…eine Shisha-Bar namens Rokoko und ein Spesenlokal “Basilikum” und viiiieeel Verkehr?

In Lustnau!

Tübingens größter Ortsteil Lustnau ist enorm gewachsen in den letzten 50 Jahren, die Einwohnerzahl hat sich mehr als verdoppelt. Das einst eigenständige Dorf wird zerrissen durch die Stuttgarter/Bebenhäuser Straße. Der Denzenberg und der Kirchgraben – das sind zwei Welten. Der Herrlesberg und die Tal-Lustnauer: weitere zwei Pole. Wir wollten kennenlernen, wie sie sich fühlen.

Die Gemeinderatsfraktion der Tübinger Liste und Ortsbeirätin Inge Schettler luden zu einem Rundgang ein, um Ideen und Anregungen für die weitere Arbeit aufzunehmen. Am 11. September wanderten interessierte Bürger und die Stadträte durch die Straßen.

Überraschend einig waren sich die Alt- und Neubürger von Lustnau, die vom Berg und die vom Tal, die von Ost und die von West: Jürgen Hepp, Marie-Luise Kliemann, Familie Rieger, Timo Jedele und Iris Geisel fanden, dass  durch Lustnau zu viele Autos, Lkws und Busse fahren, aber auch zu viele Autos in den Straßen parken.

Und tatsächlich: die eigentlich idyllischen Ecken wie der Brunnen Ecke Daimler-/Kreuzstraße waren unsichtbar zugeparkt, die Gehwege unpassierbar durch abgestellte Fahrräder und Autos. Und wenn dann noch ein Baugerüst dazwischen kommt, wissen weder Fußgänger noch Fahrradfahrer, wohin.

Während unseres Rundgangs fielen uns die vielen Busse auf (Linien 1, 21 und 22), die im Bemühen, ihren Fahrplan zu halten, deutlich über 30 km/h fuhren. Wenn man sich am späteren Nachmittag an die Kreuzung Dorfstraße/Kreuzstraße stellt, fühlt man sich fast wie in Hirschau an der B28…

Allein der Ortseingang, die Adler-Kreuzung, beleidige das Auge, meinten die LustnauerInnen. Die Linksabbiege-Spur von der Pfrondorfer Straße in Richtung Reutlingen sorgt mit einer sehr kurzen Ampelschaltung dafür, dass die Kreuzstraße als Schleichweg weit attraktiver wirkt und reichlich genutzt wird. Könnte man nicht einen Adler-Kreisverkehr einrichten und ihn sogar ansprechend gestalten?

Und einen kleinen Kreisel an der unübersichtlichen Kreuzung Aeule-/Nürtingerstraße empfehlen die Lustnauer Bürgerinnen auch, um Unfälle zu vermeiden. Für Fahrradfahrer schlug Ernst Gumrich einen durchgehenden blauen Streifen vor.

Sorgen machen sich einige, ob die Freiwilligen der Feuerwehr schnell genug auf die andere Seite der Stuttgarter Straße kommen, wenn das neue Spritzenhaus an der Alberstraße eingerichtet wird.

In Summe standen wir jedoch vor einem allgemeinen Tübinger Wachstums- und Flächenproblem: immer mehr Bewohner, immer mehr Studenten, immer mehr Singles, immer mehr Verdichtung, immer mehr neue Firmen, immer mehr Autos, immer mehr Lieferservices. Das führte die Diskussion schnell über Lustnau hinaus. Und leider hilft da auch eine Stadtbahn gar nicht weiter, die Lustnau sowieso links liegen lässt.

Eine Art Verschönerungsverein und Bürgertreff hätte Jürgen Hepp gern. Da wären so viele Ecken, die ein bisschen netter gestaltet werden könnten. Vielleicht kann hier das Lustnauer Forum helfen?

