Ein kleiner Rückblick lohnt zuweilen…

30. Juni 2014 (!):

Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum und zu wenige studentische Wohnheimplätze. Zwar ist hier primär das Land zuständig, aber auch die kommunale Wohungsgesellschaft GWG könnte mehr tun, so die Forderung der Tübinger Liste. Wohnheime sollten von Beginn an so gestaltet werden, dass sie später auch für Familien oder Senioren nutzbar seien – falls irgendwann die Studierendenzahl wieder zurückgehen sollte. “Die GWG ist ein wichtiges Vehikel zur Schaffung günstigen Wohnraums”, sagt Fraktionsvorsitzender Ernst Gumrich, der es sinnvoll findet, dass die Stadt ihre Tochter dafür mit mehr Kapital ausstattet – auch über die zuletzt vom Gemeinderat bewilligte Eine-Million-Euro-Finanzspritze hinaus.
Christoph Joachim, Fraktionsvorsitzender von AL/Grünen pflichtet bei: “Der Sack Zement, den du in eine Immobilie steckst, hat sich in Albstadt in fünf Monaten amortisiert. In Tübingen dauert das fünf Minuten.”
Verschärfend wirkt, dass Jahr für Jahr in der Unistadt 30 bis 40 Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen. Die 15-jährige Bindungsfrist im sozialen Wohnungsbau nennt Baubürgermeister Cord Soehlke “ein Strohfeuer” – sie ist ihm viel zu kurz. Mindestens 25 Jahre sollten es sein, noch besser wären 40 oder 50 Jahre. Mit solchen Bindungsfristen, die einer Erbpacht schon recht nahe kommen, will die Stadt bald am Hechinger Eck experimentieren, im künftigen Tübinger Modellquartier für bezahlbares Bauen und Wohnen. Mit einer Vielfalt an Projekten, die Vorbild für weitere Vorhaben in Tübingen sein sollen. “Ein spannender Weg, den die Stadt dort beschreitet”, findet Ernst Gumrich. Priorität hat für Soehlke: “Wohnen muss in Tübingen für alle bezahlbar bleiben – sonst sind wir irgendwann Baden-Baden mit Universität.”

Schwäbisches Tagblatt, 30. Juni 2014:

“”Pennplätze statt Parkplätze?

Initiativen für bezahlbares Wohnen / Schiebeparkplatz als möglicher Standort

Familien mit Kindern und Studierende, Alleinerziehende und Geringverdiener: Viele ächzen unter den steigenden Tübinger Mieten. Stadtverwaltung und Gemeinderat haben die Brisanz des Themas erkannt. Es gibt verschiedene Ideen – etwa den Bau neuer Wohnheimplätze für Studierende auf dem Schiebeparkplatz.

Volker Rekittke

Tübingen. Manchmal ist schon die dritte WG-Besichtigung ein Volltreffer. Andere Studien-Starter müssen nach Dutzenden erfolglosen Wohnungsbesichtigungen am Ende doch in der studentischen Notunterkunft auf Waldhäuser Ost unterkommen. Wohnungssuche in Tübingen ist oft nervig – und bezahlbarer Wohnraum ist rar. Die Mieten reichen von knapp 200 Euro fürs 10-Quadratmeter-Zimmerchen im Studentenwohnheim bis zu 500 Euro für ein Zimmer in einer privat vermieteten Zweier-WG.

Sind Lösungen in Sicht? “Wir diskutieren gerade mit dem Studentenwerk über den Neubau von Wohnheimen an verschiedenen Standorten”, sagt Baubürgermeister Cord Soehlke. Für ihn ist klar: “Es gibt nicht genügend Wohnheimplätze in Tübingen.”
3666 dieser Plätze, vom Wohnheim- bis zum (selbstverwalteten) WG-Zimmer, bietet das Studierendenwerk (Stuwe) an – fast die Hälfte (1720) im Studentendorf auf Waldhäuser Ost.
Ja, man rede mit Stadt, Land und Universität über diverse Standorte, sagt Stuwe-Sprecherin Nicole Lang. Möglichst in Uni-Nähe und mit guter ÖPNV-Anbindung. “Das Problem sind die Flächen in Tübingen.”

Eine dieser Flächen ist der gut 8000 Quadratmeter große Schiebeparkplatz zwischen Wilhelm-, Mohl- und Nauklerstraße, bestätigt Bernd Selbmann von der Tübinger Dependance des Landesamts Vermögen und Bau. Genauer: Im Gespräch für ein Studentenwohnheim plus Wohnhaus für internationale Uni-Gäste, Studierende wie Dozenten, ist der nördliche Teil (Richtung Mohlstraße) des letzten und von Studierenden gut genutzten Tübinger Umsonst-Parkplatzes.

