Regionalstadtbahn: Neues unter der Sonne?

Hochrangig besetztes Podium: drei Spitzenkandidaten für die Kommunalwahl, Vorstand ProRegiostadtbahn, fast alle Parteien vertreten. Aber im Publikum, bis auf fünf Bürger-Neulinge, die üblichen Vertreter von Kommunalpolitikern und ProRegiostadtbahn. Schlusswort von Markus Vogt (Die PARTEI): „Ich freue mich auf die Baustellen-Stadt Tübingen!

Jochen Gewecke zog mit unerbittlichem Zeit-Management zwei Stunden Frage- und Antwortspiel durch, wobei er als Gastgeber und Vorstand des Lobby-Vereins ProRegiostadtbahn seine Richtung klar vorgab. Abseits des üblichen Beschwichtigens in puncto Kosten, Bauzeit und Nadelöhre Mühlstraße und Neckarbrücke, wiederholten die Befürworter der Innenstadtstrecke gebetsmühlenartig: Perlenkette der Arbeitsplätze an der Trasse, verlockende Bundes- und Landeszuschüsse, Rasenbett für Gleise, gar wunderbare Vermehrung der Fahrgäste…
Alle Anwesenden blieben diszipliniert, bis auf einen Pöbler aus dem Publikum, der mit „Trump-Methoden, alles Fake!!!…“ versuchte, auf sich aufmerksam zu machen.

Dennoch gab es ein paar Neuigkeiten am 8. Mai im Deutsch-Amerikanischen Institut:

1. Sowohl Wilhelm Bayer von DIE LINKE als auch Rudolf Schnitzer von DEMOKRATIE IN BEWEGUNG nebst Markus Vogt unterstützten mit Argumenten den Kurs der Tübinger Liste, die der Tram-Innenstadtstrecke von Anfang an skeptisch gegenüber stand. Bessere Bus-Takte, eine preiswerte Anbindung der Schulen, schnelle klimaneutrale Umrüstung der Busflotte, Direktbusse zu Stoßzeiten, Park & Ride-Parkplätze an den Stadtgrenzen, Carsharing und Alternativen zur Tram wurden gefordert. Ein durchgehendes Radnetz, die Trennung von Rad- und Fußwegen und regionales Denken statt kommunalem Egoismus – das verband alle Kritiker. Erfreut konstatierte Reinhard von Brunn: „Zum ersten Mal sitzen auf einem solchen Podium vier Gruppen, die unsere Kritik an der Innenstadtstrecke teilen.

2. Sowohl Christoph Joachim (AL/Grüne) als auch Dietmar Schöning (FDP) gaben zu, dass die Innenstadtstrecke nicht alle Verkehrsprobleme in Tübingen lösen könne und die Stadtverwaltung Konzepte zu den Engstellen (Mühlstraße) und konkrete Daten zur Baustellen-Organisation und Bauzeit liefern müsse. Die Neckarbrücke, sagte Joachim, bestehe aus zwei Bauteilen, weshalb es nicht notwendig sei, sie komplett abzureißen, sondern sukzessive zu ersetzen.

Endlich nicht mehr allein als kritischer Frager: drei weitere kommunalpolitische Gruppierungen pflichteten Reinhard von Brunn bei und fordern ein besseres Verkehrskonzept statt der teuren unrentablen Tübinger Stadtbahn

3. Reinhard von Brunn ging dem Verkehrsproblem mehr an die Wurzel: „Die Stadtplanung wird nicht von einer zeitgemäßen Verkehrsplanung begleitet, sie ist entkoppelt. Es wird gebaut, gebaut, gebaut und der Verkehr sich selbst überlassen.
Beispiel 1:
Rund um die Sternwarte werden 3500 neue Arbeitsplätze geschaffen, aber keine einzige neue Wohnung für die Beschäftigten gebaut. Wie erreichen diese ihre Arbeitsstellen? Der Streit um Parkhäuser ist vorprogrammiert  (siehe Klinikum).
Der Verkehrsdruck auf die Zufahrten wird zunehmen. Man denke beispielsweise an die Ortsdurchfahrt Bebenhausen und den Rittweg. Was ist hier geplant?
Beispiel 2:
Das Gelände des Südwestrundfunks auf dem Österberg soll bebaut werden. Zusammen mit weiteren Verdichtungsmaßnahmen ist in nächster Zeit mit einer Zunahme von mindestens 200 Fahrzeugen zu rechnen. Der Österberg ist eine Sackgasse. Wie soll die einzige Zufahrtskreuzung Dobler-, Mühl-, Wilhelmstraße diesen Zusatzverkehr verkraften? Bisher gibt es von der Stadt nur abwiegelnde Beschwichtigungen statt solider Zählungen, Berechnungen und Simulationen.“

4. Umsteigefreiheit, das Parade-Argument der Befürworter, gelte nur für jene, die in zehn Minuten Fuß-Entfernung am Bahnhof wohnten, monierte von Brunn. Das treffe jedoch auf 90 Prozent aller Einpendler aus der Region nicht zu. Sie müssen zunächst mit einem anderen Verkehrsmittel den Bahnhof ansteuern, also umsteigen.
Moderator Gewecke, der wegen des schlechten Bus- und Bahntaktes der Hohenzollerischen mit dem viel geschmähten Auto angereist war, hofft auf die Gomaringer Spange, die noch keineswegs beschlossen ist, und will eines fernen Tages sieben Kilometer aus Öschingen zum Bahnhof Nehren bergab radeln (ca. 130m Höhendifferenz) und dann „umsteigefrei“ mit der Regionalstadtbahn nach Tübingen fahren. Und heimwärts von Nehren aus bergauf bei Regen??? Warten wir’s ab.

Die meisten Orte der Region haben keinen eigenen Bahnhof. Die Pendler fahren darum lieber mit dem Pkw zur Arbeit und nehmen Stauzeiten in Kauf.
Direktbusse, Busspuren und Park & Ride Parkplätze könnten sofort in Angriff genommen werden, um zu testen, ob sich der motorisierte Individualverkehr auch so reduzieren lässt.

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