Wald: Hiebsatz oder Romantik?

Förster waren dabei, Jäger, Stadträte, mittelständische Holzwerker. Bei einem Spaziergang konnten Gemeinderatsmitglieder am 27. Juni in Pfrondorf unter Eichen, Buchen, Kiefern und Douglasien schwitzen und lernen. Denn demnächst steht die Entscheidung über die „Forsteinrichtung“ an.
Dabei geht es um den 10-Jahres-Wirtschaftsplan unseres Stadtwaldes. Anders als das zuständige Regierungspräsidium Freiburg schlägt die Tübinger Stadtverwaltung vor, den Hiebsatz nur wenig zu erhöhen auf 11.000 Erntefestmeter. Das wären dann immer noch 1.300 Festmeter mehr als der Durchschnitt in den vergangenen zehn Jahren. Der Deckungsbeitrag zur Finanzierung des Forstbetriebes würde sich dadurch verringern: um 90.000 bis 100.000 Euro pro Jahr (allerdings entfielen Mittel für Holzernte und Wege-Instandsetzung für 50.000 Euro.) Tübingen mit seinen gesunden Finanzen kann sich das heute offenbar leisten.
Eine Beratung findet im Planungsausschuss am 11. Juni statt. Entscheiden muss darüber der neue Gemeinderat nach der Sommerpause.

An exemplarischen Orten im Hägnach erläuterten Forsteinrichter Karl Heinz Schäfer und Götz Graf Bülow vom Landratsamt Tübingen, wie sie sich nachhaltiges Wirtschaften im Stadtwald vorstellen.
Die Forstrevierleiter haben häufig mit Klagen zu kämpfen, sobald ein Baum fällt. Das Bewusstsein für die Holznutzung sei bei den Bürgern oft sehr weit weg und der Wunsch nach purer Waldidylle sehr nah. Nachhaltigkeit ist seit 300 Jahren der dynamische Kernbegriff forstlichen Handelns. Forstrevierleiter Thomas Englisch:„Viele setzen Nachhaltigkeit mit einem festen Zustand gleich. Es ist aber ein ständiges Handeln.“ Holzeinschlag ist im besten Sinne nachhaltig: „Das lässt sich durch Zahlen prüfen.“

Unter 250 Jahre alten Eichen, die schon Napoleons Truppen überstanden haben, erklärten die Fachleute:

Die Vielfalt der Waldfunktionen soll erhalten bleiben: Ein lebendiges Ökosystem, CO2-Speicherung, Pflege der Waldbiotope und Verjüngung der Baumarten, Naherholung, Erwirtschaftung eines wesentlichen Deckungsbeitrages zur Finanzierung des Forstbetriebes.
Nadelbäume, besonders Douglasien, sind aufgrund ihres schnelleren Wachstums und der großen Nachfrage am Bau, die größten Gewinnbringer. Deshalb sollen künftig kleine Lichtungen geschlagen und Nadelbäume in den Mischwald gesetzt werden.

Vorteil eines geringeren Einschlags: Der stehende Wald dient als CO2-Speicher, und das nicht genutzte Holz steht künftig zur Verfügung. Das befürwortete der engagierte Bürger Dr. Jürgen Lücke. Er hatte Anfang des Jahres vor allem um die in Waldhäuser Ost gefällten Eichen getrauert. Eichen wachsen langsam und brauchen Schatten am Stamm, um gerade und astfrei in die Höhe zu treiben. Nur durch regelmäßige Pflege lassen sich Lichtbaumarten wie Eiche und Kiefer im Buchenwaldsystem erhalten. Nach jedem Hieb ist ein Wald zwei, drei Jahre anfälliger für Windwurf. In einem flach wurzelnden Nadelwald mehr als bei gut gegründeten Laubwäldern.

Nachteile: „Ich kann’s nicht sehen, wenn man das Holz verrecken lässt.“ Mit deutlichen Worten plädierte Revierförster Peter Weissinger für mehr Einschlag. Denn bei Kiefer und Buche ist mittelfristig mit einem gewissen Qualitätsverlust zu rechnen, weil sehr viel erntereifes Holz vorhanden ist. Und Qualitätseinbußen wollen die Abnehmer auf keinen Fall in Kauf nehmen. Darauf bestanden die Vertreter von Keck in Ehningen und Röwa aus Mössingen. Nicht einmal Verfärbungen durch Pilze werden in Lattenrosten geduldet.
Was oft vergessen wird: Wenn ein Baum auf natürliche Weise im Wald verrottet, wird dabei auch CO2 freigesetzt.

Fakten zum Stadtwald:

  • Prägend für den 1916 ha großen Stadtwald sind Buche (34%), Eiche (22%) und Kiefer (15%). Insgesamt beträgt der Laubbaumanteil 72%. Der Nadelbaumanteil sank auf 28%.
  • 50 Prozent des Stadtwaldes liegen im Naturpark Schönbuch.
  • Im Tübinger Stadtwald stehen 377 Festmeter Holz auf dem Hektar, 15 Festmeter mehr als 2006.
  • Nach jüngster Forstinventur gibt es rund 110.000 Festmeter Eiche. Jährlich werden 100 bis 200 davon eingeschlagen.
  • Die letzten 20, 30 Jahre mit „naturnahem Waldbau“ haben zu relativ dunklen Wäldern geführt. Forstrevierleiter Thomas Englisch:„Lichtliebende Pflanzen wurden aus den Wäldern verdrängt.“ Von Vertretern des Naturschutzes bekomme er immer wieder zu hören, wenigstens flächenweise stark auszulichten.
  • Auf 37 ha sind neue Waldbestände entstanden. Gepflanzt wurden rund 11.000 Bäume, wobei die Eiche mit 6.500 Stück die Hauptbaumart stellte.
  • Das wenige Wertholz bringt hohen Erlös, kostendeckend sind Massensortimente etwa für Zellstoff.
  • Der Betrieb erforderte einen Zuschuss von jährlich rund 110.000 Euro.
Karl Heinz Schäfer von der Forstdirektion Freiburg erklärt die Holzbestände im Tübinger Stadtwald

