Die vier wichtigsten Informationen des “Pro Regio Stadtbahn e.V.” vom 14. November 2018:

1. Ohne den Abschnitt Schnarrenberg-WHO ist die Innenstadtstrecke der Regionalstadtbahn weder wirtschaftlich noch förderungswürdig.
2. Für Tübinger bleibt nur der VERMUTETE Nutzen von etwas weniger Autoverkehr, denn die Bahn bedient nur einen Teil der Buslinien 3,4,5 und 13. Andere Strecken sind nicht vorgesehen.
3. Nur mit von der Deutschen Bahn unabhängigen Gleisen kann die Regionalstadtbahn pünktlich funktionieren.
4. Keiner hat bislang eine Lösung zum Nadelöhr Mühlstraße: “Da müssen wir noch viel nachdenken.”

Die Stadtverwaltung stellte das  Technische Rathaus am 14. November dem Verein ProRegio zur Verfügung. Allerdings platzte der für 80 Besucher ausgelegte Saal aus allen Nähten. Mikro gab es nicht. Rund 100 Senioren (mehrere mit Hörproblemen) und ein paar jüngere Tübinger fanden sich ein. Darunter drei Vorsitzende der Gemeinderatsfraktionen SPD, Grüne, FDP (C. Joachim und D. Schöning gleichzeitig im erweiterten Vorstand des Vereins) und mehrere technikversierte Mitglieder von ProRegio. Die fünf Mitglieder der Tübinger Liste wurden vom grünen Christoph Joachim scherzhaft als “Hardcore-Gegner” begrüßt. Hausherr Soehlke hatte einen wichtigeren Termin in Ulm.

Der eingeladene Referent, Dipl.-Ing. Andreas Berk, berichtete aus seiner beruflichen Erfahrung in Heilbronn, Saarbrücken und Weil am Rhein. Berk machte klar: Es braucht vor Baubeginn jahrelange Planung und Jahre, bis alle Leitungen unter und über der Trasse ver- und umgelegt sind. Erst dann kann der Gleisbau beginnen. Knappe drei Jahre soll das Ganze dauern: ungläubiges Staunen! Relativ viel privater Autoverkehr blieb in den genannten Innenstädten erhalten, trotz der viel beschworenen Umsteigefreiheit. Im Werbefilm für “die moderne Stadtbahn” aus Heilbronn wurde noch mit D-Mark gerechnet.

Keines der Beispiele war überzeugend ähnlich wie Tübingen. In Heilbronn gab es Raum entlang der Bahn, den man gestalten konnte, Saarbrücken ist doppelt so groß und Basel verfügt mit Weil am Rhein über ein ganzes Netz von Stadtbahnlinien. Nirgendwo mussten für eine einzige nur 8 km lange Sackgassen-Linie zwei Brücken gebaut, so enge Straßen durchquert und Hügel erklommen werden.

Jochen Gewecke, Vorsitzender von ProRegio moderierte als Anwalt der Innenstadtstrecke und versuchte dennoch, alle kritischen Fragen schon vorneweg in den Raum zu stellen. Das gab den Gefährten vom Verein gute Gelegenheit, mit Detailwissen zu punkten. Über Geld wurde kaum gesprochen. Neue leise Wagen werden erst entwickelt, der Bahnhof muss umgebaut werden, Gummiprofile gegen Radunfälle werden noch erprobt. Noch ahnt niemand, was an Betriebskosten anfallen wird.

Heiteres, ernsthaft:

  • Nach einem Lamento über die Verlässlichkeit der Deutschen Bahn stellte sich ein Besucher vor:”Guten Tag, ich bin Lok-Führer.”
  • Ein Sport-Redakteur: “Ich arbeite beim Tagblatt. Wie soll die Stadtbahn denn fahren?”
  • Ein Tübinger: “Warum legt Karlsruhe die Stadtbahn unter die Erde?” ProRegio: “Man kam nicht mehr auf die andere Straßenseite wegen der GELBEN WAND. So schnell und so viele Bahnen kamen hinter einander.”
  • Berk: “Das Umsteigen von der Stadtbahn in den Bus wird durch intelligente Taktung erleichtert.” Hm, das Umsteigen?!
  • Tübinger Bürger: “Zu uns in die Altstadt kommt die Stadtbahn sowieso nicht. OB Palmer sagte am 18. September in der Hepper-Halle ja auch, dass wir Tübinger keinen Nutzen von dieser Pendlerbahn haben.” Darauf Gewecke sehr  laut: “Alles Ente! Ente! Ente!”
  • Christoph Joachim, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Gemeinderat und im erweiterten Vorstand von ProRegioStadtbahn: “Wir verteilen den Siedlungsdruck. Tübingen wird der wichtigste Platz zwischen Stuttgart und Zürich!”
  • Tübingerin: “Ich bin immer voll gepackt und muss den Busfahrer immer bitten, dass er nicht losfährt, bis ich meinen ganzen Krempel ausgeladen habe. Wie soll das in einer Stadtbahn gehen?” Bernd Strobel : “Wissen Sie, da gibt es einen Knopf. Den können Sie drücken!”
  • Student: “Wir sind lang wach. Fährt die Regionalstadtbahn auch nach Mitternacht im Stundentakt von Tübingen nach Bühl?” Gewecke darauf: “Wir wünschen uns alle den Himmel auf Erden!” Tübingerin: “So nehmen Sie die Frage doch mal ernst!”

