In einer Veranstaltungsreihe „Von der Gemeinschaftsschule zum Abitur – Wege für Tübingen“ diskutierten Gemeinderäte und Fachleute seit Monaten ausgiebig.  Ein Teilnehmer berichtet:

Es war wichtig, dass dieser Prozess mit 13 Abenden durchgeführt wurde. Er diente dem gegenseitigen Kennenlernen, dem Austausch der Interessen, der Beschreibung der Anforderungen und der Beschreibung der Umsetzungsmöglichkeiten an den einzelnen Schularten.Die Stadtverwaltung kommt zu dem Schluss, dass eine eigene Oberstufe für die drei Tübinger Gemeinschaftsschulen (GMS) eine Bereicherung des Tübinger Bildungsangebotes sei.

Dennoch steht fest, dass diese Oberstufe aber nicht zwingend notwendig ist. Es ist sehr wohl möglich, dass die Schülerinnen und Schüler der GMS in den beruflichen und allgemeinbildenden Gymnasien erfolgreich das Ziel, allgemeine Hochschulreife, erreichen können.

Nicht alles, was machbar erscheint, muss man auch umsetzen muss. Hier würde sehr viel Geld und Arbeitszeit eingesetzt, um den Wunsch von wenigen Eltern und Kindern zu erfüllen. Die Einrichtung einer eigenen Oberstufe für die GMS ist mit vielen Risiken verbunden und nicht dazu geeignet, die GMS zu einer starken zweiten Säule neben den allgemeinbildenden Gymnasien werden zu lassen.

In den Teilprojektgruppen hörte man öfters die Forderung „Wer bei der Einführung der GMS A gesagt hat, muss jetzt auch B sagen und eine eigene Oberstufe einrichten.“

Wir haben mit der Einführung der GMS in Tübingen den wichtigen und richtigen „ersten Schritt“ gemacht. Wir sind noch dabei den „zweiten Schritt“ zu machen, d.h. die Tübinger Eltern davon zu überzeugen, dass sie ihre Kinder mit Gymnasialempfehlung auf einer GMS anmelden.

Die Veranstaltungen zum Baustein I (Sek I – GMS) haben gezeigt, dass die Kolleginnen und Kollegen der GMS mit großem Engagement und großer zeitlichen Belastung daran arbeiten, ihre Schülerinnen und Schüler auf drei Niveaus zu unterrichten. Das Seminar für Lehrerbildung und die Gymnasien haben ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit bekräftigt.

Der „dritte Schritt“ wäre dann die Einrichtung einer eigenen Oberstufe. Die GMS haben dargelegt wie eine eigene Oberstufe aussehen soll. Diese Oberstufe ist nicht mit der Oberstufe an einem allgemeinbildenden Gymnasium vergleichbar. Die Organisation des Unterrichts muss neu erfunden werden und zwar von Kolleginnen und Kollegen, die noch nie in der Oberstufe unterrichtet haben und noch nie den zweijährigen Weg zur Abiturprüfung organisiert haben. Die Umsetzung der Vorschläge und Ideen würde noch mehr Engagement und zeitlichen Aufwand für die Kolleginnen und Kollegen der GMS bedeuten. Diese Kolleginnen und Kollegen haben jetzt schon eine überdurchschnittliche Arbeitsbelastung. Eine Oberstufe ohne solides Fundament kann nicht gelingen.

Die Anmeldezahlen an den GMS gingen von 242 (im Jahr 2013) auf 190 (im Jahr 2016) zurück, obwohl die 22 Anmeldungen an den Realschulen wegfielen. Die Anmeldezahlen an den Gymnasien stiegen in diesem Zeitraum geringfügig.

Dieser Trend ist nicht dadurch aufzuhalten, dass man den Eltern der Grundschule eine Oberstufe verspricht, von der noch niemand weiß, wie sie aussehen soll und wer dort unterrichten wird. Vielmehr müssen wir den Eltern zeigen, dass ihre Kinder auf dem Weg zur Oberstufe in den GMS sehr gut aufgehoben sind und dort auf gymnasialen Niveau unterrichtet werden. Die im Projektbericht beschriebene Kooperation mit dem Seminar für Lehrerbildung und den Gymnasien in den Klasse 5 bis 10 muss sichtbarer werden.

