Neckarbogen

Aktuell: 5800 NeubürgerInnen pro Jahr. Weiter so? Und die Infrastruktur??
Eindruck von der Veranstaltung zum Wohnprojekt Neckarbogen am 8.10.14

Großer Andrang, als ich in den Silchersaal des Museums komme. Im ersten Saal Stehtische, umringt von Menschen, Mitarbeiter im Gespräch mit Interessenten (Kosten? Reservierung?), Formulare werden ihnen entrissen, auf denen Kunden ihre Adresse hinterlassen können. Eifrig wird in Mappen geblättert, Hochglanzbroschüren überall, ein Modell der Neubebauung steht da, das Büffet wartet, ein Bildschirm leuchtet, abrufbereit die einzelnen Neubauten. Beinahe als wäre hier schon Ausverkauf.
Für Eigentumswohnungen.
Gut gefüllte Stuhlreihen, als der Vortrag im Saal nebenan beginnt. Der Moderator gibt den vielen Projekt-Beteiligten das Wort. Sicher, viele Rädchen müssen ineinanderlaufen, bis so ein Projekt steht. Davor habe ich schon Respekt. Die Bebauung ist dicht, doch nicht so krass wie im geplanten Güterbahnhof.
Aber einer der ersten Redner leitet dann ein mit: Erst in den letzten Tagen versprach Herr Draghi eine Billion in den Markt zu geben, das heißt für Sie: lieber schöner wohnen als Geld verdienen, sorry, ähm, Geld verlieren.
Genau dieser Satz – trotz dem Freudschen Versprecher, der einige zum Schmunzeln brachte – macht mich plötzlich bedrückt: Hier schlägt die EU-Finanzpolitik mit einer Wucht in unser mittelstädtisches Tübingen, verursacht einen Immobilienhype, drückt mit der ganzen Markt- und Geldmacht derer, die, wie wir hier ja bewerbend hören, nicht die Dummen sein wollen, herein. Denn diese schleichende Geldentwertung bei Sparguthaben gab es noch nie. Die fragwürdige, brisante EU-Finanzpolitik, die genauso wie in usa in einer Immobilienblase enden kann, wird nicht hinterfragt. Bald werden die gut verschnürten Kreditpakete der Banken wieder rund um den Erdball wandern.
Es ist im Folgenden nur schwer erträglich, wie unser Tübingen als grelles Werbeposter mit Marktplatz, Neckar, Altstadt, Uni, um die Preise zu sichern, geschwenkt wird. Schon wird noch mit irgendeinem Ranking von Immobilien-Zeitschriften gewedelt…
Mir wurde das alles zu viel. Ausverkauf  Tübingens?
Ich musste raus. Das hat nichts mehr – bei dem dauernden Geschrei gen Wohnungsnot – mit den Tübingern zu tun, eher mit dem vielen volatilen Geldvermögen, dem gemachten Hype.
Immer wieder habe ich die Berücksichtigung der Infrastruktur gepredigt, aber das hören Architekten nicht. Auf dem Ohr sind auch die vielen Geldanleger und Fonds nebst der Stadt taub. Jeder Neubau und Neubürger bringt Geld in die Kassen.
Am Beispiel ‚Neckarbogen‘: Wie fahren die Neubürger denn rein und raus? Bismarckstraße, Schaffhausenstraße, wirklich dafür ausgelegt? Und an der Blauen Brücke, dürfen sie bald nur noch links abbiegen? Und was, wenn sie auf die andere Seite der Stadt wollen? Fahren sie die Riesenschleife übers Lustnauer oder Weststadt-Wohngebiet? Es gibt nach dem Willen der Verwaltung bald nur noch zwei Achsen. Dasselbe gilt für den Güterbahnhof.
Kann Geld noch unsere zweigeteilte Stadt mit den komplizierten Verbindungsadern retten? Wir werden massive Mehrlast haben, die Talbewohner dürfen ausbaden, was uns Draghi und ein bereitwilliges Bauamt einbrockt, ein großer Verlust an Lebensqualität.
Warum wird das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt? Warum nicht: Erst eine für alle vertretbare Infrastrukturlösung schaffen (etwa bei allen Projekten >100 Wohnungen), dann erst Bebauung erlauben?
Ich wünschte mir einen Herrn Palmer, der hier mal gegen den Strom rudert, wie er es mit seiner Weigerung, das bekannte Superauto der Schwaben zu fahren, getan hat. Hype und die Blase verstärken – nein danke, nicht bei uns! Wir bauen trotz Druck nicht großstädtisch, das verträgt Tübingen nicht. Aber es zeigen sich so viele andere Farben bei ihm als die grüne. Er, der im Protest gewachsen ist, schwimmt inzwischen wohl lieber mit der großen Welle, oder? Und unser Gemeinderat? Führt er wie ein guter Lotse oder wird er gelenkt?

Rose Bienia

 
Hier der Bericht aus der Tagespresse: sie kamen, sahen und kauften…

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