Radfreundlich??? Schlimme Fallen in Tübingen

Dem grasgrünen Gemeinderat steht Arbeit ins Haus. Denn die Radfahrer sind ihm gar nicht grün. Es gibt Radwege, die im Nirwana enden, Kollisionsgefahren mit Autos und Fußgängern, unübersichtliche Stellen, für Radfahrer ungeeignete Unterführungen, uralte und fast aufgelöste Markierungen, keine Ausweichmöglichkeiten entlang parkender Autos – die meisten der 120 gemeldeten Fahrradfallen betreffen die Verkehrsführung. Mit dabei: Uraltprobleme, die es seit Jahrzehnten gibt und um die sich niemand gekümmert hat.

Aufgerufen zum Wettbewerb „Tübingens schlimmste Fahrradfallen“ hatten Andreas Golding und Wolfgang Scharnke. Dem Solarunternehmer und dem Gastroenterologen geht es um echte Verbesserungen, sie fordern mehr städtische Aufmerksamkeit für das ökologischste aller Verkehrsmittel, das Rad. „Fürs Bussystem hat man in Tübingen viel getan, aber die Radler hat man vergessen“, meint Scharnke.

Auf der Website „tuebinger-fahrradfallen.de“ kann jede/r die vorhandenen Fallen ansehen – und gegebenfalls ergänzen.

Tübingens schlimmste Fahrradfalle ist eine Tankstellenausfahrt, bestimmte die Jury. An der Reutlinger Straße, da, wo die Autofahrer ihre frisch betankten Fahrzeuge wieder in den Verkehrsstrom einfädeln. Viele Autofahrer achteten an der Aral-Tankstelle nur auf Autos, die von links kommen. Die von rechts kommenden Radler, meist aus dem Französischen Viertel in Richtung Stadt unterwegs, würden übersehen und, wenn sie nicht aufpassen, angefahren. Einer dieser übersehenen Radler sitzt jetzt im Rollstuhl.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen
Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 1: Tankstellenausfahrt an der Reutlinger Straße und Neckarbrücke. Privatbilder aus Schwäbisches Tagblatt vom 1. Juni 2019

Wettbewerbssieger Thomas Wipperfürth erhielt auch deshalb einen der beiden ersten Preise, weil er gleich einen Verbesserungsvorschlag machte: Die Verlegung des Radwegs um 20 Meter stadtauswärts würde den Radverkehr von der Tankstellenausfahrt wegnehmen. „Da hat man damals offensichtlich einen Fehler gemacht“, meint Scharnke.

Der zweite erste Platz geht an Stefan Braun. Seine preisgekrönte Fahrradfalle ist die Ecke, wo Neckarbrücke und Gartenstraße aufeinander stoßen. Hier stehen die Fahrradfahrer, die vom Zinser-Eck kommen, auf der mittleren Spur links neben den Bussen. Doch oft verdecken die mächtigen Busse dort die Ampel für Rechtsabbieger. Eine zusätzliche Ampel über der Abbiegespur könnte das Problem lösen, findet Braun, der sich außerdem eine bessere Kennzeichnung der Radler-Spuren an dieser Stelle wünscht.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen
Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 1: Tankstellenausfahrt an der Reutlinger Straße und Neckarbrücke (Bild). Privatbilder 

Mangelhafte oder sogar gefährliche Führung von Trassen wurde bei dem Wettbewerb mit Abstand am meisten beklagt. 35 Beiträge gab es allein dazu. So kreuzen sich auch an der schon erwähnten Neckarbrücken-Kreuzung die Spuren von Radlern und Bussen – was das Fahren vor allem für Radler stressig macht. Scharnke und Golding könnten sich deshalb vorstellen, den Radweg über die Neckarbrücke einfach komplett auf den rechten Gehweg neben das Geländer zu verlegen: „Auf dieser Seite der Brücke gibt es ja auch nichts zu fotografieren außer dem Wöhrdstraßen-Parkhaus.“

Ein Dorn im Auge war vielen Einsendern der Straßenzustand. Schlaglöcher, Bodenwellen oder herausragende Steine entdeckten die Teilnehmer an vielen Stellen in der Stadt. 19 Beiträge gab es dazu. 18 beschäftigten sich mit einer anderen Tübinger Spezialität, den plötzlichen Radwegs-Unterbrechungen. „Das ist ja hier fast schon die Regel“, meint Golding, der sich auch wundert, warum man jetzt unbedingt eine teure Brücke über die Steinlach bauen muss: „Vor und nach der Brücke herrscht doch das totale Chaos.“ Erst brauche man mal, pflichtet Scharnke bei, „einen guten Plan für die Anbindung der Brücke“.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen
Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 2: Plötzliches Poller-bewehrtes Ende eines Fahrradstreifens auf der Kusterdinger Straße vor dem Egeria-Areal (Bild) und gefährliche LTT-Unterführung.Privatbilder 

