Verkehrsprobleme in Tübingen?

“Es ist immer hilfreich, eine Best Practice vorzustellen! Eine andere Stadt hat ihre Verkehrsprobleme auch schon mal gelöst:

Es herrschte drangvolle Enge; Staus ohne Ende; Dreck auf den Straßen; unerträglicher Lärm, Vorfahrt gab es für denjenigen, der höher im Status war. Das Problem wurde ziemlich pragmatisch gelöst – durch ein Fahrverbot: „striktes Verbot zur Beförderung von Personen in Wagen innerhalb der Stadt“!

Die Stadt neu zu bauen, um mehr Platz für breitere Straßen zu schaffen, kam nicht in Frage, obwohl… Nur noch Waren und hochgestellte Frauen durften im Wagen durch die Stadt fahren und ein Triumphator bei der Rückkehr aus der Schlacht. Einige hundert Jahre später hat Caesar das Verbot sogar verschärft und den privaten Warentransports am Tage verboten. Und es gibt auch den Verdacht, dass Nero Rom angesteckt hat, um breitere Straßen bauen zu können.

Wie wir alle wissen, hat Rom seitdem keine Verkehrsprobleme mehr!

Pointe:

Es gibt nicht DIE eine Lösung für den Verkehr und erst recht nicht die für die Ewigkeit. Jede Bevölkerung muss immer wieder und immer neu entscheiden, wie wollen wir leben, denn um Leben geht es maßgeblich bei Mobilität. Welche Nachteile für das restliche Leben, neben dem Unterwegssein, sind wir bereit in Kauf zu nehmen, damit die täglichen Wege schnell oder leicht gehen. Anders formuliert: Wie schön und angenehm darf der Weg sein, dafür aber etwas langsamer?”

Mit diesen Worten führte Frank Heuser in den Tübinger Themen Abend am 19. Oktober  2016. Unterhaltsam und fachkundig – so das Urteil der 52 Besucher, der Vertreter von AL/Grünen, der FDP und CDU, der Parteilosen und der Veranstalter von der Tübinger Liste.

Einige Thesen und Erkenntnisse:

  1. Die Antriebsart von Fahrzeugen wird an der Blechlawine nichts ändern. Es müssen grundsätzlich andere Fortbewegungsarten her. “Das Auto muss weg!” (Dr. Albrecht Kühn, CDU)
  2. Das autonome Elektro-Fahrzeug wird kommen, und sei es von Google, wenn die deutsche Industrie es verschläft. (Klaus Dieter Hanagarth, TL)
  3. Jede Zeit und jede Stadt muss eigene Lösungen erfinden.
  4. Neue Wohngebiete müssen von der Mobilität her geplant werden!
  5. Die Stadtbahn hilft, den privaten Kfz-Pendler-Verkehr zu reduzieren. Ob sie den ortsansässigen Bürgern etwas bringt, bleibt Spekulation. Angeblich wurden alle Fahrgast-Prognosen von der Realität weit übertroffen. Bedingungen: viel Platz, separater Fahrweg, Ampel-Bevorrechtigung, kurzer Takt, Pünktlichkeit und gute Bahn- und Bus-Anbindung. “Dann bleiben die Leute im Umland wohnen, und unsere Grundstückspreise steigen nicht weiter.” (Christoph Joachim, AL/Grüne)
  6. Es sollte keine Denkverbote geben: O-Busse, Seilbahn, Hybrid-Busse, selbstfahrende Bahn – alles muss bedacht werden.
  7. Komfort wie WLAN, gute Raumtemperatur, bequeme Sitze, leises Fahrgeräusch, Sauberkeit, Pünktlichkeit bei gleichzeitiger Flexibilität, – das besticht den Autofahrer. Wenn der öffentliche Nahverkehr punkten will, muss er diese Vorteile bieten oder sogar überbieten. “Sparen ist tödlich!” (Armin Scharf, TL)
  8. Es besteht eine große “Unwucht” zwischen den Investitionen für den motorisierten Individualverkehr und jenen, die den Fußgängern und Radlern ihre Fortbewegung angenehm machen. “Neue Prioritäten setzen!” (Reinhard v. Brunn, TL)
  9. Auch der “ruhende Verkehr” frisst Raum: Auf einen Auto-Parkplatz passen 10 Fahrräder oder 100 Paar Schuhe! (Frank Heuser, VCD)
  10. Eine Ideal-Lösung ist unmöglich, weil die Interessen der Verkehrsteilnehmer zu unterschiedlich sind.
  11. Probleme sind menschlich und müssen auch menschlich gelöst werden.

Moderator Reinhard von Brunn fragte als erstes provokant das Podium: “Mit welchem Verkehrsmittel sind sie zum Marktplatz gekommen?”
Er selbst mit Helm auf dem Fahrrad, Klaus Dieter Hanagarth gar zu Fuß von Waldhäuser Ost und Paul-Janosch Ersing mit einem Klapprad in Rucksack-Größe.
Frank Heuser vom Verkehrsclub Deutschland VCD kam ebenfalls per Rad aus dem Französischen Viertel.Sein Verein hat 800 Mitglieder in Tübingen.

Mit der Bahn reiste Ulrich Weber an, Geschäftsführer der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen. Sein Zauberwort lautete “Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz” (GVFG). Dessen Verlängerung durch Bund und Länder vor wenigen Tagen lassen die Regional- und Stadtbahn durch Tübingen wieder realistischer erscheinen.

Harald Boog, Technischer Werkleiter des Städtischen Verkehrsbetriebs Esslingen führte aus, wie eine vergleichbare Neckarstadt ihren Hügeln mit Oberleitungs- und Hybridbussen zu Leibe rückt. Er kam im Auto.

Dass bis zur wirklich fahrradfreundlichen Stadt noch etliche Hürden abzustrampeln sind, zeigte Radfahrer Andreas Oehler vom Vorstand des ADFC Tübingen anhand von konkreten Verbesserungsvorschlägen:

  • Die Stadtverwaltung soll sich zum Ziel setzen, eine Vorzeige-Stadt für Radfahrer zu werden.
  • Radfahrer müssen sich lauter äußern. Denn die Radler-Schelte ist zu normal geworden.
  • Die Mitnahme von Rädern im Bus ist zu erleichtern.
  • Rad-Abstellplätze sind überall mit zu planen und zu bauen.
  • Steigungsstrecken müssen radfreundlicher gestaltet werden.

Im Publikum engagierten sich Bernd Strobl vom Verein ProRegioStadtbahn, der Fraktionsvorsitzende von AL/Grüne Christoph Joachim, Stadtrat Christoph Lederle, Ortsbeirat der Tübinger Liste Armin Scharf, die früheren Stadträte Albrecht Kühn und Peter Bosch und viele andere Tübinger Bürger.

Wieder einmal ein Abend, der die unterschiedlichsten Menschen und Meinungen zusammen brachte. Gemeinsamer Nenner: sie alle mögen ihr Tübingen!

Interessante Links:
Impulsreferat Frank Heuser

Pro Regional-Stadtbahn

Quantensprung in Esslingen: Hybrid-Busse
img_1625

Diesen Beitrag teilen