Tübingen gefällt sich als Vorreiter der Gemeinschaftsschulen. Kaum eine andere Stadt hat so gründlich Realschulen ausgemerzt. Folgerichtig hat die Stadtverwaltung Anfang April 2017 einen Antrag zur Errichtung einer dreijährigen Oberstufe an der Gemeinschaftsschule West beim Landratsamt eingereicht.

Dazu meinen wir – und nicht nur die Tübinger Liste – , dass die beruflichen Gymnasien und die Berufskollegs seit rund 40 Jahren erfolgreich Fachkräfte-Nachwuchs ausbilden. Die Hälfte all derer, die zum Hochschulstudium berechtigt sind, stammen aus beruflichen Schulen. Und jedes dritte Abitur wird an einem beruflichen Gymnasium abgelegt. Wozu also eine teure neue Oberstufe?

Das größte Problem liegt allerdings darin, dass wir jetzt noch einen weiteren Weg zum Abitur öffnen sollen: ein jeder kann, muss und wird Abi machen, obwohl es für ihn der falsche Weg ist. Und wenn jeder Abi hat, welchen Wert hat es dann noch? Dann müssen wieder neue Kriterien geschaffen werden.

Wir haben schon jetzt wunderbare Möglichkeiten, für jeden in seinem Tempo den mittleren Bildungsabschluss zu erreichen über Hauptschule 9+1, (Werkrealschule); GMS, Realschule (zweitstärkste Schulart in Baden-Württemberg), aber auch für „Spätzünder“ die zweijährige Berufsfachschule (9+2) oder „Frühzünder“sechsjähriges berufliches Gymnasium. Dieser Abschluss ist ein Meilenstein (mit Prüfung, man hat was geleistet!!!), dann kann man sich weiter orientieren.

Entscheidend der Meilenstein, dass Schüler aus verschiedenen Vorschulen mit unterschiedlichen praktischen und theoretischen Kenntnissen die gleiche Chance haben, in die berufliche Laufbahn einzuschwenken. Es gibt unzählige Beispiele von erfolgreichen Absolventen, die diesen Weg gegangen sind!

Eine weitere Alternative, die allerdings nur den GMS-Schülern vorbehalten ist, bringt keinen Mehrwert, sondern verwirrt. Es ist viel sinnvoller, genau die Übergänge zwischen Grund-Bildung und weiterführenden Schulen besser mit Mitteln auszustatten, als einer Sonderklientel in Tübingen noch etwas anzubieten.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Hier soll wohl eine unnötige Parallel- und Konkurrenzsituation geschaffen werden. Aber nicht nur das:

  1. Rückgang der gymnasialen Profile
    Alle einzügig angebotenen gymnasialen Profile (in Tübingen und Rottenburg sind dies 6 Profile) wären durch die Gemeinschaftsschul-Oberstufe (GMSO) gefährdet. Es ist davon auszugehen, dass mindestens ein Profil für die Tübinger Schülerinnen und Schüler entfällt. Dieses Risiko bestätigt selbst Prof. Dr. Thorsten Bohl, der das Forschungsprojekt “Oberstufe an Gemeinschaftsschulen in Tübingen” im Auftrag der Stadt durchgeführt hat.
  2. Verlust von Unterrichtsfächern
    Wahlpflichtfächer, Wahlfächer und Neigungsfächer können nur bei hohen Zahlen interessierter SchülerInne angeboten werden. Sie sind dann als mündliches oder schriftliches Abitur-Prüfungsfach wählbar, wenn der Unterricht durchgängig ab der Eingangsklasse besucht wird. Kleinere Schülerzahlen würden die individuelle Fächer-Auswahl einschränken. Zudem könnten die beruflichen Gymnasien in den Jahrgangsstufen 1 und 2, bedingt durch die Höchstwerte an Lehrerwochenstunden, ihr Fächerangebot nicht aufrecht erhalten. Davon betroffen wären beispielsweise die Fächer: Bildende Kunst, Musik, profilbezogenes Englisch, Literatur und Theater, Philosophie, Psychologie, Global Studies, Finanzmanagement, Wirtschaft und andere Sondergebiete.
  3. Weniger Fremdsprachen-Angebote
    Die Palette von Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Chinesisch an Tübinger beruflichen Schulen würde reduziert.
  4. Einschränkung der Angebotsvielfalt
    Voraussetzung zur Aufnahme in das Berufskolleg ist der Realschulabschluss, das heißt ein Großteil der Schüler müssten aus den Gemeinschaftsschulen des Landkreises kommen. Durch die GMSO würden sich die Schülerzahlen an den Berufskollegs verringern und die Auswahl an Pflichtfächern wie etwa Naturwissenschaften würde eingeschränkt. Denn auch hier handelt es sich zum Teil um einzügige Bildungsangebote wie Berufskolleg für Technische Assistenten oder für Gesundheit und Pflege. Berufskollegs bieten entweder die Möglichkeit für eine schulische Höherqualifizierung oder – wichtig! – einen besseren Einstieg in die Berufsausbildung.
  5. Der vermeintliche Mehrwert durch eine GMSO schafft ein Weniger an Bildungsangebot insgesamt. Die Schwächung der beruflichen Bildung im Vollzeitbereich würde sich zudem auf die duale Ausbildung negativ auswirken. Eine Fokussierung auf mehr Allgemeinbildung bei weniger beruflicher Bildung würde den Fachkräftemangel eher verstärken.

FAZIT: Personal und Sachmittel sollen effizient eingesetzt werden. Das war bisher in Tübingen gegeben. Mit der Einführung der GMSO würde man unnötige Probleme und Kosten und Planungsunsicherheit schaffen.

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