Götz Graf von Bülow misst den Umfang einer rund 180 Jahre alten Buche am Hägnach.
Jäger Heiner Märkle vom Tübinger Hegering erklärte seine Sicht auf die Waldpflege. In der Mitte Götz Graf von Bülow, daneben Barbara Landwehr, Leiterin der Abteilung Liegenschaften, sitzend: Anne Kreim, Stadträtin der FDP
Jeder gefällte Baum wird in Tübingen lebhaft betrauert. Aber nur wenige Wald-Liebhaber beschäftigen sich intensiver mit dem komplexen Management dieses Ökosystems.

Dramatischer stellte sich die Lage bei einer Pressetour durch den Schönbuch dar, als Anfang Juli der „Wald im Klimastress“ mit heftigem Käferbefall von der Forstdirektion vorgestellt wurde.

„Der Wald muss sich anpassen
Verändertes Klima, andere Pflanzen: Dass sich die Menschen an das Klima anpassen müssen, habe er vor drei Jahren beim Besuch des Staatsweinguts Freiburg erkannt, sagte Regierungspräsident Klaus Tappeser am Mittwochmittag beim Vor-Ort-Termin des Tübinger Presseclubs im Schönbuch. Statt Riesling werde dort nunvermehrt Chardonnay angepflanzt, dessen Reben an Sonne und Hitze gewöhnt sind.
Den „Wald im Klimastress – Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Wälder“ präsentierten Mitarbeiter der Forstdirektion vor der 15-köpfigen Gruppe, die mit Bussen drei Stellen im Schönbuch anfuhr und während der zweistündigen Tour durch dürre Zweige und Brennnesseln erfuhr, wie der vergangene Hitzesommer zu geschwächten Bäumen und explodierendem Borkenkäferbefall führte. Trostlos schaute das erste „Waldbild“ am Böblinger Sträßle aus, das sich die Besucher ansahen. Eine einzige Tanne stand einsam auf weiter Flur, denn rundum hatte der Fichten-Borkenkäfer seinem Lieblingsbaum den Garaus gemacht. „Gerade sind alle Käfer da“, sagte Hans-Joachim Hormel, Referatsleiter für Holzvermarktung. Das große Baumsterben sei ein europäisches Phänomen, weshalb die „Aufarbeitungskapazität“ nicht reiche und Schadholz mangels Transporter und Arbeiter häufig an Ort und Stelle bleibe.
Kleiner Baumnachwuchs dominierte das Bild bei der zweiten Stippvisite. Grundsätzlich sollten Neupflanzungen zielgerichtet erfolgen, erklärte Abteilungspräsident Martin Strittmatter dort. Mehr als 100000 Hektar baden-württembergischen Walds müssen nach derzeitigem Stand klimabedingt umgebaut werden. Vor allem die vier Hauptbaumarten Buche, Eiche, Fichte und Tanne eigneten sich zunehmend weniger für die Beforstung unserer Wälder, sagte Strittmatter.
Forstliche Versuchsanstalten, Universitäten und Förster vor Ort arbeiteten derzeit eng zusammen, erklärte Strittmatter. Verschiedene Klima-Szenarien und daraus resultierende Baumeignungskarten beschäftigen sie. Zunehmend gerate zudem der Wald als Ökosystem in den Fokus der Forscher. Denn falle eine Baumart aus, wirke sich das gleich auf das lokale Zusammenleben von Tier und Pflanze aus. Als Kandidaten für den hitzefesten Wald der Zukunft werden Baumsorten wie Zeder, Douglasie oder Schwarznuss untersucht.
An einer Station entlang des Postbotenwegs zeigte Hormel vor etwa 140 Jahre alten Buchen, wie diese Baumart, die sich auf natürliche Weise in der „Klimaxgesellschaft“ (der heutigen Waldzusammensetzung) ansiedelte, den Hitze- und Käfertod stirbt. Ein Anzeichen für abgestorbene Buchenkronen ist es, wenn der Baum unten noch grün ist, die Rinde aber abfällt. Tonige Standorte wie dieser bewirken, dass der Boden bei Regen aufquillt und bei Trockenheit zerreißt. Darauf wachsende Wurzeln – heute ohnehin kleiner als früher – werden dabei mit gesprengt.
„Der Klimawandel ist bei uns angekommen.“ Die gesamte Wald-Lebensgemeinschaft muss sich laut Hormel verändern. Tappeser bekräftigte: Es gelte, unterschiedliche Ansprüche an den Wald miteinander zu versöhnen, sagte Tappeser: die Förderung von Ökosystemen, die Erholungsfunktion seitens der Bevölkerung und den Bedarf der Holzwirtschaft. „Als Behörde negieren wir den Klimawandel nicht.“

Monica Brana im Schwäbischen Tagblatt vom 11. Juli 2019


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