Auflösung der Fragen:

Ein prächtiges Exemplar der kaukasischen Flügelnuss wächst an der Alberstraße hinter dem künftigen Feuerwehrhaus am Sportinstitut, den artistischen Tanz an der Stange unterrichtet Julia gleich hinter der Lustnauer Mühle, im Rokoko Ecke Alberstraße gibt es Drinks und Pfeifchen, Gleiten mit dem Schirm kann man bei GlideZeit lernen, in der Alberstraße 3. Edel-Food gibt es im Basilikum in der Kreuzstraße 24 – nur, wo soll man parken?

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Lustnau oder „Luschtna“ …

…geht allem Anschein nach auf eine alemannische Besiedlung zurück. Diese ist durch einen Reihengräberfriedhof des 7. Jahrhunderts bezeugt, der sich in der Nähe der ehemaligen Frottierweberei Egeria befunden hat. In den sechziger Jahren wurden bei archäologischen Grabungen im Bereich der Kirche auch Funde aus römischer Zeit geborgen.

Ursprünglich war Lustnau ein eigenständiges Dorf. Es wurde 1100 erstmals urkundlich unter dem Ortsnamen „Lustnow“ erwähnt.

Die Herren von Lustnau, die vermutlich in der heutigen Straße „Auf der Burg“ residierten, waren die Eigentümer des Dorfes. Bei ihnen handelte es sich um Ministeriale der Pfalzgrafen von Tübingen. Bis ins Jahr 1466 ist die „Familie derer von Lustnau“ urkundlich bezeugt. Die Familie übereignete zusammen mit den Pfalzgrafen dem Kloster Bebenhausen nach und nach fast den ganzen Ort. Bis 1715 gehörte das Dorf Pfrondorf ebenfalls zu Lustnau.

Wein- und Ackerbau stellten im Mittelalter die Haupteinnahmequelle der Dorfbewohner dar. Die Weingärten befanden sich hauptsächlich am Herrlesberg, am Österberg und auch in der Neuhalde.

Der Lustnauer Klosterhof, heute vollständig renoviert und als Therapiezentrum der Drogenhilfe Tübingen genutzt, entstand Mitte des 13. Jahrhunderts als Wirtschaftshof des Klosters Bebenhausen. Der Klostervogt von Bebenhausen verlagerte seinen Dienstsitz nach der Einführung der Reformation um 1540 in den Klosterhof von Lustnau. Durch die Auflösung des Klosteramtes 1807/08 kam Lustnau später zum Oberamt Tübingen.

Der traditionelle Weinbau wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach durch Hopfenanbau ersetzt. Vom Weinbau zeugen heute noch „Wengerte“ an den Hängen des Neckartals, wo auch noch vereinzelte Reben zu finden sind. Der Hopfenanbau wurde während des Ersten Weltkrieges eingestellt.

Im Zuge der zunehmenden Industrialisierung und der Ausbreitung des Stadtgebietes wurden die landwirtschaftlichen Flächen und ehemaligen Weinberge im 20. Jahrhundert immer mehr als Bauland genutzt. Die Eingemeindung in die Stadt Tübingen erfolgte im Jahr 1934. Damals hatte Lustnau rund 3500 Einwohner. Durch die angesiedelte Industrie, z. B. die Frottierweberei Egeria und Metallwarenfabrik BeKa, war Lustnau zum Zeitpunkt der Eingemeindung finanziell in einer gut situierten Position. Tübingen heiratete „eine reiche Braut“, sagte der scheidende Lustnauer Bürgermeister Hans Rath in seiner Rede anlässlich der Eingemeindung.

In Lustnau gibt es eine Grundschule sowie vier Kindergärten, eine Turn- und Festhalle, zwei Kirchen (evangelisch und katholisch) und eine Geschäftsstelle der Stadt Tübingen.

Lustnau boomt: 1930 waren es noch 3000 Einwohner, heute 10600!

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Aktuell:

Dorffest in Lustnau am 9. September 2018

„Seit 40 Jahren feiern die Lustnauer ihr Dorffest im größten Tübinger Stadtteil. Wie im Jahr 1978 spielte die eigene Musikkapelle in diesem Jahr zum Fassanstich. Dann erzählte Steffen Hämmerle, Organisator und Vorsitzender des Jugendtreffs Bauwa, die Historie des Festes. 1978 war es noch in Form einer Hockete in der Dieselstraße. Dann in der Ortsmitte „rund ums Pärkle“ bei der Dorfackerschule.

