Persönliches Gedenken für Vertriebene und Ermordete

24 Familienangehörige von NS-Opfern aus vier Ländern, eine ganze Schulklasse aus der Geschwister-Scholl-Schule und viele Tübinger nahmen teil an der ersten Verlegung von Stolpersteinen.

An einige, die hier in der Stadt ihr Zuhause hatten, aber von uns verstoßen wurden, sollen Pflastersteine erinnern. Die Stolpersteine reihen sich ein in das europaweite Erinnerungsprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig.

An folgenden Orten werden die Steine verlegt:

  1. Ecke Holzmarkt/Neue Straße vor dem ehemaligen Modehaus Degginger (später Haidt und New Yorker):
    Jakob Oppenheim, Ehefrau Karoline Oppenheim, geb. Seemann, Sohn Dr. Heinz Oppenheim, Ehefrau Dorothee Oppenheim, geb. Hayum, Tochter Gertrud Oppenheim.
    und: Albert Schäfer, Ehefrau Selma Schäfer, Tochter Herta Schäfer, Tochter Liselotte Schäfer, verh. Michal Wager.
  2. Hirschgasse 1
    Rosalie Weil, geb. Herrmann, Ehefrau von Sigmund Weil (Verlag Tübinger Chronik)
  3. Mauerstraße 25
    Philippine Reinauer und Sofie Reinauer
  4. Kelternstraße 8
    Dr. Albert Pagel und Charlotte Pagel
  5. Wöhrdstraße 23
    Dr. Josef Wochenmark, Ehefrau Bella Wochenmark, geb. Freudenthal, Sohn Alfred Wochenmark (Mark), Sohn Arnold Wochenmark (Marque)
  6. Stauffenbergstraße 27
    Klara Wallensteiner, geb. Reichenbach
  7. Keplerstraße 5
    Pauline Pollak, geb. Heidelberger, Tochter Selma Pollak, Tochter Rosa Pollak, verh. Kappenmacher, Enkelin Therese Kappenmacher, Tochter Mathilde Pollak, verh. Fechenbach, Tochter Clara Pollak, verh. Dreyfuss.

Gerade wurden die ersten Stolpersteine in der Altstadt verlegt. Sehr ergreifend schilderten Schüler der Geschichts-AG an der Geschwister Scholl Schule auf dem Holzmarkt die Lebensläufe der ermordeten und vertriebenen Menschen.

Der Holzmarkt war voller Tübingerinnen und Tübinger, junge wie alte. Es wurde still bei der Verlesung. So still und eindringlich wie es die Steine in Zukunft sein werden.

Welche Form der Erinnerung ist richtig? Darüber kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Wir begrüßten von Anfang an die Verlegung von Stolpersteinen in Tübingen und sind froh, dass dies eine große Mehrheit im Gemeinderat gefunden hat. Auch gegen die klare Empfehlung der Stadtverwaltung.

So fand diese erste Verlegung (weitere folgen heute und morgen) im Beisein von Gemeinderätinnen und Gemeinderäten der Grünen, SPD und der Tübinger Liste statt, vor allem aber unter einer ganz großen Beteiligung von Tübingerinnen und Tübingern und von einer großen Anzahl von Familienangehörigen der vertriebenen und ermordeten ehemaligen Mitbewohner.

Die Steine wie die Geschichten hinter ihnen warnen uns davor, wie die Ausgrenzung von Menschen erst harmlos und in kleinen Schritten der Entwertung und Zurücksetzung beginnt, dann keine Grenzen und keinen Haltepunkt mehr findet und Existenzen und Kulturen vernichtet.

Vielleicht erfolgt die späte Verlegung in Tübingen am heutigen 10. Juli 2018 genau in einer Zeit, der diese Erinnerung gut tut. Nie wieder und gegen niemand, nur weil er auf Grund von Herkunft oder Religion oder anderen Gruppenzugehörigkeiten angeblich so völlig anders als die Mehrheit ist.”

Ernst Gumrich, 10. Juli 2018

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