es vermutlich erwarten würden. “Gibt es 200 Meter weiter schon im Stadtmuseum”, wischte Palmer am Montag diesen Vorschlag trotzig vom Tisch. Na und? Dann zieht diese Ausstellung eben zeitweise um. Davon profitiert auch das Stadtmuseum, das ohnehin mehr Platz braucht.

Was auch immer im Foyer einmal sein wird: Es ist peinlich für eine Stadt, die sich ihrer großen Bürgerbeteiligung rühmt, dass jetzt für die gute Stube in der Altstadt eine Hopplahopp-Lösung gefunden werden muss, damit die Leere nicht allzu länge währt.” Tagblatt, 24. Juni 2015

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