Obere Viehweide: BOSCH will 700 Mitarbeiter mit KI beschäftigen

BOSCH hat die sozialen Wurzeln eines schwäbischen Familienunternehmens gewahrt, die frühere Behäbigkeit abgelegt und sich so seit Jahren sehr erfolgreich im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) etabliert. Von der gemeinnützigen Robert Bosch Stiftung werden 92% der Anteile am Unternehmen gehalten. Hier bestimmen keine Londoner oder New Yorker Fund Manager über das Unternehmen, über die Mitarbeiter und die Geschäftsethik. Siehe: https://www.bosch-stiftung.de/de

Der Stiftungskonzern investiert 35 Millionen Euro in den Bau des „Bosch AI Campus“ in Tübingen. Der neue Forschungskomplex soll Ende 2022 bezogen werden. Die Verhandlungen zum Kauf eines 12.000 Quadratmeter großen Grundstücks laufen noch. Rund 700 Experten sollen dort künftig an anwendungsbezogener KI arbeiten. Bosch will bei der Forschung an industrieller KI zur Weltspitze gehören. Das Internet der Dinge (IoT) und vor allem das autonom fahrende Auto sind nur mit Hilfe Künstlicher Intelligenz realisierbar. 

Bereits Anfang 2019 blies Bosch-Chef Volkmar Denner Anfang des Jahres bereits zur großen Offensive: „Bis 2021 werden wir die Zahl der 1000 KI-Experten im Unternehmen vervierfachen.“ Tübingen ist damit eine zentraler Baustein der Strategie, um das Ziel von 4000 KI-Experten zu erreichen. Das Feld soll nicht Amerikanern und Chinesen überlassen werden. KI ermöglicht selbstlernende Systeme, die mit riesigen Datenmengen umgehen können. Nur mit solchen Verfahren ist das autonome Fahren wirklich beherrschbar. Hochkomplexe Algorithmen versetzen Autos in Zukunft in die Lage, die Daten aus Kameras, Lasern und Radaranlagen zu erkennen, zu bewerten und am Ende Entscheidungen zu treffen. Bis Mitte des kommenden Jahrzehnts sollen alle Produkte von Bosch über KI verfügen, mit ihr entwickelt oder produziert worden sein. 

Schon heute hat kein Autozulieferer und wohl auch kein Hersteller der Autoindustrie mehr der begehrten KI-Experten an Bord als Bosch. Der größte Rivale CONTINENTAL zählt nach eigenen Angaben erst 400 KI-Experten im Haus und möchte die Anzahl bis 2021 auf 700 ausbauen. Die Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF) hat noch gar keine größere eigenständige KI-Einheit.

Der „Bosch AI Campus“ soll in Tübingen in räumlicher Nähe zu den Forschungsgebäuden des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme und des AI Research Building der Universität Tübingen entstehen. Neben Laboren und Büroräumen wird er auch Flächen enthalten, auf denen sich Start-ups und externe Forschungsgruppen im Bereich der künstlichen Intelligenz temporär ansiedeln können. 

Auch der Öffentlichkeit sollen Teilbereiche des Campus zugänglich sein. „Die Campusstruktur wird den Austausch erheblich verstärken“, so Michael Bolle.

Bosch ist Gründungsmitglied des 2016 ins Leben gerufenen Cyber Valley. In dieser Forschungskooperation bündeln Partner aus Industrie, Wissenschaft und Politik die Kräfte, um die KI-Forschung in Baden-Württemberg voranzutreiben. Ziel ist es, Erkenntnisse der Grundlagenforschung rasch in konkrete industrielle Anwendungen zu überführen. 

Aus: Handelsblatt, 10. Juli 2019 „Bosch baut KI-Campus in Tübingen für 35 Millionen Euro“von Martin-W. Buchenau

Blick nach vorn: Ein Gewinn für viele
Win-Win ist eine abgedroschene Floskel. Manchmal und hier stimmt sie. Für BOSCH, für den Haushalt der Stadt, für das Cyber Valley Projekt, die Universität und das Max Planck Institut liegen die Vorteile auf der Hand.

Aber es ist auch ein Gewinn für die Anwohner des Horemer. Sie mussten lange fürchten, dass auf dem großen Grundstück entlang der Waldhäuser Straße abgeschlossene Produktionsgebäude mit entsprechenden Abluftanlagen vor ihrer Nase entstehen würden. BOSCH erläuterte gestern, dass sie sich hinsichtlich Architektur, bewusster und geplanter Öffnung der Bauten für die Öffentlichkeit in der Verantwortung sehen. Produktion im klassischen Sinn werde dort keine stattfinden. Der Forschungscampus der Firma BOSCH in Renningen zeigt, dass die Firma diese Selbstverpflichtung ernst nimmt.

Eitel Sonnenschein?
Oberbürgermeister Boris Palmer verschwieg nicht, dass wir damit auch ein paar harte Nüsse zu knacken bekommen: Wohnen & Verkehr, die vorhandenen Probleme werden nochmals akzentuiert.

  1. Wohnen: BOSCH erklärte sich bereit, über die eigene Wohnbaugesellschaft ihren Beitrag zur Schaffung von Wohnraum zu leisten.
  2. Die Ansiedlung der Forschungs- und Geschäftsbereiche, die sich bei BOSCH mit den neuen Formen des Verkehrs beschäftigen, hebt unsere Hoffnungen als Tübinger Liste, dass wir in Tübingen durch BOSCH und deren Kompetenz auch für den Transport und die Verteilung der Menschen zu den großen Arbeitsplätzen (Morgenstelle und Obere Viehweide) endlich moderne Konzepte entwickeln oder sogar vor Ort testen können.
  3. Eine dritte harte Nuss nannte Boris Palmer: Wie nehmen wir vielen in der Stadt ihre Ängste und Abneigung gegen das Thema Künstliche Intelligenz? Antwort: Nur durch offene Angebote, sich damit vertraut zu machen und Foren, um darüber zu diskutieren. Auch das versprach BOSCH auf ihrem neuen Campus anzubieten. 

Ernst Gumrich, 11. Juli 2019

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