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Und so sieht es das Schwäbische Tagblatt durch die Brille von Marco Keitel:

“Sorge um Radler in der Mühlstraße

Regionalstadtbahn Viele Tübingerinnen und Tübinger scheinen dem Projekt Stadtbahn nicht abgeneigt zu sein. Aber es gibt noch viele Fragen und auch Kritik. Das zeigte sich bei einem Infoabend.

Bei einem Vortrag am Mittwoch im Technischen Rathaus wurden Bedenken laut. Die Radfahrer im Saal konnte Andreas Berk direkt beruhigen. Der Projektleiter der Basler Verkehrs-Betriebe erklärte vor über 100 Interessierten, dass die Stadtbahn in der Schweizer Radfahrerstadt noch keinem Zweiradfahrer zum Verhängnis wurde: “Wir hatten in den letzten Jahren keine Unfälle, bei denen Radler über die Gleise gefallen und dann vor der Tram gelandet sind”, so der Diplom-Ingenieur.

Berk verglich die angepeilte Stadtbahn in Tübingen mit der bereits realisierten Bahn in Heilbronn, wo er ebenfalls Projektleiter war. Die Innenstadtstrecke Heilbronn und die geplante Tübinger Strecke sind mit sieben beziehungsweise acht Kilometern etwa gleich lang. Der Anteil der Stadtbahn am gesamten öffentlichen Nahverkehr steige in Heilbronn stetig, so Berk. Der Individualverkehr wurde dadurch eingedämmt: In den letzten 15 Jahren sei der Anteil von Autos am gesamten Verkehrsaufkommen von über 60 auf unter 50 Prozent gesunken….

…Eine Zuhörerin wollte lieber über die hiesige Stadtbahn reden: “Können wir mal zu Tübingen kommen?”, rief die Frau. Tatsächlich ging es in der anschließenden Diskussion um konkrete Fragen zum Tübinger Projekt. Viele sprachen sich grundsätzlich für eine Stadtbahn aus, übten aber Kritik an einzelnen Punkten des Vorhabens.

Ein zentrales Anliegen war die Situation in der Mühlstraße. In diesem Nadelöhr sei ja heute schon kaum Platz für Radfahrer. Sich begegnende Busse müssten häufig ganz am Rand fahren oder auf den Gehweg ausweichen, so ein Zuhörer. “Müssen Fahrradfahrer dann zwischen den Bahnschienen fahren?”

Obwohl die Bahnen breiter sind als Busse, werde man sogar mehr Platz im Begegnungsverkehr bekommen, antwortete Christoph Joachim vom Verein Pro-Regio-Stadtbahn: “Die Bahnen können näher aneinander ranfahren.” Zwischen Schiene und Bordstein werden dem Radhändler zufolge 1,30 Meter Platz sein. Genug also für die meisten Räder, sogar mit Kinderanhänger.

Ein Altstadtbewohner sprach der Stadtbahn jeglichen Nutzen ab: “Alles, was sie heute Abend gebracht haben, hat für mich zu null Prozent bedeutet, dass wir die Stadtbahn brauchen. Der Vergleich mit Heilbronn hinkt”, sagte der Mann. Dort verbinde die Stadtbahn Gebiete, die vorher getrennt waren. In Tübingen werde sie nichts verknüpfen, was nicht ohnehin schon mit Buslinien verbunden ist.

Auch zum Spaltmaß gab es einige Fragen. Würde der Abstand zwischen dem Einstieg der Bahn und dem Bahnsteig so groß sein, dass Rentner oder Kleinkinder Probleme beim Zu- und Aussteigen hätten? Nein, sagte Bernd Strobel von Pro-Regio-Stadtbahn. Die modernen Fahrzeuge hätten alle einen ausfahrbaren Schiebetritt. “Ich würde an dieser Stelle gerne anmerken, dass wir momentan in Tübingen keinen barrierefreien Nahverkehr haben”, fügte Jochen Gewecke hinzu. Das würde sich dem Mitglied des geschäftsführenden Vorstands von Pro-Regio-Stadtbahn zufolge ändern.

Barrierefreie Bahnsteige würden das Ende der Neckarbrücke bedeuten. Die Brücke könne sie nicht tragen. Dasselbe gilt laut Gewecke aber auch für barrierefreie Bussteige. “Die Neckarbrücke wird ohnehin nicht dauerhaft halten”, fügte Joachim hinzu. Da sei es nur sinnvoll, im Zug des Stadtbahn-Projekts eine neue Brücke zu bauen. Dann könne man auch ordentliche Radspuren einrichten und bekäme außerdem Zuschüsse, sagte der Radhändler.”

 

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