Tübingen, deine Baustellen

Maulfwurf

11. September 2016

Bauen ist kreatives Verändern und Gestalten. Wer baut, glaubt an die Zukunft. Ein gelungener Neubau ist eine ästhetische Bereicherung für alle. So könnte man als Bauherr schwärmen. Und es ist ja auch nicht ganz verkehrt.
Eine Stadt, in der viel gebaut wird – kann sie sich glücklich schätzen? Weil die Gewerbe- und die Grundsteuer-Einnahmen steigen, sie mehr Einwohner anzieht, sich ihr Stadtbild erweitert?

Am 22. März lautete die Frage unseres Tübinger Themen-Abends: „Ende Gelände – kann Tübingen noch wachsen?“ Einer der Impulsgeber brachte sich mit seiner Streitschrift „Verbietet das Bauen!“ ins Gespräch. Wie unsere Foto-Safari zeigt, sind wir in Tübingen vom Baustopp noch meilenweit entfernt. Ganz im Gegenteil. Die Attraktivität unserer Stadt, niedrige Bauzinsen und gut gefüllte öffentliche Kassen führen seit geraumer Zeit zu einem Bauboom ohnegleichen. Es wird gebuddelt und planiert, verschalt und betoniert, gegipst und gemalt, was das Zeug hält. In der Weststadt genauso wie im Süden, in Derendingen, auf WHO, in der Stadtmitte und in Lustnau.

Die gute Nachricht ist, dass dies zu über zwei Dritteln auf Flächen geschieht, die schon vorher bebaut waren und die durch Neues aufgewertet werden Doch bei knapp einem Drittel musste bisher unbebautes Gelände herhalten. Mit allen Verlusten, die dies zum Beispiel für die Natur bedeutet. Intakte Wiesen, Gehölze und Baumgruppen sind durch Architekten-Begleitgrün nicht zu ersetzen. Und die flotten neuen Wohnungen werden mit Sicherheit nicht nur von Radfahrern und Fussgängern bezogen. Selbst Elektroautos lassen sich nicht in Luft auflösen.

Wir haben keine Patentrezepte. Aber ein maßvoller und schonender Umgang mit den immer knapperen Flächen erscheint uns zwingend. Und wenn schon allerorten Grün scheibchenweise oder auch in größeren Happen verschwindet, sollte wenigstens der Bestand gepflegt und geschätzt werden (Anlagenpark, Platanenallee, Neckarauen usw.).

Kommen Sie mit auf unsere Tour!

Eine herbstliche Fototour von Reinhard von Brunn

Es geht los:

  1. Technisches Rathaus Brunnenstraße (Bauherr: Stadt Tübingen)

Aufgescheuchte Zugvögel an der alten Fassade. Wohin soll die Reise gehen? In ein 20- Millionen-Projekt, die teuerste städtische Baustelle seit Jahrzehnten. Die geschwungene neue Forderfront nimmt bereits Gestalt an. Aber auch der Neubau zur Ammer hin wächst aus dem Boden. Hoffentlich kommt der versprochene „Ammerpark“ nicht zu kurz!

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2. Sindelfinger Straße (Bauherr: GWG)

Wo vor wenigen Monaten noch Flüchtlinge ein erstes Dach über dem Kopf fanden, wird die riesige Baugrube ausgehoben, die Fundamente vorbereitet. Ein Muldenkipper nach dem anderen transportiert Erdreich ab, Schotter wird zur Verfüllung eingebracht. Die neuen Bewohner müssen mit dem Bezug zwar noch eine Weile warten, aber das „Nachbarschaftsnetz Äußere Weststadt“ hat sie schon auf dem Radar. Wie gut, dass die Anonymität des Quartiers durch solche Initiativen aufgelockert wird.

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3. Breiter Weg/Gmelinstraße

Shaun das Schaf schaut sich die Bescherung mit großen Augen an. Wo doch gerade noch ein schattiges Wäldchen mit einigen recht alten Bäumen stand, wühlt nun der Baggerzahn. Klinikpersonal, Flüchtlinge, Uni-Dozenten sollen hier eine neue Bleibe finden. Wie lange kann sich die Wiesen-Idylle gegenüber noch halten???

