Lieber ohne Gleise! Heiße Diskussionen im Bootshaus

Thema Stadtbahn: Am Mittwoch, 27. März 2019, im Bootshaus diskutierten Fachleute und rund hundert Bürger (darunter etwa ein Drittel jünger als 40 Jahre) über die Möglichkeiten, Tübingens Verkehrsprobleme in den Griff zu bekommen. Viele stellten die Frage: Wie sinnvoll ist eine Innenstadtstrecke der Regionalstadtbahn?

Als Verkehrsgeograph mit großer Erfahrung analysierte Professor Jürgen Deiters die Standardisierte Bewertung, die „Standi,“ und kam zum Schluss: Nein, wirtschaftlich kann die Regionalstadtbahn mit dem Anhängsel in Tübingen nicht sein.

Hier seine Begründung. Lesen Sie selbst

Professor Jürgen Deiters

Reinhard von Brunn, Vorsitzender der Tübinger Liste, nannte die Innenstadtbahn „das Kuckucksei der Regionalstadtbahn“. Seine Argumente:

  • Eine mehrjährige Dauerbaustelle würde Handel, Gastronomie und Tourismus in der Innenstadt schädigen
  • Die Mühlstraße war schon immer viel zu eng. Zusätzlicher Straßenbahnverkehr passt nicht hinein. Vor allem Fahrradfahrende würden stark gefährdet
  • Die Strecke Hauptbahnhof-Morgenstelle-WHO würde ein Millionengrab. Kalkulation schon heute: 232 Millionen Euro. Sie gefährdet die Wirtschaftlichkeit des Gesamtvorhabens
  • Tübingerinnen und Tübinger müssten für die Pendlerbahn doppelt zahlen: mit viel Geld (Schulden) und einem ausgedünnten Busnetz
  • Die Innenstadtstrecke würde den Weg zu innovativer Mobilität verbauen
  • Umsteigen lässt sich auch einladend, bequem und zeitsparend gestalten. Der Umbau des Busbahnhofs muss dafür genutzt werden
  • Mit einer Reihe von Sofortmaßnahmen kann die Verkehrssituation in Tübingen entspannt werden. Man muss es allerdings politisch wollen.

In der Diskussion über die Folgen einer Innenstadtbahn lieferten sich Fachleute einige Scharmützel.

Die Standi
So beanstandete Professor Deiters, dass in der „Standi“ drei „Teilnetze“ unzulässigerweise zusammen geführt worden seien. Heute noch mit Baupreisen von 2006 zu operieren, nannte er „abenteuerlich.“ Jochen Gewecke vom Vorstand des Vereins Pro RegioStadtbahn e. V. versprach, bei der bevorstehenden Aktualisierung würde beides verbessert. Deiters fand klare Worte: Mit Bussen wäre Tübingen mehr geholfen als mit einer Stadtbahn. Das folgende Interview lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig:

Elektromagnetische Störungen
Netz-Spezialist Gerhard Seifried erklärte die Gefährdung sensibler elektronischer Geräte durch elektromagnetische Ströme. Denn die Normen von Bahnanlagen lassen wesentlich höhere Grenzwerte zu als sonst in Wohngebieten erlaubt. Als Stadtbahn-Befürworter dies bagatellisieren wollten, trat der junge Forscher, Dr. Florian Mayer, auf den Plan und erklärte, dass Messungen im Nano-Bereich eindeutig gefährdet seien durch in der Nähe fahrende Bahnen.

Ausgedünnter Bus-Dienst
Deiters äußerte Verständnis für den Wegfall der Buslinie 5 zum Schnarrenberg, denn deren Fahrgäste würden gegebenenfalls von der Stadtbahn übernommen. Doch sah er für die Ausdünnung anderer Linien keine Notwendigkeit: „Welches privatwirtschaftliche Bus-Unternehmen würde sich widerstandslos ein Drittel seiner Leistung wegnehmen lassen. Hier ist man weit übers Ziel hinaus geschossen!“

Es gibt Dringenderes
Nicht nur Mobilitäts-Journalist Paul-Janosch Ersing fand, Tübingen solle schon heute einiges verändern und nicht erst bis zur Inbetriebnahme der Stadtbahn im Jahr 2030 warten. In den nächsten elf Jahren könnte Tübingen den „Bus on demand“ testen, Pendler könnten in den Stoßzeiten von Osten über den Nordring und von Westen über den Hagellocher Weg mit Direktbussen schnell und staufrei auf den Schnarrenberg gebracht werden.
Erdgas betriebene und abgasfreie Busse sollten auf eigenen Bus-Spuren schneller voran kommen. Umsteigen kann sich zum Erlebnis gestalten, wenn die „Hubs“ ansprechend genug sind, trocken, warm, mit Kulturangeboten und Läden.
Fahrradstrecken sind zu optimieren, barrierefreie Wege für Fußgänger besser auszubauen und instand zu setzen. Hier die Präsentation von Paul-Janosch Ersing:

Mobilität als Service
Mobilität wird als Service auf unterschiedlichsten Fahrzeugen genutzt werden. Ersing und Ernst Gumrich, Fraktionsvorsitzender der Tübinger Liste, waren sich einig: der private Auto-Besitz wird schwinden. Jeder wird per Smartphone das im Moment praktischste Verkehrsmittel mieten. Benjamin Seyfried hielt dagegen: Wer „von der Alb ra“ nach Tübingen fahre, lasse doch sein Auto nicht am Ortseingang stehen!

In seinem Ausblick auf die Zukunft sah Gumrich die Fahrzeuge von morgen als „Computer auf Rädern“. Sensoren, Künstliche Intelligenz, 3D-Visualisierung und Batterietechnik werden mit Hochdruck weiter entwickelt. Das Smartphone zeige, dass große Produktionsfortschritte auch mit dem Rückgang der Preise einher gehen könnten.
So koste eine in China entwickelte elektrische Tram ohne Gleise, die auf aufgemalten Linien fährt, nur noch 20 Prozent der herkömmlichen Straßenbahn.
Feinstaub, Stickoxyde und CO2 und die Staus in Stoßzeiten könne Tübingen intelligenter angehen als mit Schienen.

Ähnliche Beiträge

Kommentarfunktion geschlossen.