Hausbesetzung! Nun die zweite in Tübingen nach einem Jahr. Und die Zweckentfremdungs-Satzung frisch auf dem Tisch. Wenn das nicht klar macht, dass hier Wohnraum fehlt.

Am 27. Oktober besetzten etwa 30 Aktivisten das seit einem halben Jahr leer stehende Haus Wielandshöhe. Die Eigentümer, die Evangelische Diakonie-Schwesternschaft Herrenberg/Korntal, wollten das denkmalgeschützte Haus verkaufen, allerdings nicht an die Stadt Tübingen. Aber ein anderer Käufer fand sich bisher offenbar nicht.

In den holzgetäfelten Räumen ging es während der Besetzung zivilisiert zu. “Seid respektvoll! Bitte nicht vollschmieren, randalieren, vollmüllen, rauchen,” mahnen selbst geschriebene Zettel an den Wänden. Das hier ist keine Party! Sondern ein politisches Signal und ein Hilferuf vieler Studenten, die manchmal zwei Stunden aus dem Hinterland anfahren müssen, weil in der Stadt keine Buden zu finden sind. Natürlich will Ernst Gumrich, Fraktionsvorsitzender der Tübinger Liste, nicht, dass Besetzungen um sich greifen. Aber dass es zu einer solchen Aktion kommen müsse, spreche für sich.

Wenn Sepp Buchegger die “Kuschel-Besetzung” karikiert, sanft und sauber, ohne Rangeleien mit der Polizei, im Gegensatz zu den wilden 1970er Jahren, dann wagen sich auch brave Bürger aus der Reserve. Baubürgermeister Cord Soehlke äußert sich ebenfalls konstruktiv und keineswegs entrüstet: ein Dialog zwischen Oberin und Besetzern solle die Lösung herbeiführen. Er sei weiterhin daran interessiert, in dem Gebäude Flüchtlinge und Studenten unterzubringen und die Verhandlungen wieder aufzunehmen.

Interessant: einige Gebäude in Tübingen wurden von Hausbesetzern geradezu “gerettet.” So in der Ludwigstraße, Schellingstraße und am Schimpfeck. Auch die Existenz der Wagenburg hinter dem Französischen Viertel wurde so erkämpft. Vor einem Jahr, am 24. Oktober, machten Besetzer auf das seit zehn Jahren leer stehende Haus Gartenstraße 7 aufmerksam.

gartenstr7

Die Chronik der Tübinger Hausbesetzungen lesen Sie hier

soehlkehausbesetzer

“Die interessierten Initiativen sollten eine “ernste Chance” bekommen, sich zu bewerben,” schreibt Philipp Koebnik zum besetzten Haus auf dem Österberg im Schwäbischen Tagblatt vom 29. Oktober. <<Es soll also nicht an den Meistbietenden vergeben werden. Die Oberin betonte aber: “Als gemeinnütziger Träger dürfen wir nicht unter Wert verkaufen.” Die Einigung steht unter dem Vorbehalt, dass die Gremien der Schwesternschaft zustimmen. Mit den Aktivisten wolle man in Kontakt bleiben. Diese werteten die Einigung als Erfolg. Nun hätten nicht nur große Investoren, sondern auch kleinere Initiativen eine Chance. Bei den Mitgliedern des Gemeinderats stieß die Besetzung auf ein geteiltes Echo. Es sei “eine Provokation, das Haus so lange leer stehen zu lassen, ohne zu sagen, wie es weitergehen soll”, so Ernst Gumrich (Tübinger Liste). Die Besetzung sei “als politisches Zeichen legitim”. Generell jedoch könne er Besetzungen nicht gutheißen.

“Es ist ein Unding, dass Häuser leer stehen”, sagte Susanne Bächer (AL/Grüne). Für die Aktion habe sie deshalb Verständnis. Das vom Gemeinderat beschlossene Zweckentfremdungsverbot solle Leerstände dieser Art künftig verhindern.

Er verstehe, dass die Aktivisten ein Zeichen setzen wollten, sagte Martin Sökler (SPD). Dennoch sei es eine Straftat. Mit Verweis auf das Zweckentfremdungsverbot betonte er: “Legale Mittel sind besser als illegale.” Auch Rudi Hurlebaus (CDU) kritisierte die Aktion – und das Zweckentfremdungsverbot. Er befürchte, dass diese Verordnung weiteren Besetzungen Vorschub leiste.>>

 

Diesen Beitrag teilen