UnterjesiColl
Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte. Oder: dann haben es Land und Bund mit einer Lösung für die B 28 auch nicht eilig. Seit fast 30 Jahren geht das nun schon, das Gezackere mit der Ortsumgehung. Unterjesingen wird fast erwürgt von den täglich 22.000 Fahrzeugen auf der Jesinger Hauptstrasse (B 28) und den zusätzlichen 6.000 von und nach Rottenburg. Aber im Ort war und ist man sich von je her uneins über die beste Lösung. Das lähmt, das schwächt und verschafft den Politikern ein Alibi, die sowieso kein Geld oder andere Prioritäten haben. Noch nicht einmal Lärmschutzmassnahmen oder die Sicherung besonderer Gefahrenstellen wurden durchgeführt. Erst die kürzliche Drosselung auf Tempo 30 hat für ein ganz klein wenig Entspannung gesorgt.
So war es nicht verwunderlich, dass ein guter Teil unseres fast dreistündigen Ortsrundgangs am 14. April Verkehrsthemen gewidmet war. Wie verläuft die Trasse der seit Kurzem favorisierten Galerie-Lösung, wie könnte der Schallschutz aussehen, wie viele Fahrzeuge würde die B28/neu im Neckartal abziehen, welche Entlastung bringt der Ausbau der Ammertalbahn? Wir können die seit dem letzten Gutachten neu entflammten Diskussionen hier nicht nachzeichnen, sie sind in der Presse nachzulesen. Aber eins ist sicher: die (Er-)Lösung kann keine weiteren 30 Jahre auf sich warten lassen. Es ist bewundernswert, dass Ortsvorsteher Michael Rak angesichts der Verkehrsmisere nicht längst kapituliert hat, mit welchem Mut der Verzweiflung er sich für die Umgehung zwischen Bahntrasse und Ammer einsetzt.

Dabei könnte alles so schön und harmonisch sein wie in den Prospekten angepriesen: Ausspannen in reizvoller Natur, bei Wein und Kunst. Unterjesingen hat 2500 Einwohner, eine Grundschule, eine Kirche, ein Museum, zwei Hotels, drei Kinderhäuser, Wohngebiete im Grünen, fünf Gaststätten, acht Besenwirtschaften, 13,5 Hektar bestockte Rebfläche, 22 Vereine und 51 Gewerbebetriebe. Zum Einkaufen muss man allerdings in die Märkte im benachbarten Pfäffingen oder nach Tübingen.

Die Schulentwicklung sehen Michael Rak und unser Begleiter Ulrich Seibold vom Ortschaftsrat mit einiger Sorge. Vor Jahrzehnten wurde die Grundschule für 200 Schüler gebaut, heute besuchen sie gerade noch 62. Da es keine Grundschulpflicht am Wohnort mehr gibt, schulen viele Eltern ihre Kinder lieber im nahen Tübingen ein, z.B. in der Französischen Schule. Auch die preiswerten Höchstsätze in Tübingen sorgen für Konkurrenz, die in manchen Teilorten als unlauter empfunden wird.

Und auch in Unterjesingen hören wir das Lied von den versprochenen, vertagten und verzögerten neuen Wohngebieten, von der Verdichtung innerorts und dem Generationenwechsel in den Alt-Neubaugebieten der Siebziger und Achtziger Jahre. Schon 2002, so Michae Rak, sei Unterjesingen das nächst fällige Baugebiet versprochen worden. Dann habe man 2004 den Rahmenplan für zwei Wohnbaugebiete vorgelegt, das Jesinger Loch und Dörnle 1 und 2. Doch andere Teilorte seien vorgezogen, Unterjesingen ein ums andere Mal vertröstet worden. Nun wird erneut und mit Macht die Baufreigabe für die 2,2 Hektar im Jesinger Loch gefordert, der neue Flächennutzungsplan gebe dies eindeutig her. Auch in Unterjesingen wird die Erschliessung via Zwischenerwerb durch die Stadt befürwortet. Schon jetzt läuft das gesetzliche Umlegungsverfahren für die Nachverdichtung in einem Gebiet nördlich der Hauptstrasse. Hier sollen ca. 15 neue Bauplätze geschaffen werden. Für ein städtisches Grundstück auf diesem Areal liebäugeln die Unterjesinger Verantwortlichen mit einem modernen Seniorenheim.

In den Ammer-Auen lernten wir einen neuen Begriff kennen: “Faunistisches Zielartenkonzept”. Mit diesem Wortungetüm wird begründet, dass demnächst der gesamte Baumbestand an der Ammer -Erlen, Weiden, Pappeln, Büsche – kurzerhand umgesäbelt wird. Der Grund: das bedrohte Braunkehlchen soll wieder angesiedelt werden. Ob eine einzelne Vogelart einen so massiven Eingriff in eine gewachsene Landschaft und die Vernichtung des Habitats vieler anderer Vogel-, Tier- und Insektenarten rechtfertigt? Wieder einmal ein typisches Experten- und Gutachterthema, bei dem den Laien großes Unverständnis erfasst.

Doch jenseits aller Probleme: am 1. Mai wollen wir das Isinger Ortsmuseum kennen lernen und ein ordentliches Viertele von den heimischen Hängen geniessen. Kein anderer Ort weit und breit hat wieder 28 Wengerter und 13,5 Hektar beste Reben zu bieten. Darauf: sehr zum Wohle!

Gebhart Höritzer, Sonja Knöller, Oliver Kiefer, Ernst Gumrich, Claudia Braun, Klaus Dieter Hanagarth und Reinhard von Brunn bedanken sich bei Michael Rak und Ulrich Seibold für diese aufschlussreiche
Tour d´Unterjesingen.

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