6. November 2018

Alibi oder echte Alternative?

Der gestrige Workshop mit dem Titel „Alternative zur Innenstadtstrecke Tübingen der Regional-Stadtbahn“ sollte neue Ideen hervorbringen. Mit Ernst Gumrich und Christian Wittlinger waren auch zwei unserer Stadträte mit von der Partie.

Wenn Herr Soehlke zum Schluss der zweieinhalbstündigen Veranstaltung nicht noch einen ganz bestimmten Satz gesagt hätte, wäre der Workshop vielen wohl als Alibi-Event in Erinnerung geblieben: „Sie wissen ja, dass ich Innenstadtbahn-Kritiker bin …“.

Da er das aber so gesagt hat, besteht Grund zur Hoffnung. Zumindest ein bisschen. Denn es scheint so, als könne man die Frage „Gibt es eine Alternative zur Innenstadtbahnstrecke?“ nun tatsächlich mit „Ja, und es lohnt sich, diese auch zu diskutieren und zu prüfen!“ beantworten. Ein Dutzend Experten, einige Stadträte und zehn ausgeloste Bürger im Sitzungssaal des Technischen Rathauses sahen das ganz ähnlich wie Tübingens Baubürgermeister.

Neben einer Seilbahn (Westbahnhof – Kliniken) wurden neuartige Bussysteme wie Bus Rapid Transit (kurz BRT, auch Busway, dabei fahren die Busse auf baulich getrennten Spuren) und eine schienenlose Stadtbahn (eine Art superlanger Bus, wie er z.B. Im französischen Metz fährt) ins Gespräch gebracht. Völlig klar schien den meisten Diskussionsteilnehmern, dass Tübingen eine neue Lösung für die hochfrequentierte Strecke hoch auf den Schnarrenberg braucht und der motorisierte Individualverkehr durch die Stadt weniger werden muss. Zeitgemäße Park&Ride-Systeme wären gut – mögliche Standorte wurden aber nicht diskutiert. Insgesamt blieb das meiste recht unpräzise.

Einigen Teilnehmern fiel es sichtlich schwer, sich ans vorgegebene Thema des Workshops zu halten. So rutschten immer wieder Pro-Stadtbahn-Argumente raus – obwohl es an diesem Tag um Alternativen gehen sollte. Leider zerfaserte das Gespräch immer wieder in Nebensächlichkeiten (kleine Shuttles, Car-Pooling, Elektro-Scooter etc.) – die sowohl mit als auch ohne Stadtbahn ihre Berechtigung haben werden, aber eben keine Alternative sind – sondern notwendige Ergänzungen. Ob wir 2030 schon autonom oder noch selbstlenkend fahren, spielt bei der Suche nach einer Alternative (mit ähnlicher Transport-Kapazität) keine Hauptrolle. Diesen Punkt hatten einige der Workshop-Teilnehmer ganz offensichtlich nicht so richtig verinnerlicht.

Was bleibt, ist die Frage, wie es nun in Sachen Alternative weitergeht. Wenn die Stadtverwaltung glaubwürdig sein will, braucht sie nun nicht nur interessante Folgeveranstaltungen, sondern auch ein entsprechendes Budget für die Ausarbeitung konkurrenzfähiger Konzepte ohne Schienen durch die Altstadt.

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Das Schwäbische Tagblatt vom 9. November schreibt u.a.:

<<“Tübingen muss seine Verkehrsachsen neu denken.”

 Am 20. November sollen die Ergebnisse öffentlich vorgestellt werden.

Mehrere Fahrgastkabinen sind zu einem “Zug” hintereinander gekoppelt, mit Reifen, ohne Schienen. Sie fahren vom Tübinger Hauptbahnhof durch die Innenstadt hoch zu den Kliniken auf dem Schnarrenberg und zur Universität Morgenstelle. Dort bleiben ein paar Kabinen, andere fahren weiter zum Technologiepark auf der Oberen Viehweide und nach Waldhäuser Ost. Die Kabinen können unterschiedlich groß sein. Sie werden autonom gesteuert. Und auch wann wie viele von ihnen auf welcher Strecke sein müssen, wird von einem Algorithmus berechnet. Noch ist es eine Vision. Sie ist ein Zwischenergebnis des ersten Workshops zu Alternativen der Stadtbahn am Dienstag.

Zunächst habe man sich auf Grundsätze geeinigt, so Soehlke. Eine Alternative zur Stadtbahn …

  • “muss eine ÖPNV-Lösung sein”. Viele Modelle des autonomen Fahrens würden nur den Individualverkehr verstärken.
  • wird modular sein, also nicht die eine Lösung anbieten.
  • baut auf dem – weiter entwickelten – Busverkehr auf.
  • baut auf den Außenstrecken der Regionalstadtbahn auf.
  • soll flexibel auf Wachstum der Stadt oder auch Stagnation oder Schrumpfen anpassbar sein.
  • soll eine Lösung für möglichst viele Menschen bieten. Denn von täglich 50000 Einpendlern in Tübingen wohne nur ein Viertel direkt an den Regionalstadtbahnlinien und wolle zugleich zu einem Ziel an der Innenstadtstrecke, so Soehlke.

Die “schienenlose Straßenbahn”, wie Soehlke die Vision nannte, passe sich flexibel den ständig verändernden Bedürfnissen an. Sie sei eine Mischung aus Bahn und Bus sowie neuen Formen der autonomen E-Mobilität. In solchen “Hybridformen” liege die Zukunft. Sie seien spätestens in den 2030er Jahren realistisch.

Und das Umsteigen als Argument für die Schienenstadtbahn? Wichtiger als das Sitzenbleiben in einem Fahrzeug sei, so die Experten in Soehlkes Zusammenfassung, der Komfort des Umstiegs und die Verlässlichkeit der Anschlüsse. Eine schienenlose Bahn könnte wie die mit Schienen auf “Gleis” Null des Hauptbahnhofs starten.

Voraussetzung für jedes ÖPNV-System ist die Vorfahrt vor dem Individualverkehr. Deshalb müssen Fahrspuren auf den Straßen für die Kabinenfahrzeuge freigehalten werden – wie heute die vereinzelten Busspuren. Ob Schiene oder nicht: In beiden Fällen müssten die Autos aus der Mühlstraße heraus, sagte Soehlke. Und noch etwas sei wichtig: “Tübingen muss seine Verkehrsachsen neu denken.” Schon jetzt müsse nicht jeder Bus über die Neckarbrücke und durch die Mühlstraße fahren.

Im Sinne neuer Achsen könne auch eine Seilbahn vom Westbahnhof auf den Schnarrenberg und möglicherweise weiter zu WHO denkbar sein, so der Baubürgermeister. Doch bei einer Seilbahn gebe es immer Probleme mit den Überfahrrechten über Grundstücke.

Auch Fahrräder und neue Formen der sogenannten Mikromobilität wie Kickroller sollen laut Soehlke berücksichtigt werden. Einige seien sich die Experten im Workshop gewesen, dass die Alternativen zur Stadtbahn keine Seifenblasen seien, sondern in den nächsten Jahren im Rahmen eines Paradigmenwechsels der Mobilität kämen. Und dass Tübingen sie möglichst genau mit Verkehrssimulationen und Kostenschätzungen “wie bei einer Standardisierten Bewertung” erarbeiten soll. Bis Ende 2020 soll das geschehen, bis zum Bürgerentscheid. Soehlke sagte als Befürworter von Alternativen: “Ich bin nicht euphorisch, aber vorsichtig optimistisch.”

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