Ein bisschen Bohnenberger hat doch jeder in der Tasche 

“Eine himmlische Entscheidung” nennt Kommentator Wilhelm Triebold den Entschluss, die 200 Jahre alte Sternwarte auf dem Schloss zu restaurieren. Es war uns immer peinlich, Besuchern zu erklären, dass da oben auf prominenter Bastion ein Dornröschen unter hässlichem grauem Plastik schlummere. Jahrzehnte lang schon…

Und nun wird unsere weltweit unerkannte Tübinger Berühmtheit endlich in Wert gesetzt. Zwei Ernsts sei Dank: dem Leiter des Museums der Universität Tübingen, Ernst Seidl und Ernst Gumrich, dem Vorsitzenden der Tübinger Liste. Sie haben über Jahre nicht locker gelassen!

Das verborgene Fernrohr des Astronomen Johann Gottlieb Friedrich Bohnenberger kennen bis heute nur Insider. Aber eine Erfindung dieses Tübinger Forschers ist allgegenwärtig: als Gyroskop in jedem Smartphone begleitet es uns täglich. Das iPhone 4 zeigte uns Konsumenten als erstes, was damit möglich ist: das Bild dreht sich, wenn wir das Gerät drehen.

Eigentlich sollte der neue Apparat nur eine «merkwürdige Bewegung in unserem Sonnensystem» veranschaulichen: eine Art Torkeln der Erdachse. Niemand würde sich dafür interessieren außer vielleicht ein paar Astronomen, schrieb der Erbauer des Apparats, Johann Bohnenberger 1817 in den «Tübinger Blättern für Naturwissenschaften und Arzneykunde».  Freunde hatten den Professor dazu gedrängt, seine Erfindung endlich publik zu machen. Einen Namen bekam die «Maschine von Bohnenberger» jedoch erst Jahrzehnte später in Frankreich von Léon Foucault: Gyroskop oder zu Deutsch Kreiselinstrument.

Anders als das Telefon oder die Glühbirne, die Alexander Bell und Thomas Edison zu Berühmtheiten gemacht haben, tun Gyroskope ihren Dienst im Verborgenen – so bescheiden wie ihr Tübinger Erfinder. Zur Kenntnis nimmt man sie nur, wenn sie einmal den Dienst quittieren, wie vor Jahren die Gyroskope des Hubble-Weltraumteleskops.

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“Die Vermessung der Welt von der Tübinger Warte aus

Tübingen, die Stadt der Sterndeuter: Von hier aus wurde schon immer der Blick nach ganz oben gerichtet. Nach Höherem, nach den Zeichen und Zeichnungen am Firmament. Stöfflers astronomische Rathausuhr, der Stiftler Kepler, Wilhelm Schickard – und immerhin vier Sternwarten stehen dafür.

Mitte des 18. Jahrhunderts ließ Herzog Carl Eugen die barocke Schlosssternwarte installieren, aus der schließlich Bohnenbergers Observatorium hervorging. Auf der anderen städtischen Höhe, dem Österberg, versuchte Anfang des 20. Jahrhunderts der Astro-Physiker Hans Rosenberg ein privates Himmelsfernrohr dauerhaft einzurichten, auch im Vorgriff auf eine größere “Kepler-Sternwarte”, aus der wegen der Finanzkrise in der Weimarer Zeit aber nie was wurde. Rosenberg musste dann als Jude flüchten. Und schließlich die Volkssternwarte Waldhäuser Straße, bis heute von der Astronomischen Vereinigung unterhalten und ansonsten zum Esslokal umgewidmet.

Eine (Garten-)Wirtschaft befand sich auch einmal auf jenem dem Schloss vorgelagerten Platz, auf dessen sicheren Boden Johann Gottlieb Friedrich Bohnenberger seine Sternwarte vom leicht schwankungsanfälligen Nordost-Turm der Schlossanlage auslagerte. Mag Tübingen auch den Landesmittelpunkt im – jetzt als Sarchhalde heftig umkämpften – Elysium vermuten: Seinen geografischen Nullpunkt fand Baden-Württemberg sicherlich in Bohnenbergers Turmzimmerchen, von dem aus er die Landesvermessung auf eine neue, noch heute gültige Grundlage stellte.
Diese Vermessungsreform jährt sich im kommenden Jahr zum 200. Mal. Darauf zielten bislang alle Versuche ab, das dahinsiechende Bohnenberger-Gehäuse im Schlossgarten rechtzeitig zu renovieren oder gar inwendig zu reparieren. Der Anfang, siehe den nebenstehenden Artikel, ist gemacht. Ob das noch reichen wird bis zu den offiziellen Feierlichkeiten, ist allerdings fraglich…”

“…Im “Neuen Nekrolog der Deutschen”, dem akademischen Nachruf-Periodikum von 1831, ist nachzulesen: Als Bologna den begehrten Gelehrten abwerben und König Friedrich ihn halten wollte, da war Bohnenbergers einzige Bedingung, um zu bleiben, die “Herrichtung der Tübinger Sternwarte”. Jetzt wird ihm der Herzenswunsch noch einmal erfüllt.”

Wilhelm Triebold, Schwäbisches Tagblatt vom 3. November 2017

Das Bohnenberger-Observatorium, ein europaweit längst einzigartiges Sterngucker-Denkmal, wird endlich in seiner Bedeutung erkannt und aus dem Dornröschenschlummer geweckt.

Wachgeküsst haben es viele: Die Uni, allen voran die Astronomen und der immens rührige Museumschef. Das Bau- und Vermögensamt, das nach Kräften mitzog. Die Stadt. Einige Landespolitiker wie die SPD-Abgeordnete Rita Haller-Heid, die eine essentielle Förderung in Stuttgart in die Hand nahm und dann auf die Zielgerade brachte. Hubert Wicker schob das Projekt dann endgültig bei der Landesregierung über die Ziellinie. Frieder Miller vom Schwäbischen Heimatbund hielt das Thema ständig und mit seiner einmaligen Hartnäckigkeit lebendig. Und Privatleute wie der kundige Alfons Renz oder der Tübinger Stadtrat Ernst Gumrich – wackere Kämpen für die Restaurierung.

Bild: nzz, zzs

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