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4. Augenklinik, Schnarrenberg (Bauherr: Uni-Klinikum)

Das neueste Klinik-Juwel ist bezugsbereit, erste Einheiten scheinen dort schon zu behandeln. Jetzt sind noch die Landschaftsgärtner mit der Außenanlage beschäftigt.

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5. Parkhaus 6, Schnarrenberg (Bauherr: Uni-Klinikum)

Im Vorfeld hat es lange und heftig für Wirbel gesorgt. Doch dann wurden Schlag auf Schlag Fakten geschaffen. Und schon steht es mit seinen zehn Parkdecks betriebsbereit da und wartet auf den ersten offiziellen Kunden. Ein Parkhaus kann wohl nie „schön“ sein, doch dafür ist die Fassade ganz ordentlich in den Steinenberg eingepasst. Wer seinen Gästen einen traumhaften Blick auf die Schwäbische Alb und Tübingen gönnen kann und will, der steure, mit welchem Verkehrsmittel auch immer, das Parkhaus der Augenklinik an.

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6. Geo- und Umwelt-Forschungszentrum und Ersatzbau Interfakultäres Institut für Biochemie, Morgenstelle (Bauherr: Land Baden-Württemberg, Universität Tübingen)

Hier wird man von Beton, Eisenarmierungen, Schalholz und Gerüsten schier erschlagen. Wer wissen möchte, was eine „Bau-Wüste“ ist, der wandere auf die Morgenstelle! Ein Glück, dass die Zurufe der Kranführer, Lkw-Fahrer, Gerüstbauer und anderer Handwerker daran erinnern, dass es sich trotz tausender Tonnen erstarrten Materials um Menschenwerk handelt…

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Eisen gegen Chlorophyll – wer siegt?

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7. Philosophenweg (Bauherr: GWG)

VivARTis hat sich ein Marketing-Stratege als Adresse für die neue Wohnanlage der GWG am Philosophenweg ausgedacht. Die Kunsthalle liegt schräg gegenüber. Und hier eine schicke Wohnung zu besitzen, zeugt sicher auch von Finanzkraft und somit Lebenskunst. Der Bau ist schon weit gediehen. 2017 ist Erstbezug.

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8. Waldhäuser Straße  148 (Bauherr GWG)

Dass die GWG in Baustil, Größe der Objekte, Ausstattung und Preisen höchst variabel ist, zeigen diese schlichten zwei Blocks zwischen Reitstall und der SSC-Sportanlage Holderfeld.Ohne Schnörkel und Balkons, gerade Linien, funktional. Wo noch bis vor wenigen Monaten abgetakelte Obdachlosen-Baracken standen, können nun in Kürze Flüchtlinge mit Bleiberecht untergebracht werden.

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9. Horemer

Ein Toi-Toi für alle Fälle? Ob da jemand Bauchweh bekommen hat? Still ruht die Wiese. Noch. Im Randstreifen parken bereits die Bagger.

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10. Ehemaliges Max-Planck-Areal bei der Sternwarte

Fast surrealistisch: „Anmeldung“ in No-where…

Von den vielen Gebäuden des früheren Instituts für Virusforschung sind nur noch das Pförtner-Häuschen und eine berankte Wand stehen geblieben, die wie ein grüner Wellenbrecher in das Schottermeer ragt. Eine riesige Fläche, die neue Institute und Start-up-Unternehmen beherbergen wird.

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11. Gartenstraße 28 (Bauherr: Nonnenmacher-Stiftung und Stadt Tübingen)

Jugend und Alter auf Hör- und Sichtweite. Mit einer Stiftung des Ehepaars Nonnenmacher wird ein Miethaus für Senioren gebaut. Die Beratungsstelle für ältere Menschen und deren Angehörige wird dort ihren Sitz haben. Im Hintergrund die Jugendherberge.

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12. Generalsanierung Uhlandgymnasium, Uhlandstraße (Bauherr: Stadt Tübingen)

Hier habe ich vor über einem halben Jahrhundert Abi gemacht. Wohl Zeit, den Kreidestaub von Generationen abzutragen und Kabel fürs Internet zu legen. Dass die hässliche Feuertreppe und die Container am Kanal verschwinden, ist ein Geschenk ans Auge.