Während des Projektes wurde sehr deutlich, dass der Weg über die beruflichen Gymnasien und die allgemeinbildenden Gymnasien ein machbarer Weg für die Schülerinnen und Schüler der GMS zum Abitur in einer 9-jährigen Schulzeit ist.

Die beruflichen Gymnasien haben schon viel Erfahrung in diesem Bereich, und die allgemeinbildenden Gymnasien freuen sich auf viele leistungsstarke und motivierte Schülerinnen und Schüler und betrachten diese als Bereicherung für die Oberstufenklassen  und -kurse. Da sich diese Schülerinnen und Schüler ihren Interessen entsprechend auf alle allgemeinbildenden Gymnasien verteilen werden, müssen dort weder zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden, noch müssen dort neue Unterrichts- und Fachräume gebaut werden.

Häufig wurde die Frage gestellt: Warum sollen Eltern, deren Kinder eine Gymnasialempfehlung haben, diese auf einer GMS anmelden, wenn sie die letzten drei Jahre vor dem Abitur auf ein allgemeinbildendes Gymnasium gehen müssen?

Antwort: Die GMS ermöglichen längeres gemeinsames Lernen. Für die Lerninhalte, die an den Gymnasien in 5 Jahren behandelt werden, haben die Kinder an den GMS 6 Jahre Zeit und können von allen Vorteilen profitieren, die die GMS durch andere Unterrichts- und Lernformen bieten.

 

Risiken einer eigenen Oberstufe für die GMS:

  1. Das vorgeschlagene eigenständige Oberstufenkolleg ist im Schulgesetz nicht vorgesehen.Sollte es trotzdem genehmigt werden, wird es schwer sein, eine Schulleiterin oder einen Schulleiter zu finden. Diese Stelle wird im Gegensatz zu den Gymnasien (aufgrund der Schulgröße) nicht nach A16 sondern nach A15 besoldet.

2. Für die Leitung der Schule stünden in den ersten zwei Jahren nur 8 und ab dem dritten Jahr 11 Nachlass-Stunden zur Verfügung. Bei einer eigenen Unterrichtsverpflichtung von ungefähr 20 Wochenstunden müssen die Mitglieder der Schulleitung den Unterricht in einer Schule organisieren, für die es kein Vorbild gibt. Der Unterricht der Schulleitungsmitglieder muss zu einem großen Teil an anderen Schulen erteilt werden, da es an der eigenen Schule nicht genügend Einsatzmöglichkeiten geben wird.

3. Nach dem Schulgesetz kann eine GMS eine Oberstufe einrichten. Entscheidet man sich für eine der drei GMS hat dies sicher Auswirkungen auf das Anmeldeverhalten der Eltern an den anderen zwei GMS. Werden diese dann zu „Restschulen“?

4. Da wegen der unterschiedlichen Organisationsformen eine Kooperation mit den anderen Gymnasien in der Oberstufe nicht möglich ist, wird das Fachangebot für die Schülerinnen und Schüler sehr eingeschränkt sein. Es ist unsicher, wie viele Schülerinnen und Schüler der GMS deshalb an ein allgemein bildendes Gymnasium wechseln werden, die in Tübingen das ganze Spektrum an Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stellen.

5. Die Lehrkräfte mit einer Lehrbefähigung für das Gymnasium müssen zusätzlich zu der enormen Arbeitsbelastung durch Arbeitsgruppen und Konferenzen an mindestens zwei Schulen eingesetzt werden, da es an der Oberstufe nicht genügend Einsatzmöglichkeiten gibt. Dies führt zu einer weiteren Belastung im Vergleich zu den Lehrkräften an den Gymnasien.

6. Werden sich unter diesen Bedingungen viele Lehrkräfte finden, die diese Mehrarbeit auf sich nehmen wollen? Muss das Regierungspräsidium „Zwangsversetzungen“ vornehmen, um die Versorgung mit gymnasialen Lehrkräften zu gewährleisten?

 

 

 

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