20. Oktober 2018

Bittere Krokokdilstränen und Spesen in Kopenhagen

Seit Freitag erinnert ein weißes Fahrrad in der Herrenberger Straße in Tübingen an den an diesem Ort tödlich verunglückten Tübinger Arzt Holger Schillig. Er hat vielen geholfen, im In- und Ausland.

Weil er seiner 15 Jahre älteren Frau die langen Abwesenheiten nicht mehr zumuten wollte, machte er sich einmal in der Woche auf den Weg und untersuchte im Stuttgarter Refugio-Zentrum traumatisierte Flüchtlinge. Aber rührende Nachrufe machen ihn nicht wieder lebendig.

Ihm selbst war nach einem Fahrrad-Unfall nicht zu helfen. Auf dem Weg zum Einkaufen wurde der 75-Jährige am 8. Oktober von einem Auto erfasst. Ein 30-Jähriger war am Montag mit seinem Audi A4 stadteinwärts unterwegs und kam direkt nach der Kreuzung mit der Aischbachstraße aus bislang ungeklärter Ursache auf die Gegenfahrbahn. Der Audi prallte frontal auf den entgegenkommenden Radfahrer. Der 75-Jährige schleuderte über das Auto und stürzte auf den Asphalt. Einen Tag später starb er an seinen Kopf-Verletzungen. Die letzte Ruhe soll der Sohn eines Försters in einem Friedwald finden.

Dabei hatte er selber längst gewarnt vor den Gefahren. Denn ans vorgeschriebene Tempo 30 in der Herrenberger Straße hielten sich viele nicht, vor allem nachts werde gerast, hatte Schillig schon 2010 beklagt. Neben der Belastung durch Lärm und Feinstaub hätten manche Anwohner Angst um ihre Kinder, auch Ältere würden über die verbreiterte Straße kaum noch hinüberkommen.

Nun steht ein weißes Fahrrad als Mahnmal an der Straße.
Möge es die städtischen Verkehrsplaner ermahnen, was in den letzten Jahren am Ausbau des Radwegenetzes versäumt wurde. Nicht einmal blaue Farbe sind die Radfahrer wert.

Statt dessen widmet man sich Millionen-Projekten und unverfrorenen Warnungen wie in der Stadtbahn-Debatte: “In der Mühlstraße muss man halt aufpassen.” Sichere Radwege, zumindest auf den Hauptverkehrsachsen, sollten doch selbstverständlich sein. Kein Wunder, dass selbst die Pro Domo sprechenden Experten auf dem Stadtbahn-Podium meinten, in der grünen Stadt Tübingen sei in Sachen Fahrrad-Freundlichkeit “noch Luft nach oben.”

Das Geld ist da. Die Lippenbekenntnisse auch. Viel Spesen wurden in Kopenhagen verfeiert. WOZU?

Zum Beispiel: zwei durchgehende blaue Radspuren installieren! Vom Zinser zur Neuen Aula und zurück! Dann hätte man ein Mindestmaß an Verkehrssicherheit geschaffen, und kann auf dieser Grundlage überlegen, ob noch Platz für weitere Verkehrsmittel ist.

Geht nicht gilt nicht. Tübingen, mach endlich wirklich blau! Unterdessen riskieren wir Radler in Tübingen täglich Kopf und Kragen für die Luftreinhaltung. Und das in der blau-grünen Stadt Tübingen. Glaubt man’s?

23.10.18

Selbst AL/Grüne haben sich mittlerweile beschwert über die Zustände in der Mühlstraße und einen Antrag gestellt:

Antrag zur Freihaltung des Fußwegs mit Fahrradstreifen in der Mühlstraße von unerlaubt parkenden Fahrzeugen

“Die Stadtverwaltung wird aufgefordert, den Fußweg mit Fahrradstreifen in der Mühlstraße nachhaltig von unerlaubt parkenden Fahrzeugen frei zu halten.

Begründung

Der Fußweg mit Fahrradstreifen in der Mühlstraße ist nahezu täglich zugeparkt. Dies bedeutet, dass die Fahrräder auf die Straße ausweichen müssen, was besonders für nicht so sichere oder so schnelle FahrradfahrerInnen zu gefährlichen Situation führen kann.

Die Fahrzeuge machen sich manchmal nicht einmal die Mühe in die markierten Plätze für die Be- und Entladung zu fahren, manchmal sind auch schon alle belegt und sie parken deshalb auf dem Fußweg mit Fahrradstreifen. Dies könnte z.B. durch eine deutlichere Markierung des Fahrradstreifens verhindert werden. Zu überlegen ist auch, ob die Markierungen auf dem Boden für die Autos wegfallen könnten, da diese als Einladung zum Parken verstanden werden, obwohl sie nur zum Be- und Entladen genutzt werden dürfen. Neben einer eindeutigeren Markierung muss sicherlich auch der Ordnungsdienst hier aktiver werden.

Für die AL/Grüne-Fraktion Annette Schmidt”

 

Diesen Beitrag teilen