Nach der Jahrtausendwende diskutierten die beteiligten Vereine über einen neuen Platz und zogen an den „wunderschönen Ort“ an der evangelischen Kirche. Damit veränderte sich auch die Organisationsform. Statt einem Nebeneinander der Vereine, organisierten sie das Fest nun gemeinsam als Arbeitsgemeinschaft Lustnauer Vereine. Dazu gehört eine Vielzahl an Gruppen: wie etwa der Liederkranz, Musik-, Sport- oder Reitverein.

Doch früher war der Ort an der Kirche für ein solches Fest nicht möglich. Das erzählten Peter Aicheler und Otto Link. Der Pfarrer hatte das früher verboten. „Der Pfarrer hatte Angst, dass an die Kirche gepinkelt wird“, erklärte Aicheler. Die beiden saßen auf einer Bierbank vor der Musikkapelle. Beide haben sich über Jahrzehnte beim TSV Lustnau engagiert. Von Hämmerle bekamen sie eines der ersten gezapften Biere.

Der Kirchplatz habe das Fest aber kompakter gemacht, sagte Aicheler. Seit das Fest dort ist, seien auch viel mehr Leute gekommen. „Ältere kommen, die man so dann noch alle zwei Jahre sieht“, sagten sie unisono. Das Lustnauer Dorffest wird nur alle zwei Jahre veranstaltet – abwechselnd mit dem Tübinger Stadtfest.

Essen gab es viel. Viele kamen am Samstag zum Abendessen, es gab Klassiker wie Maultaschen oder Pommes. Am Grill standen drei Männer. Sie trugen blaue T-Shirts mit der Aufschrift Frauenfußball. Als Trainer und Abteilungsleiter des Lustnauer Frauenfußballs wollten sie für ihre Mannschaft werben, die am Sonntag gespielt hat. „Die Frauen sind sehr erfolgreich“, sagte Abteilungsleiter Gottfried Erne. „Ich selber kann aber nicht Fußball spielen“, fügte er schmunzelnd hinzu. Während sie die Würste und Steaks angebraten und als „besonders saftig“ beworben haben, unterhielten sie sich mit Gästen und hatten sichtlich Spaß an der Arbeit. Zu späterer Stunde am Samstag trudelte auch die Männermannschaft des TSV ein, die sich trotz einer Niederlage zuvor den Spaß nicht nehmen ließ.

Im kommenden Jahr soll ein neues Jugend- und Gemeinschaftshaus in Lustnau gebaut werden. Auf dem Kirchplatz wurden die bisherigen Planungsideen eifrig diskutiert. Kinder konnten mit der Hand im Schuhkarton mögliche Einrichtungsgegenstände, wie zum Beispiel Tischkickerfiguren, ertasten und dann gewinnen. Auch die Feuerwehr bot am Sonntag ein Kinderprogramm an.

Auch bilden konnte man sich am Wochenende. Albert Füger erzählte bei der Führung „Kennen Sie Lustnau?“ 30 Interessierten während eines Spazierganges von der Geschichte des Ortes. „Lustnau hat sich explosionsartig vergrößert und verbreitert“, erklärte er. Heute sind es rund 10600 Einwohner. Im Jahr 1933 waren es nur 3000. Ein Jahr später wurde Lustnau zwangseingemeindet. Damals war der Ort besonders reich, da es viel Industrie gab. Mit der Eingemeindung erfreute sich Tübingen zugleich auch an der ersten Turnhalle sowie der ersten Aussegnungshalle.

Die evangelische Kirche, die auch Zentrum des Dorffests ist, wurde erst im 19. Jahrhundert gebaut, erzählte Füger. Daneben war damals der Friedhof. Dort war nun das 20. Dorffest. „Die Party findet sozusagen auf den Gebeinen der alten Lustnauer statt“, sagte Füger schmunzelnd.“

Schwäbisches Tagblatt, 10. September 2018

 

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