Dass es in einer Stadt wie Tübingen mit so vielen Radlern, mit einer so starken AL-Fraktion und einem so fahrradbegeisterten Oberbürgermeister immer noch kein befriedigendes Radwege-Netz gibt, können Scharnke und Golding nicht verstehen: „In Palmers neuen Plänen nach dem Oslo-Besuch kam das Wort Fahrrad nicht mal vor“, wundern sie sich, „ein Fahrradbürgermeister ist der schon lange nicht mehr.“

Die beiden haben viele Ideen, wie man die Situation der Radfahrer in Tübingen verbessern könnte. Man könnte Parkplätze streichen (entlang der Frondsbergstraße etwa), mehr Rad-Abstellplätze schaffen, den Lieferverkehr aus der Mühlstraße heraushalten. Das Wichtigste aber sei es, dass Radler die Innenstadt von außen bequem und gefahrlos erreichen können. „Wir brauchen ein Konzept für die großen Strecken“, sagt Scharnke, „für durchgängige Fahrradwege.“ Um das zu erstellen und kurz-, mittel- und langfristig umzusetzen, brauche man Personal. „Nötig ist eine kleine Abteilung mit einer entsprechend dotierten Leitungsstelle.“ Und die müsse auch Weisungsbefugnis haben.

Tübingens schlimmste Fahrradfallen
Tübingens schlimmste Fahrradfallen. Platz 2: Plötzliches Poller-bewehrtes Ende eines Fahrradstreifens auf der Kusterdinger Straße vor dem Egeria-Areal und gefährliche LTT-Unterführung (Bild). Privatbilder 

Was wurde eigentlich für Fahrradfahrer in den vergangenen Jahren getan? Im Zug der Sanierung des Zinserdreiecks wurde die Karlstraße zur Fahrradstraße – allerdings ohne erkennbare Markierung, weshalb Fußgänger sie als Gehweg wahrnehmen. Auch die Friedrichstraße wurde gerichtet, wird aber der sehr langen Ampelphasen und des stotternden Verkehrs wegen von Radfahrern kaum benutzt.

Der Stadtgraben hat – allerdings nur auf einem kurzen Stück – eine Radspur bekommen. Auf dem Nordring sind die Radwege teilweise blau markiert. Die Fürststraße wurde zur Fahrradstraße gemacht mit einem endlich ebenen Belag.

Und nun soll mit drei Radwegbrücken der große Wurf kommen. Sie sollen durch ein „blaues Band“ verbunden werden. Bisher hat es die Verwaltung allerdings versäumt, den Verlauf dieser Radstrecke dem Gemeinderat vorzustellen. An neuralgischen Punkten wie den Unterführungen ist nichts passiert. Weder wurde das Chaos vor, in und hinter der Steinlachunterführung geordnet, noch hat die LTT-Unterführung eine klare Markierung bekommen, noch sind die Unterführungen von der Schaffhausen- in die Eisenbahnstraße und am Ende der Sindelfinger Straße heller oder fahrradfreundlicher gestaltet worden. Straßen, die Radfahrer gerne nutzen würden, weil sie abseits des Verkehrs liegen, sind in einem so miserablen Zustand, dass sie mit Rädern kaum befahrbar sind – etwa die Brunnenstraße, oder – noch schlimmer – die Schaffhausenstraße.

Denn Radfahren ist in Tübingen nach wie vor ein Abenteuer. Und es wundert schon, dass ein Gemeinderat, dessen größte Fraktion seit 2004 die radfreundlichen Grünen sind, und ein radelnder Oberbürgermeister, der seit 2007 im Amt ist, dieses Abenteuer nicht längst zu einem weniger gefährlichen gemacht haben. Und dass sie fast immer nur dann etwas für Radfahrer getan haben, wenn ohnehin eine Straße saniert oder ein Bereich umgebaut wurde. Blaue Farbe und rote Pfeile können aber auch auf alte Straßen gemalt werden, Poller können weg, wo sie behindern, und Spiegel können an den Enden von Unterführungen angebracht werden, auch wenn diese nicht gleich komplett umgebaut werden.

Das sagt Sabine Lohr im Schwäbischen Tagblatt vom 1. Juni 2019. Recht hat sie.

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