“Warum wird der Schiebeparkplatz als Parkfläche missbraucht?”, fragt Christoph Joachim. Der Fraktionsvorsitzende von AL/Grüne im Tübinger Gemeinderat könnte sich angesichts des gut ausgebauten Tübinger ÖPNV- und Radwegenetzes vorstellen, dass das Studentenwerk dort Wohnheimplätze baut – die auch zu einer Entlastung für andere Bevölkerungsgruppen führen würden. Denn obwohl auch Studenten oft lang nach einer bezahlbaren Bleibe fahnden, dabei nicht selten aufs Tübinger Umland ausweichen oder weiter im Hotel Mama logieren, so konkurrieren sie doch auf dem Wohnungsmarkt mit Gruppen, die es noch schwerer haben: Vier Studenten könnten sich als WG eher eine Wohnung leisten als manche Familie mit zwei Kindern, sagt Soehlke.

Auch Ernst Gumrich, Fraktionsvorsitzender der Tübinger Liste, findet, dass es in Tübingen zu wenige studentische Wohnheimplätze gibt. Zwar sei hier primär das Land zuständig, aber auch “die GWG könnte mehr tun”, so die Forderung an die kommunale Wohnungsgesellschaft. Wohnheime sollten von Beginn an so gestaltet werden, dass sie später auch für Familien oder Senioren nutzbar seien – falls irgendwann die Studierendenzahl wieder zurückgehen sollte. “Die GWG ist ein wichtiges Vehikel zur Schaffung günstigen Wohnraums”, sagt Gumrich, der es “sinnvoll” findet, dass die Stadt ihre Tochter dafür mit mehr Kapital ausstattet – auch über die zuletzt vom Gemeinderat bewilligte Eine-Million-Euro-Finanzspritze hinaus.

Der Tübinger Wohnungsmarkt gilt längst als überhitzt. “Der Sack Zement, den du in eine Immobilie steckst, hat sich in Albstadt in fünf Monaten amortisiert. In Tübingen dauert das fünf Minuten”, sagt Christoph Joachim. Verschärfend wirkt: Jahr für Jahr fallen in der Unistadt 30 bis 40 Wohnungen aus der Sozialbindung heraus, so Soehlke. Die 15-jährige Bindungsfrist im sozialen Wohnungsbau nennt er “ein Strohfeuer” – sie ist ihm viel zu kurz. Mindestens 25 Jahre sollten es sein, noch besser wären 40 oder 50 Jahre. Mit solchen Bindungsfristen, die einer Erbpacht schon recht nahe kommen, will die Stadt bald am Hechinger Eck experimentieren, im künftigen Tübinger Modellquartier für bezahlbares Bauen und Wohnen. Mit einer Vielfalt an Projekten, die Vorbild für weitere Vorhaben in Tübingen sein sollen. “Ein spannender Weg, den die Stadt dort beschreitet”, findet Gumrich. Priorität hat für Soehlke: “Wohnen muss in Tübingen für alle bezahlbar bleiben – sonst sind wir irgendwann Baden-Baden mit Universität.”

Dass es in Tübingen “einen sozialen Numerus clausus” geben, “Wohnen ein Privileg für Besserverdienende” wird – das befürchten auch Tim Schumacher und Michael Karrer. Die beiden sind aktiv bei der Interventionistischen Linken Tübingen und Bewohner des selbstverwalteten Vier-Häuser-Projekts in der Südstadt.

Vor allem das Interesse an möglichst hohen Renditen bei der Neuerrichtung von Wohnraum lasse die Mieten stetig steigen, sagt Karrer: “Wohnen darf nicht allein der Marktlogik überlassen werden.” Aber funktioniert Kapitalismus nicht so? Meist schon, räumt Schumacher ein, “aber es geht auch anders”. Zum Beispiel beim Mietshäuser Syndikat, bei dem auch Vier-Häuser-Projekt, Schelling-, Hegel- und Ludwigstraße (“Lu”) 15 Mitglied sind. Karrer: “Die Häuser sind dauerhaft vom Markt – und der Spekulation entzogen.” So werde Wohnen wieder bezahlbar: Die Kaltmieten liegen, je nach Projekt, zwischen 4 und 9 Euro pro Quadratmeter.

