Dezember 2015:
Der Tübinger Einzelhandel klagt und jammert seit Jahren, die Umsätze gingen zurück. Schuldige sind schnell gefunden: die hohen Parkgebühren, Outlet-City Metzingen und andere Nachbarstädte, die Abwanderung zu Amazon & Co., die Grossmärkte auf der grünen Wiese…

Es gab aber auch Vorschläge und Anläufe, dem etwas entgegen zu setzen, z.B. eine moderne gemeinsame Internet-Einkaufsplattform. Zuletzt hatten die Tübinger Themen dies am 21. Juli aufgegriffen (siehe ausführliche Dokumentation weiter unten). Doch es geschah seither – nichts.
Stattdessen nun ein Déjà vu-Erlebnis am 26. November: dasselbe Thema, dieselben Referenten. Aber eine noch größere Uneinigkeit der versammelten Händler, die auch von der veranstaltenden Wirtschaftsförderungsgesellschaft Tübingen (WIT) nicht aufgelöst werden konnte. Grabenkämpfe einiger älterer Herren schienen wichtiger als ein zukunftsgewandtes frisches Konzept für den so gebeutelten Handel. Da muss der Leidensdruck wohl doch erst noch etwas größer werden…

Es macht überhaupt keinen Sinn, bei der WIT einen aus städtischen Mitteln finanzierten “Internet-Kümmerer” anzusiedeln, so lange sich wichtige Tübinger Händler sperren und keine nennenswerten Eigenbeiträge leisten. Geht es denn nicht um die Steigerung ihrer eigenen Umsätze und ihres eigenen Gewinns?

*****************************************
Nach Ladenschluss oder am Sonntag bequem einkaufen? Am Schreibtisch anschauen, welches Sortiment mein Lieblingsgeschäft anbietet? Die Ware zum Wunschzeitpunkt ins Haus kommen lassen? Geht das nur bei Amazon, Zalando & Co. oder ist dies auch beim Tübinger Einzelhandel vorstellbar?
Was bringt Kunden dazu, lieber in der eigenen Stadt online einzukaufen als beim anonymen Großhändler? Welche Voraussetzungen müssen Tübinger Geschäftsleute schaffen, damit der Internet-Einkauf um die Ecke Mode wird?
Wuppertal hat es mit seiner lokalen Einkaufsplattform vorgemacht, eine Reihe weiterer Städte bereiten sie vor.

Die TÜBINGER THEMEN griffen dieses aktuelle Thema bereits im Juli 2015 mit ihrer Veranstaltung auf:

“Online-Marktplatz Tübingen – Chance für den Einzelhandel?”
am Dienstag, 21. Juli 2015, 19.00 Uhr im Lamm, Am Markt 7.

Impulsgeber waren Roman Heimbold, Geschäftsführer der Fa. Atalanda, die das Modellvorhaben “OnlineCity Wuppertal” wesentlich mit entwickelt hat und begleitet.
Über ihre Erfahrungen mit eigenen online-Shops in Tübingen sprechen Frau Wilhelm (Limón) und Sebastian Stolz, Geschäftsführer der Fa. Schimpf Schreibwaren. Schneller, preiswerter und umweltfreundlicher zustellen als die Internet-Giganten mit ihren sperrigen Paketdiensten? Dazu äusserten sich Raimund Rassillier von der neuen Firma Velocarrier und Lukas Rupp, Mitglied der Schülerfirma Greenbooks, die für Osiander zustellt. Aus Sicht eines Käufers berichtete Hannes Klepser über Erfahrungen, Beobachtungen und Wünsche.

Dann hatten das Tübinger Publikum und die fachkundigen Vertreter des HGV, der WIT und von “Buy local”das Wort.
Hier eine kleine Zusammenfassung:

Was will der Kunde?
Er will

  • aus einer großen Produktpalette auswählen können
  • wissen, wer welches Produkt lokal anbietet
  • spontan bestellen, 24 Stunden und an sieben Tagen
  • die Ware schnell erhalten
  • Kundenmeinungen lesen und sich eine Meinung über das Produkt bilden können
  • unkomplizierte Rücksendemöglichkeit
  • Datensicherheit haben

Was lokale Händler besser können?
Sie können

  • telefonisch beraten
  • am gleichen Tag liefern, wenn die Ware bereits in der Stadt ist
  • Dienstleistungen kombinieren (z.B. Gärtnerei lässt Blumenkästen abholen und schickt sie bepflanzt zurück; Friseur nimmt bei Haarschnitt schwere Einkäufe auf
  • Lager oder schickt sie nach Hause zu, etc.)
  • Kleidung, Schuhe und Brillen anpassen
  • mit Fahrrad-Kurier CO2-frei zustellen
  • “Amazon-free” handeln, d.h. Lohndumping, unkontrollierte Datenspeicherung und unnötige Lieferwege vermeiden

Welcher Aufwand kommt auf Händler zu, wenn sie sich auf eine gemeinsame lokale Internet-Plattform einigen?

  • Zielgruppen können junge Familien mit wenig Zeit, Rentner und Touristen sein.
  • Städtische oder Vereins-Unterstützung für einen externen Projektleiter/Kümmerer ist notwendig
  • Online-Marktplatz und Logistik müssen getrennt behandelt werden
  • Für einen Online-Marktplatz braucht es eine kritische Menge von ca. 50 Händlern und jeweils mindestens 100 – 200 Produkten
  • Produkt-Beschreibungen müssen aussagekräftig sein!
  • Verfügbarkeit und Lieferzeit ist anzugeben
  • Exklusive Produkte sind auch überregional attraktiv
  • Persönliche Ansprache und Gesichter unterstützen die Kundenbindung
  • Eine App für Smartphones ist unerlässlich
  • QR-Code am Schaufenster hilft dem Sonntags-Flaneur, Waren zu bestellen
  • Durch gute Verschlagwortung und Links zu anderen Plattformen und individuellen Webseiten der Händler erhöhen die Trefferquoten bei Suchmaschinen
  • Lokale PR und Produktfotografie kann gemeinsam erledigt werden
  • Liefer-Synergien mit allen Kurierdiensten sollten genutzt werden
  • Die Kunden der Stadt werden am besten gebietsweise beliefert durch Fahrrad-Kuriere

Interessant und neu für viele Zuhörer: der sogenannte ROPO-Effekt(Research online, purchase offline), der in Wuppertal auffiel. Anders als angenommen, informieren sich lokale Kunden gern im Internet und kommen dann ins heimische Ladengeschäft, um zu kaufen.

Ein sehr lebendiger Abend mit rund 50 Gästen, der genug Stoff gab, um dem online-Geschäft in Tübingen Flügel zu verleihen.

IMG_1346

Paul-Janosch Ersing erheiterte die Zuhörer mit folgender Anekdote: Er brauchte für eine Wanderung schnell einen Rucksack, bestellte ihn bei Amazon (Prime) und entdeckte dabei, dass die Ware von Metropol-Sport Tübingen stammte. Die telefonische Nachfrage bei Metropol, ob er den Rucksack direkt abholen könne, um Zeit und Wege zu sparen, wurde abgelehnt. So reiste der Rucksack von Tübingen zum DHL-Verteilzentrum Gäufelden und von dort wieder nach Tübingen und dann nach Hagelloch zu Herrn Ersing. Mit einer lokalen Online-Plattform wäre das einfacher gewesen!

Und das Schwäbische Tagblatt sah es so: Lass den Klick im Dorf!

Diesen Beitrag teilen