Tübingen – Entwicklung mit Augenmaß und Visionen

BroschGrStadtplangTübingens Einwohnerzahl steigt. Was bedeutet das für Wohnen, Lernen und Arbeiten? Kann alles einfach weiterwachsen wie bisher, oder stößt Tübingen an menschen- und naturverträgliche Grenzen? Schon heute – oder erst übermorgen? Dies sind Fragen, denen sich nicht nur Stadtplaner und Architekten stellen müssen. Sie betreffen uns alle.

Mit den „Leitlinien für eine nachhaltige Stadtentwicklung“ vom 21. Juli 2003 hat der Gemeinderat einen begrüßenswerten Versuch gemacht, über den Tellerrand des Jetzt und Heute hinaus zu schauen. Doch wer kennt dieses Dokument überhaupt noch, und welche wichtigen kommunalpolitischen Entscheidungen werden hieraus abgeleitet? Wir werden die Grundideen aufgreifen und heutigen Erfordernissen anpassen.
(http://www.tuebingen.de/Dateien/leitlinien_2030.pdf).

Gekonnte Stadtentwicklung ist eine schwierige Balance zwischen widerstreitenden Bedürfnissen und Interessen der Bürger: Wohnen, Arbeiten, Lernen, Einkaufen, Mobilität, Kultur, Sport, Bildung, Unterhaltung, Erholung – alles soll verträglich unter einen Hut gebracht werden. Mit einer ideologisch verengten Sicht schafft man das nicht. Wir haben keine Scheuklappen. Das macht konkrete Entscheidungen nicht leichter, aber dafür bürgernäher und hoffentlich besser.

Das sind einige der Themen, die unsere Gemeinderäte über viele Jahre beschäftigen werden:

Wohnen

Allenthalben fehlt es an preiswerten Wohnungen, an Studentenzimmern, an erschwinglichen Einfamilienhäusern mit Garten für junge Familien, an barrierefreien Apartments für ältere und behinderte Menschen und an Platz für neue Wohnformen.
Dagegen ist auch eine radikale Innenverdichtung kein Allheilmittel. Sie verschandelt das Stadtbild und vernichtet wertvolles Stadtgrün. Wir wenden uns deshalb gegen das Ausmosten um jeden Preis – ganz gleich, ob die Grundstücke dem Land, der Stadt oder Privaten gehören.
Noch viel zu wenig werden die schlummernden Wohnungsreserven im Altbestand genutzt. In der Altstadt rotten Dutzende von Häusern vor sich hin. Die Eigentümer schrecken vor Renovierung zurück, weil sie sich von Denkmalschutzauflagen, Stadtbildsatzung, Bürokratie und vermeintlich hohen Kosten überfordert sehen. Es ist höchste Zeit, eine zweite Phase der Altstadtsanierung auszurufen. Was Tübingen in den 70-er und 80-er Jahren vorbildlich gelang – warum sollte es ab 2014 nicht möglich sein? Die Stadt muss dafür allerdings Anreize und Strukturen schaffen und sich mit ihren eigenen Gebäuden an die Spitze der Bewegung stellen.

Wenn die Ausschöpfung des vorhandenen Wohnungsbestandes und eine rücksichtsvolle und städtebaulich verträgliche Innenverdichtung nicht ausreichen, dann darf die Ausweisung stadtnaher neuer Wohngebiete kein Tabu sein. Glücklicherweise zeichnet sich eine Einigung mit den Partnern des Regionalverbandes und dem Wirtschaftsministerium ab. Danach werden Tübingen im neuen Flächennutzungsplan 62 ha neue Wohnbaufläche im Innen- und Außenbereich zugestanden. Mit diesem kostbaren Gut ist sorgsam umzugehen. Wir werden ein Auge darauf haben.

Wirtschaftsstandort

Wie für das Wohnen gilt die Raumknappheit auch für Industrie und Gewerbe. Nur mit einer vorausschauenden Planung wird es gelingen, dynamische und finanzstarke Firmen auf Dauer in Tübingen zu halten. Firmen mit hohem technologischen Entwicklungspotential sollten den Vorrang erhalten. Mit klar definierten Prioritäten kann die Knappheit an Flächen sogar zur Chance werden: sie zwingt zur Ansiedlung von Exzellenz-Firmen. Daneben müssen wir darauf achten, dass sich unsere bereits ansässigen Handwerksbetriebe weiterentwickeln können. Insgesamt gilt: Die Schaffung neuer Gewerbegebiete darf kein Tabu sein. Sie muss zudem von langer Hand vorbereitet werden.

Stadtbahn

Die Meinungen der Gelehrten und Experten zur Stadtbahn gehen weit auseinander. Entsprechend diffus sind die Äußerungen der Ämter und Behörden. Was sich abzeichnet, ist ein neues Mega-Projekt, für das heute nur eines feststeht: Es fehlt schon jetzt das Geld! Wir sagen zusätzlich: die derzeitige Trassenplanung durch die Innenstadt mit starrem Schienennetz, Oberleitungen und hohen Bahnsteigen auf der Neckarbrücke können wir uns beim besten Willen nicht vorstellen. Zur Vermeidung von Missverständnissen: Den Ausbau und die Elektrifizierung der Regionalbahn befürworten wir. Die Verknüpfung mit dem Busverkehr muss ein leistungsfähiger Busbahnhof sicherstellen. Darauf werden wir bei der Neugestaltung des Europaplatzes besonderen Wert legen.

 

Träume und Visionen entlocken so manchem Kommunalpolitiker nur ein mitleidiges Lächeln. Die Bürger haben aber Wünsche, Träume und Visionen, z. B. dass eines Tages

  • der Gast in Tübingen aus dem Zug steigt und keine 100 m weiter in einem modernen Hotel mit Blick zum Anlagensee einchecken kann, die Fahrräder vom Vorplatz des Bahnhofs in eine trockene Velo-Garage verlagert sind und der Blick von der schönen Altstadt-Silhouette angezogen wird
  • auf einer der Höhen mit Blick über ganz Tübingen ein Hotel, Restaurant oder Café eingerichtet wird, ähnlich dem wunderbaren Waldcafé in Pfullingen
  • im Alten Botanischen Garten das Palmenhaus wieder zum Verweilen einlädt
  • das historisch einmalige Observatorium im kleinen Park zwischen den Schlosstoren, das seit Jahren mit Plastikfolien notdürftig abgedeckt ist, Bürgerinnen und Bürgern sowie Gästen nicht nur einen großartigen Blick über Tübingen gewährt, sondern auch die Sterne nahe bringt
  • wir uns in einem „Neckarbad“ sonnen, direkt am Neckar und an der Ammer sitzen und die Füße im Wasser baumeln lassen
  • das Areal Hepper-Turnhalle – Milchwerk die Altstadt als ein markantes „West-Tor“ mit einer lebendigen Funktion und als Anziehungspunkt eröffnet
  • Stiftskirche und Schloss abends in diskretem Licht erstrahlen
  • wir die Fassade des Neckar-Parkhauses für wechselnde Kunst-Installationen nutzen, wenn wir es schon nicht abreißen können.

 

Wir haben in vielen Diskussionen mit den Bürgerinnen und Bürgern von diesen und anderen Träumen erfahren. Wir werden sie deshalb nicht als Hirngespinste abtun. Nur wer Träume zulässt, findet Wege. Wir wollen diese Wege suchen, um die eine oder andere Vision Realität werden zu lassen.

 
Programm als PDF herunterladen
 

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse ein Kommentar