“Es kann nicht sein, dass eine anständige Mietwohnung ein Luxusgut ist”, so Martin Sökler in einer Pressemitteilung. “Tübingens Mietniveau ist bekanntermaßen hoch, da musste eine Bremse her”, wird der SPD-Fraktionsvorsitzende im Tübinger Gemeinderat zitiert: “Normalverdiener müssen in Tübingen eine bezahlbare Wohnung finden.” Weil Tübingen einen sehr angespannten Wohnungsmarkt hat, erlaubt die neue Rechtslage, die am 1. Juli wirksam wird, Mieterhöhungen in bestehenden Mietverhältnissen auf 15 Prozent innerhalb von drei Jahren zu deckeln. Bisher lag diese Kappungsgrenze bei 20 Prozent.

SPD-Stadträtin Hannah Tiesler ergänzt: “Für Tübingen wird eine Bremse auch für Wiedervermietungen gelten müssen.” Die vom Bund beschlossene Mietpreisbremse erlaubt Steigerungen von maximal 10 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete. Nach TAGBLATT-Informationen wird die Mietpreisbremse für Südwest-Städte wie Tübingen und Reutlingen ab dem 1. September greifen. Wichtig seien zudem Mindestquoten für den sozialen Wohnungsbau in Neubaugebieten, so die SPD-Fraktion, wie auch die Förderung von Wohnprojekten und “das in Tübingen bewährte Bauen in Baugemeinschaften”.””

Kommentar im Schwäbischen Tagblatt, 30. Juni 2014::
“”Die Wohnungsfrage im Modellquartier

85 000 Menschen wohnen in Tübingen. Wie viele Einwohner verträgt die Stadt noch? “Bei 95.000 ist Schluss”, sagt Baubürgermeister Cord Soehlke. Dann sei in “der deutschen Hauptstadt der Innenentwicklung” auch das letzte Areal bebaut, inklusive des im Außenbereich liegenden Saiben mit 2000 Quartiersbewohnern. Immer mehr Menschen zieht es nach Tübingen. An die Exzellenz-Uni mit ihren 28.000 Studierenden, an Kliniken und Forschungsinstitute, in die Privatwirtschaft. In den vergangenen fünf Jahren sind in Tübingen fast 5000 sozialversicherungspflichtige Jobs neu geschaffen worden.

Die Schattenseite: Tübingen ist die viertteuerste Stadt Deutschlands. Laut F+B-Mietspiegelindex werden im Schnitt 8,32 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter verlangt. In dieser Situation wurden gerade 550 ehemalige LBBW-Wohnungen von einem Großinvestor (Patrizia) zum anderen (Deutsche Annington) weitergereicht. Profit: eine halbe Milliarde Euro.

Vier Häuser mit 24 Wohnungen, die einst ebenfalls der Landesbank gehörten, wurden 2011 von ihren Bewohner(inne)n gekauft: Das Vier-Häuser-Projekt in der Südstadt war geboren. Zusammen mit den anderen drei Tübinger Ablegern des bundesweiten Mietshäuser Syndikats (96 Projekte sind es bereits, 22 stehen in den Startlöchern) trotzen die Bewohner einem vermeintlich unumstößlichen Marktgesetz, nach dem Immobilien sich rentieren (müssen). Betongold halt.

Das Syndikats-Beispiel zeigt: Es gibt Alternativen. Das ist wichtig – und zugleich nur ein Tropfen auf einen in Tübingen schon ziemlich heißen Stein. Im künftigen “Modellquartier” am Hechinger Eck soll es einen Wettbewerb der Ideen geben. Na dann: Warum nicht das Grundeigentum (öffentlich) vom Häuslebau (privat, genossenschaftlich) trennen, Stichwort: Erbpacht? Auf teure weil platzfressende Kfz-Stellplätze verzichten? Den sozialen Wohnungsbau noch viel stärker als bisher ankurbeln – mit Bindungsfristen von 25, besser noch 50 Jahren? Selbstverwaltung auch bei studentischem Wohnen stärken?

Klar ist aber auch: Die Wohnungsfrage wird nicht in einem einzigen Quartier gelöst werden. Stärker in die Pflicht genommen und mit mehr Kapital ausgestattet werden sollte deshalb die Tübinger GWG. Die kommunale Wohnungsgesellschaft verwaltet 2000 Wohnungen, das Gros gehört ihr selbst. Glückliches Reutlingen: Die dortige GWG hat 7500 Wohnungen im Bestand, weitere 3500 werden für Dritte verwaltet. Macht 11000 Wohnungen – ein starkes kommunales Instrument, das dämpfend auf den Wohnungsmarkt wirkt. Volker Rekittke

Dieses “Übrigens” und der nebenstehende Artikel entstanden in Zusammenarbeit mit Studierenden im Rahmen eines “Studium Professionale”-Seminars der Universität Tübingen. Thema: “Strategien für bezahlbaren Wohnraum in Tübingen”.””

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