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13. Anschluss-Unterbringung Europastraße

An den dreistöckigen Bauten fallen die Holzverschalung und die Außenzugänge auf. Leise wird es zwischen den Zügen und Autokolonnen nicht gerade werden. Aber eigene Wohnungen mit Privatsphäre werden das aufwiegen.

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14. Landes-Erstaufnahme, Mühlbachäcker (Bauherr: Land Baden-Württemberg)

Gespenstisch ist es schon: Schnell-Bauten für rund 500 Menschen, ein riesiger kahler Hof, ein abweisender Zaun. Das Ganze überragt vom ehemaligen Polizeipräsidium. Und weit und breit kein Mensch. Neue Flüchtlinge bleiben aus. Und zum dauernden Wohnen sind die Räume nicht ausgelegt. Wir lasen im Tagblatt darüber. Soll man sich freuen oder die Haare raufen?

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15. Mehrfamilien- und Apartment-Haus für Anschlusswohnen, Ludwig-Krapf-Straße 18 – 20 (privater Bauherr)

Diese Wohnungen und Apartments liegen in einer ruhigen und von Bäumen umgebenen Ecke. Glück dem, der hier bald einziehen wird.

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16. Wohnen bei der Ölmühle, zwischen Raichbergstraße und Paul-Dietz-Straße (Bauherr: BPD Immobilienentwicklung)

Dieses Areal soll das Mühlenviertel nach Osten hin abrunden. Ein riesiger Komplex mit Dutzenden Wohnungen.

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17. ALDI-Wohnen, Wohlboldstraße (Bauherr: ALDI Süd)

Ganz so billig wie an der Supermarkt-Kasse wird es wohl nicht. Aber es ist anerkennenswert, dass die Fläche nicht nur einstockig für einen neuen Drogeriemarkt überbaut wurde, sondern auch eine Reihe Apartments hinzu kamen. Wie man hört, hat die städtische Bauverwaltung mit sanftem Druck und noch mehr Überzeugungskraft nachgeholfen…

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18. Neues Gemeindehaus St. Michael, Hechinger Straße (Bauherr: Katholische Kirchengemeinde)

Wenn Wohnen, Gewerbe, Klinikum, Schulen und Universität ihre Bau-Akzente setzen, dann darf auch einmal ein kirchlicher Farbtupfer dabei sein. Das neue Gemeindehaus St. Michael wird für viele Aktivitäten Platz bieten und den Zusammenhalt der Gemeinde stärken.
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19. SWT-Erweiterungsbau, Eisenhutstraße (Bauherr: Stadtwerke Tübingen)

Die Stadt wächst, die Stadtwerke müssen mitwachsen! Sie haben immer mehr EinwohnerInnen zu versorgen. Und so lassen sie sich nicht lumpen und erweitern ihre Büro-Kapazitäten.

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20. 55 geförderte Mietwohnungen in innovativer Holzbauweise, Wennfelder Garten (GSW Sigmaringen)

Zwei Blocks sind schon bezogen, der dritte ist bald fertig. Nachbarn sind am Grillen, Kinder flitzen auf den Rädchen um die Ecke. Hier scheint man sich wohl zu fühlen.

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21. Anschlusswohnen, Sidlerstraße (Privater Bauherr)

Wo im Frühling noch Schneeglöckchen-Nester blühten, sieht es jetzt eher aus wie auf einem Spargelacker. Doch die Spargelzeit ist doch vorbei?

Jedenfalls müssen wir unseren Oberbürgermeister berichtigen (Tagblatt-Interview vom 10.9.16): Dieses Bauvorhaben wird bestimmt nicht diesen Herbst fertig. Da müssen wohl erst einmal Altlasten saniert werden?

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22. Firma SYSS, 1. Bauabschnitt, Schaffhausenstraße (Bauherr: Sebastian Schreiber)

In atemberaubender Geschwindigkeit hat das Bauunternehmen Goldbeck diesen 6stöckigen Bürokomplex auf einem Teil des ehemaligen Sidler-Areals hochgezogen. Im Februar berichteten wir über die Grundsteinlegung – jetzt läuft bereits der Innenausbau. Im Vordergrund das Spielgelände der Kindertagesstätte Neckarbogen.

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23. „Neckarbogen“, zwischen Bismarckstrasse und Schaffhausenstrasse (Bauherr: Privatinvestor)

Wer einmal genauer sehen und erfahren möchte, wie sich „Wohndichte“ anfühlt, der schaue sich die Neubauten und die zwei eingemauerten „Bestandshäuser“ in der Bismarckstrasse 52-72 an. Da gibt es nur ein passendes schwäbisches Wort: Ausgemostet!!!
Aus vielen neuen Wohnungen und Apartments wird man eher die Bahnlinie oder die Geranien des Nachbarn als den Neckar sehen. Da kann man nur hoffen, dass pfiffige Grundrisse und beste Ausstattung das wett machen. Denn die Quadratmeterpreise können sich sehen lassen. Ein Alleinstellungsmerkmal bietet der „weiße Turm“ mit seinen edlen Etagen und der Penthouse-Wohnung mit Rundumblick. Bauhaus lässt grüßen.

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24. Büro- und Wohnhaus am ehemaligen Foyer, Friedrichstrasse (private Bauherren)

Der Stadteingang an der Blauen Brücke hat sich markant verändert. Nach dem Ibis-Hotel und dem Bürohaus von It-design ist nun auch das dritte Gebäude bald fertig. Das Ensemble wirkt sehr eng und funktional. Aber es setzt Zeichen und lässt die Betonruine vergessen, in der nie Musik erklang.

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25. Taubenhaus, Neckarinsel (Bauherr: Stadt Tübingen)

Ob auf dem höchsten Hochhaus Tübingens oder den Tauben aufs Dach gestiegen – die Firma Peetz ist überall dabei (man überlese bitte die Schleichwerbung für unseren Stadtrat Gebhart Höritzer…).
Eine Baustelle der besonderen Art. Etwa ein Zeichen an Tübingens Tierschützer, die hier häufiger ihrem Unmut mit Demonstrationen Luft machten?

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26. Güterbahnhof-Areal, Eisenbahnstrasse (Fa. Aurelis sowie private Bauherren)

Das ehemalige Güterbahnhof-Areal ist mit rund 14 Hektar die letzte große Brach- und Umwandlungsfläche im Stadtgebiet. Über ihre Geschichte und die Veränderungen der letzten Jahre wurde vor allem im Schwäbischen Tagblatt ausführlich berichtet, das wollen wir nicht wiederholen.
Die Rohre für die Fernwärme sind verlegt, Abwasser-Düker gesetzt, Wasser-, Strom- und Gasversorgung installiert, Breitbandkabel verbuddelt, Strassen angelegt. Von alledem ist kaum mehr etwas zu sehen. Unterirdisch für überirdisch viel Geld…
Hier einige Foto-Erinnerungen, denn in Kürze werden die Hochbauten die planierten Flächen überdecken.

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Ein riesiger Baustreifen zwischen Gleisen und Eisenbahnstraße

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Dieses „Zitat“ bleibt erhalten: der alte Güterbahnhof.

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Noch steht der alte Bahnsteig. Als klassisches Relikt aus den Anfängen der Eisenbahn sollte er erhalten bleiben.

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Die Eisenbahnstraße ist bereits verlegt. Hier die Asphalt-Mischgutproben.

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Diesen freien Blick gibt es nicht mehr lange.

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Die Firmen Auto-Verwertung Möck und Baustoffe Kemmler werden ihr Gelände nach Norden erweitern. Im Vordergrund die neue Kurve der Eisenbahnstraße.

27. Reisen bildet – bauen auch?

Jetzt haben wir unsere Tübinger Foto-Tour erfolgreich gemeistert.

Darauf einen Prosecco alsecco!
Welche Gedanken lösen diese Bilder bei Ihnen aus?
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Ein Kommentar

  1. Karin Sibel
    27. Dezember 2016 zu 17:14 Antworten

    Ich finde es wirklich klasse, dass Sie sich all diese Mühe machen und uns die Informationen mitteilen. Danke dafür.
    Gruß Karin

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